Kultur : Das Schiff sinkt nicht

Ein KINOBESUCH von Christina Tilmann

Trauriges Deutschland. Zumindest in der Sicht von Volker Schlöndorff. „Ich sitze in Zügen und Hotels, ich sehe junge Leute, die sich anöden, ich sehe mittelalte Pärchen in Midlife-Krisen, die lustlos aber teuer essen gehen, ich sehe hellwache Ältere in CaféKonditoreien, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen“, hat der Regisseur unlängst in einem Brief an alle Kino-Freunde bekannt. Und die Lösung gleich mitgeliefert: „Denen ginge es allen besser, wenn sie mal ins KINO gingen.“

Dass sie eben das nicht tun, zumindest nicht in die schönen Arthouse-Kinos, denen auch Schlöndorff und seine Filme ihren Ruhm verdanken, war Anlass einer Klage, mit der der Regisseur kürzlich für Unruhe in der deutschen Kinolandschaft sorgte. Die Zeit des klassischen Kinos sei vorbei, der Faden zwischen leidenschaftlichen Filmemachern und dem Publikum drohe zu reißen. Der Grund: zu unattraktive Filme. Zu viele Filme. Zu schlecht ausgestattete Kinos.

Klickt man sich durch die entsprechenden Foren, findet man allerdings zumeist Klagen über eben jenes Gemeinschaftserlebnis. Zu schwatzhafte Nachbarn. Zu lange Werbung. Zu kalte Klimaanlage. Zu lauter Ton. Zu viel Popcorn. Zu unbequeme Sitze. Zu teure Eintrittspreise, lautet die häufigste Kino-Kritik in InternetBlogs. Man habe es gemütlicher, konzentrierter, oft auch technisch besser ausgerüstet zu Hause – und billiger als Kino, Parkhaus, Popcorn und Bier sei die DVD sowieso. Also doch Plasma-TV und DVD als Tod des Kinos, und wir mitten in einer Trendwende, wie Schlöndorff meint?

Tja, und dann sieht man (im Kino!) einen Film wie Uli Gaulkes Dokumentation „Comrades in Dreams“: Vier Filmvorführer in aller Welt, in Indien, Nordkorea, Afrika und in den USA, sie alle leben fürs Kino. Bauen immer wieder ihr Zeltkino auf. Kämpfen um die begehrten Filmrollen. Arbeiten ehrenamtlich als Kartenabreißer oder Putzfrau. Versuchen, die Leute von der Straße weg ins Kino zu locken. Und am Ende, nachdem Leonardo Di Caprio mit der Titanic gesunken ist, kommen die Zuschauer von Wyoming bis Burkina Faso mit Tränen in den Augen aus dem Saal und sagen weise Sätze. Kino. Gemeinschaftserlebnis. Es gibt nichts Schöneres.

„Comrades in Dreams“ läuft bestimmt auch in Ihrem Arthouse-Kino. Gehen Sie hin.

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