Kultur : Das Rotkäppchenspiel

HARTMUT KRUG

Der Ehekrieg ist Ehealltag bei Rudolf und Alice.Schon die Frage, ob und wann sie zu einer Party gehen, entzweit die beiden und vereint sie auf dem Kampfplatz ihrer alltäglichen Gehässigkeiten.Der Zuschauer, der zu Einar Schleefs "Die Party"-Uraufführung in Bad Hersfeld gehen will, muß findig sein.Denn dieses Kammerspiel nach Motiven von August Strindbergs "Todestanz", diese Zimmerschlacht als Variation von Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf", diese zitatgepanzerte Druckkammer der Aggressionen, sie kann natürlich nicht auf der riesigen Freilichtbühne der Hersfelder Stiftsruine gegeben werden.

Der neue Festspielintendant Ingo Waszerka, der von Anfang an versucht, das Festspielangebot nicht nur bunter, sondern auch sperriger zu machen (unter anderem mit Savarys allerdings kräftig mißlungener Inszenierung von Shakespeares "Richard III."), ist für Einar Schleef an den Stadtrand von Hersfeld gezogen.Kein Schild, kein Pfeil weisen dem Ortsfremden den Weg zum ehemaligen Kasernengelände der Amerikaner, wo zwischen Speditionsfirmen und Lagerhallen in einer leeren Autoreparaturwerkstatt Schleefs Stück gezeigt wird.Ein mit Bedacht gewählter, unwirtlicher, ein abgeschiedener Ort: eine schmale, lange Halle, das Publikum sitzt an einer Längsseite dicht am Geschehen.Auf der Bühne, die sich der Regisseur Dieter Klaß selbst entworfen hat, viele Alkoholflaschen, dazu Zeitungsstapel, ein Telefon und ein Fernseher.Gestörte Kommunikation also, wir verstehen sofort.Die Bühnenbreite an beiden Enden von jeweils einem Sofa begrenzt, Boden und Rückwand klinisch weiß - die alltägliche Isolation.

Die Figuren des Stückes beschauen sich die allgemeine Isolation der Menschen zu Zeiten des "Deutschen Herbstes": im Fernsehen läuft eine Dokumentation über die Rote Armee Fraktion.Die Bedeutungsebenen durchdringen sich, im Schnittpunkt präsentiert sich das Thema blitzblank: Menschen, isoliert drinnen wie draußen, gefangen auch als Wärter.Menschen in Paranoia.Jeder hat Angst, vom anderen gefressen zu werden.Es beginnt mit einem Rotkäppchenspiel.Dann das Ehepaar im Ehekampf, der rückkehrende Freund beider wird - auch erotisch - in den Kampf gezogen.Das kennen wir von Strindberg.Von Albee stammt ein junges Paar; bei Schleef ist es eine italienische Hausangestellte mit ihrem Freund.Sie wird von Andrea Hofenbitzer aus Johann Kresniks Tanztheatertruppe im winzigen Bikini unter der offenen Uniformjacke als bewußt sexuelles Objekt gespielt, sie ist die eigentliche Domina.Bei Schleef wird öfter und derber als bei Strindberg von Sex gesprochen.Dennoch findet hier weniger ein Geschlechterkampf als ein Kampf um die ökonomische Macht statt.Wir sehen zwei Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Rudolf und sein aus Amerika zurückgerufener Freund Hans - zwei Konzernmanager mit Business-Köfferchen -zittern um ihre Jobs.

Einar Schleef kam 1976 aus der DDR in die Bundesrepublik, 1977 schrieb er "Die Party".Es ist ein Stück der angelesenen Klischees geworden mit Figuren wie vom Reißbrett der Kapitalismuskritik.Hier zerfleischen sich nicht Menschen vor uns wie bei Strindberg, sondern es werden in unendlichen Redeschleifen menschliche als gesellschaftliche Konflikte ausgebreitet.

Zu spielen wäre das nur in grotesker Übersteigerung.Der Regisseur Dieter Klaß wählt den undeutlichen Mittelweg.Allein Brigitte Peters, eingezwängt mit kompaktem Körper im engen Kleid, aufgeregt hin- und herrennend, kann ihrer Figur der Alice ein verzweifeltes, menschliches Ausbruchsverlangen erspielen.Bei Schleef bleibt die Ehefrau die Siegerin im Kampf um die Macht, weil sie den direkten Draht zur Konzernchefin hat, zur Mämmi.Da kann Rudolf das Telefon noch so verzweifelt abschließen: wenn die Mämmi endlich durchkommt, ist die Machtverteilung wieder klar.Blutig geschlagen, doch stolz im weißen Pelzmantel, so läßt sich Alice vom Ehemann zum Schluß zur Party geleiten.Der Freund Hans hat da schon längst Reißaus genommen.

Wir Zuschauer haben die anderthalb Stunden Spieldauer ausgeharrt, doch sie wurden uns mächtig lang.Einar Schleef hätte besser daran getan, das Stück in der Schreibtischschublade zu lassen.

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