Kultur : Das sagenhafte Reich

Äthiopien und Deutschland: eine Ausstellung im Leipziger Grassi-Museum für Völkerkunde

Michael Zajonz

Als das Elbhochwasser 2002 den Dresdner Zwinger überflutete, bekam Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, einen ungewöhnlichen Anruf. Hiruy Amanuel, damals äthiopischer Botschafter, bot dem verblüfften Museumsmann Hilfe an. Verrückt: Eines der ärmsten Länder der Welt steht dem reichen Deutschland bei. Äthiopische Aufräumtrupps kamen in Dresden nicht zum Einsatz. Aber Roth erwiderte die Geste auf seine Weise: Er lernte das ostafrikanische Land, „das süchtig macht“, persönlich kennen. Mit dem Leipziger Grassi-Museum und dem Verein Städtepartnerschaft Leipzig-Addis Abeba entwickelten die Kunstsammlungen und die Kuratorin Kerstin Volker-Saad eine Ausstellung über den deutsch-äthiopischen Kulturtransfer, die nach ihrem Auftakt in Leipzig im Goethe-Institut Addis Abeba zu sehen sein wird.

Bei der Suche nach Sponsoren stieß Roth allerdings auf „phänomenales Desinteresse“. „Äthiopien und Deutschland. Sehnsucht nach der Ferne“ ist die erste Ausstellung der Dresdner Museen, die aus finanziellen Gründen verschoben werden musste. Das von Dürrekatastrophen und Bürgerkrieg gebeutelte Land, immerhin einer der weltweit wichtigsten Produzenten von Rohkaffee, scheint aus Sicht deutscher Manager zu den endgültigen Globalisierungsverlierern zu gehören.

Der Blick in die Geschichte zeigt, dass der europäisch-äthiopische Austausch nie ein breiter Strom gewesen ist. In der Frühen Neuzeit genoss das sagenhafte Reich als Land Utopia des schwarzen Kontinents, in dem Christen leben und dessen Herrscher von König Salomo und der Königin von Saba abstammen sollen, eher mythisches Interesse. In Europa galt alles als Äthiopien, was süd-südöstlich an Ägypten angrenzte. Noch die barocke Hofmohren-Mode zehrt von diesem Afrikabild. Erst die Forscher des 19. Jahrhunderts gehen systematischer vor, so Hermann Fürst von Pückler-Muskau, der mit der jungen Sklavin Machbuba sein persönliches Studienobjekt mitbringt, oder der Zoologe Alfred Brehm. Karl May hat seine Kenntnisse auch im Fall Äthiopien aus zweiter Hand bezogen. 1905 nehmen Äthiopien und das Deutsche Reich diplomatische Beziehungen auf. Koloniale Gelüste der Italiener hatte Kaiser Menelik II. zuvor militärisch abgewehrt.

Im 20. Jahrhundert erweist sich das Land als wenig stabil: Zwischen den Ikonen der äthiopisch-orthodoxen Kirche, der noch immer 45 Prozent der Bevölkerung angehören, und den am Westen orientierten Werken zeitgenössischer Künstler liegen gesellschaftliche Umbrüche, deren tiefgreifendster sich Haile Selassie verdankt, der zwischen 1916 und 1974 regierte: Der Berliner Künstler Marcel Odenbach reflektiert in seiner Installation „Alles Gute kommt von oben“ den Auftritt des Kaisers als zweiter Jesus. Den Boden bedecken Taschentücher, die mit dem Porträt des „Lord of the Lords“ bedruckt sind. Solche Tücher, die an das Schweißtuch der Veronika erinnern, ließ Selassie nach Armenspeisungen vom Himmel regnen. Ein Diener erinnert sich: „Die Menschen drängelten und streckten die Hände aus, denn jeder wollte ein Bild unseres Herrn nach Hause tragen, das auf wunderbare Weise vom Himmel gefallen war.“

Grassi-Museum für Völkerkunde Leipzig, bis 27.8. Katalog (Deutscher Kunstverlag) 29,90 €.

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