"Das Salz in der Wunde" von Jean Prévost : Die Rache eines Parvenüs

Ein kurzes, ereignisreiches Leben: Der französische Schriftsteller Jean Prévosts starb 1944 durch einen Hinterhalt der deutschen Besatzer. Jetzt erscheint sein Roman „Das Salz in der Wunde“ das erste Mal auf Deutsch.

Tobias Schwartz
Rache in Paris: "Das Salz in der Wunde" von Jean Prévost
Rache in Paris: "Das Salz in der Wunde" von Jean PrévostFoto: promo

Sein Freund Ernest Hemingway, heißt es, brach sich an seinem harten Schädel einmal während eines Boxkampfes den Finger. Der Philosoph Alain verglich ihn mit einem Stier (als solcher sei er auf jede Idee losgerannt). Aber er hatte auch seine sensiblen Seiten und gilt etwa als Entdecker Antoine de Saint-Exupérys, des Schöpfers des „Kleinen Prinzen“. Der Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Journalist Jean Prévost (1901–1944) erlangte posthum den Ruf, ein „Volksautor“ gewesen zu sein. Aber leider wurde er nie wirklich berühmt, nicht einmal in seiner Heimat Frankreich. In Deutschland ist er nach wie vor so gut wie unbekannt.

Dabei war er eine faszinierende, wenn auch durchaus keine arrivierte Figur des Pariser Literaturlebens der zwanziger und dreißiger Jahre, jemand, der sich auch nach der Hitlerschen Machtergreifung für „das andere Deutschland“ starkmachte, für Goethe, Heine, Kant und Nietzsche. Nach der Besetzung Frankreichs durch die Nazis ging Prévost allerdings in den Untergrund und schloss sich der Résistance an, um 1944 in einen Hinterhalt zu geraten und von den deutschen Besatzern erschossen zu werden. Ein kurzes, aber ereignisreiches Leben.

Ein Roman über Rache

Doch nicht nur die Person, auch der Autor Jean Prévost ist spannend. Davon kann sich jetzt jeder selbst überzeugen, denn in deutscher Sprache erscheint erstmals mit einem erhellenden Nachwort von Joseph Hanimann der Roman „Das Salz in der Wunde“, den man getrost einen Klassiker der Moderne nennen kann. Modern ist er in der Tat, allerdings eher in Bezug auf den Inhalt, weniger auf die Form. Denn die ist klassisch-linear – allein eingeschobene Gedanken in Versalien unterbrechen das Erzählen in der dritten Person.

Die Techniken von James Joyces „Ulysses“, den Sylvia Beach als Buch erstmals in Paris publiziert hatte, waren ihm fremd, und von der Art, mit der André Breton, Louis Aragon oder Apollinaire sämtliche klassischen Formgesetze über den Haufen warfen und die die Literatur surrealistisch revolutionierten, wollte er nichts wissen. „Das Salz in der Wunde“ lässt sich auf einen Punkt bringen, von dem alles ausgeht und auf den alles zuläuft: Rache. Es handelt sich um eine einzige Geschichte von Ressentiments und Ranküne. „Revanche“ hieß der 1934 ursprünglich in Fortsetzungen in den „Annales littéraires et politiques“ erschienene Roman zunächst und erst später, in Buchform, „Le sel sur la plaie“.

Eine Aufsteigergeschichte im Stil der großen Romanciers

Worum geht es? Ein Pariser „Freund“ wirft dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Protagonisten Dieudonné Crouzon vor, er hätte ihn bestohlen. Das stimmt zwar nicht, aber kaum jemand nimmt dem jungen Studenten seine Unschuld ab. Die Demütigung treibt ihn aus Paris in die Provinz. Und sie treibt ihn an, verbissen Karriere zu machen. Crouzon beginnt als hungerleidender Schreiberling für ein Wahlkampfblatt, mausert sich vom Journalisten zum Verleger und irgendwann millionenschweren Werbeunternehmer, zum Abgeordneten und beinharten, kaltblütigen Pragmatiker, selbst in Liebesdingen. Eine packende Liebesgeschichte gehört auch dazu. Am Ende steht die glorreiche Rückkehr nach Paris, das Wiedersehen mit den alten Bekannten, den alten Rivalen, die er sich zu Handlangern macht – eine sublime Rache, die ihm allerdings weder Genugtuung noch Seelenfrieden bringt.

Prévosts in den späten 20er Jahren angesiedeltes Psychogramm eines Parvenüs ist paradigmatisch und hat das Zeug zum Klassiker. Stendhal, Balzac, Zola, Maupassant – fast alle großen französischen Romanciers haben ähnliche Aufsteigergeschichten geschrieben. Wie sie ist Jean Prévost ein grandioser Plotter, vom Stil her Realist, aber eben auch ein scharfer, kritischer Analytiker. Wie nebenbei skizziert er die moderne Industriegesellschaft, die Funktionsweisen des Kapitalismus, die Herrschaft des Geldes und die Macht von Medien und Werbung.

Jean Prévost: Das Salz in der Wunde. Roman. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Manesse Verlag, Zürich/München 2015. 288 Seiten, 24,95 €.

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