Kultur : Das Scheitern der Nibelungen

Hitlers Krieg um das Kaukasus-Öl: Eine Potsdamer Tagung untersucht das „Modell Stalingrad“ und den Untergang der 6. Armee

Kai Müller

Über Stalingrad ist alles gesagt. Wir kommen trotzdem nicht davon los. Zum 60. Jahrestags der Schlacht um diese Stadt, in der die 6. Armee ein halbes Jahr um ihr Überleben kämpfte, bevor sie am 1. Februar 1943 aufgab, häufen sich Medienberichte, Fernsehsendungen und Bücher in einem Ausmaß, das weder durch historische Debatten entfacht noch durch neue Erkenntnisse gerechtfertigt wäre. Die mediale Großoffensive scheint vielmehr dem Bedürfnis zu entspringen, die letzten Zeitzeugen, bevor sie verstummen, noch einmal anzuhören und von dem Generalverdacht der Wehrmachtsausstellung zu befreien, der gemeine Landser sei bloß ein Völkermörder gewesen.

So werden Feldpostbriefe aus der eingeschlossenen Stadt im Rundfunk verlesen oder russische Veteranen von den Kamerateams des einstigen Kriegsgegners befragt. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Und sie ist nicht jedem geheuer. Der Militärhistoriker Jürgen Förster denkt dieser Tage denn auch öfters über die Tücken dieser Geschichtsmechanik nach. Der, der sich heute erinnert, ist nicht mehr derselbe, der er gewesen ist, seine Erinnerung auch ein Produkt jener Umstände, die ihn zur Erinnerung zwingen, meint er, ein Wort Martin Walsers aufgreifend. Dokumente haben diese Tücke nicht. So provoziert das militärgeschichtliche Kolloquium in Potsdam, das sich exakt 60 Jahre nach Görings berühmter „Leichenrede“ am 30. Januar 1943 mit den Ursachen und Folgen der Schlacht befasst, die Frage: Welche Schlüsse aus dem Geschehen ziehen, dessen Verlauf und die für beide Seiten unermesslichen Qualen zur Genüge bekannt sind? Gibt es ein „Modell Stalingrad“, wie der „Spiegel“ behauptet, dem eine zum Scheitern verurteilte Kriegslogik inne wohnt?

Als im Sommer 1942 die Operation „Blau“ beginnt, hat die Wehrmacht nach eigener Einschätzung nicht mehr die Mittel, um Moskau zu erobern und die Sowjetunion schnell zu zerschlagen. Hiltler weiß, dass er, will er an der Ostfront kriegsfähig bleiben, seinen Raubzug auf jene Rohstoffquellen ausdehnen muss, die im nördlichen Kaukasus in seiner Reichweite liegen. Dass er die 6. Armee unter General Paulus an das so genannte Wolgaknie führt, ist ein strategisches Missgeschick. Aber es hat Methode. Denn der Diktator fühlt sich zu Recht unter Zeitdruck gesetzt, muss er doch seit dem Kriegseintritt der USA mit einer Verschiebung der Kräfteverhältnisse und der baldigen Eröffnung einer zweiten Front in Europa rechnen.

Auch haben die Gemetzel vor Moskau bewiesen, dass die Rote Armee größere Opfer verarbeiten kann als angenommen. Von vornherein werden die Offensivpläne deshalb nur auf eine von drei Heeresgruppen ausgedehnt, mit fatalen Folgen: Die Heeresgruppe Süd, deren Aufgabe es hätte sein sollen, Stalingrad einzunehmen und dann zu den Ölfeldern Grosnys weiterzuziehen, wird aus Zeitgründen geteilt. Damit wird das ohnehin geschwächte Operationskorps noch einmal halbiert; die 6. Armee muss die Besetzung der Wolga-Metropole allein besorgen, obwohl es ihr im Häuserkampf an Erfahrung mangelt und die Nachschubwege zu weit sind. Lange bevor die 250000 Hitler-Soldaten eingeschlossen werden, hungern sie und sterben an Entkräftung. So ist Stalingrad keineswegs eine Wende, in der sich der Anfang vom Ende des Nazi-Regimes abzeichnet.

Der Hamburger Historiker Bernd Wegner spricht lieber von einer Zäsur. Die Niederlage sei bloß die militärische Konsequenz aus strukturellen Defiziten des NS-Systems, das zur Organisation eines modernen gesamtgesellschaftlichen Krieges nicht fähig war. Aus russischer Perspektive erscheint die Kesselschlacht vor allem psychologisch als Durchbruch. Zum ersten Mal gelang es der Roten Armee die Initiative zu ergreifen und große, auch territoriale Effekte zu erzielen. Obwohl die Panzerschlacht bei Kursk militärisch von größerer Tragweite war, beraubte General Tschujkow die Deutschen an der Wolga ihrer letzten strategischen Option. Michael Mjagkov zufolge war die Standhaftigkeit der Verteidiger vor allem Resultat der wachsenden Professionalisierung der Rotarmisten. Der berühmte Durchhalte-Befehl („Keinen Schritt zurück") habe sich an eine Truppe gerichtet, bemerkt der russische Militärexperte, die schnell von ihrem Gegner lernte. Dass trotzdem 13000 Soldaten als Deserteure oder Feiglinge hingerichtet wurden und eine Millionen fielen, wirft einen dunklen, weitgehend unerklärten Schatten auf diesen Sieg.

Als Göring die eingekesselte Armee am 10. Jahrestag der Machtergreifung mit den Nibelungen gleichsetzte, begründete er einen Opfer-Mythos, der bis heute ausstrahlt („Sie starben, damit Deutschland lebe“). Auch in den Augen der pazifierten Bundesrepublik soll das Massensterben nicht umsonst gewesen sein. Heute erschreckt vor allem der Automatismus, mit dem die Heeresführung sich auf das Stalingrad-Abenteuer einließ. Sehr früh schwenkte die Offizierselite auf Hitlers Linie eines Rohstoffkriegs ein, aber sie unterließ es, sich für Fehlschläge zu wappnen. Dass man eine Armee in Bewegung setzt, um Ölfelder zu erobern, lag fern ihrer Vorstellung. Und so unterwarf sie sich den militärisch immer unsinniger werdenden Forderungen des Diktators.

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