Kultur : Das Ruhrpott-Epos von Tomy Wigand

Christian Schröder

In Castrop-Rauxel ist die Welt zuende - da wo die Eingeborenen Vokuhila-Frisuren tragen und alles in blau-weiss erstrahltChristian Schröder

Die Welt, in der Hans Pollak lebt, ist blau-weiß gestreift. Er schläft in blau-weißer Bettwäsche, trinkt seinen Morgenkaffee aus einer blau-weißen Tasse und sitzt den Großteil des Tages mit seinen Kumpels in einem Partykeller ab, der mit blau-weißen Postern tapeziert ist. Blau-weiß, das sind die Farben von Schalke 04, und Hans Pollak ist der wahrscheinlich größte Fan dieses Fußballvereins. Selbst den Nachmittag, an dem seine hochschwangere Frau Hilde mit Wehen ins Krankenhaus eingeliefert wird, verbringt er im Stadion. Das Heimspiel geht verloren, aber die Nordkurve jubelt trotzdem: Weil die Anzeigetafel verkündet, dass Hans Vater geworden ist.

"Fußball ist unser Leben", das Kinodebüt des Fernsehregisseurs Tomy Wigand, führt in eine exotische Welt, die gleich nebenan liegt. Ordentlich stehen die Einfamilienhäuser hinter ihren Vorgärten in Reih und Glied, die Fassaden sind schwarz verfärbt vom jahrzehntelangen Ruß-Ausstoß der Hochöfen, und in den Kneipen fließt allabendlich das Veltins-Bier in Strömen. Den Alltag im Ruhrpott und seine merkwürdigen Riten beobachtet Wigand mit dem neugierigen Blick eines Ethnologen, und ähnlich wie in den Pütt-Epen von Peter F. Bringmann ("Theo gegen den Rest der Welt") und Adolf Winkelmann ("Die Abfahrer") gehört seine ganze Sympathie dabei den Menschen, die hier leben.

Dass der Film die meiste Zeit die Balance halten kann zwischen Waschküchen-Realismus und Bo-ey-Alter-Klamauk, hat er seinen Darstellern zu verdanken. Uwe Ochsenknecht stammmt zwar aus Mannheim, doch den Pott-Proll Pollak gibt er so überzeugend, als ob für ihn schon in Castrop-Rauxel die Welt zuende wäre. Vokuhila-Frisur und Schnauzbart zieren sein Gesicht, unter dem Schalke-Fan-Pullover wölbt sich ein beeindruckender Bierbauch, und jedes "das" verschleift er korrekt zu einem "dat". Marita Marschall kann ihm als flinkzüngige Ehegattin durchaus Paroli bieten, Ralf Richter, Walter Gontermann und Michael Sideris komplettieren das Proll-Kleeblatt, auch Tana Schanzara als Urgestein in Küchenschürze fehlt nicht. Für seine Besetzung, so viel steht fest, hätte dieser Film die Adolf-Tegtmeier-Gedächtnismütze verdient.

"Fußball interessiert mich überhaupt nicht", sagt Michael Sideris in einer Szene zu seinen Fanclub-Kumpels, "ich gehe deshalb mit euch zu jedem Spiel, weil man hier ja sonst keine Freunde findet." Der Satz zeigt, was "Fußball ist unser Leben" auch hätte werden können: eine Tragikomödie aus dem richtigen Leben.

Aber anstatt sich ganz einzulassen auf seine Figuren, sucht Wigand lieber Zuflucht beim Altbewährten, den Strickmustern des Neuen Deutschen Action- und Komödienkinos. Weil sie mitbekommen haben, dass der Star der Schalker Mannschaft lieber Kokain schnupft als alles für den Verein zu geben, entführen Pollak und seine Kumpel kurzerhand diesen nach dem Vorbild von Maradona geformten Ballartisten. Dios (Oscar Ortega Sanchez) wird im zum Trainingslager umfunktionierten Partykeller eingekerkert, aus dem er erst entlassen werden soll, wenn er schwört, im nächsten Spiel garantiert ein Tor zu schießen. Das beschert dem Film ein paar Pointen über das Verhältnis von Deutschen und Ausländern sowie einige Verfolgungsjagden durch die Schrebergärtenkolonien von Gelsenkirchen. Doch weil ihm die Melodramatik des Alltags nicht genügt, rutscht "Fußball ist unser Leben" dabei in die Klamotte einer überanstrengten Kino-Konstruktion ab. Am Ende gewinnt Schalke das entscheidende Spiel, weil Dios sein Tor macht. Der Film hat da schon längst verloren.Cinemaxx Colosseum und Hohenschönhausen, CineStar Hellersdorf, Marmorhaus, UFA-Paläste Kosmos und Treptower Park

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