Kultur : Das Schloss

Kafka kurios: „Cesky sen“ – zwei Prager Filmstudenten erfinden einen Hypermarkt

Martin Schwickert

Zu Tausenden sind sie gekommen und warten auf Einlass. Auf der grünen Wiese vor den Toren Prags erkennt man schemenhaft die Umrisse des Einkaufszentrums, für dessen Eröffnung schon seit Monaten geworben wird. „Cesky sen“ (Tschechischer Traum) nennt sich der neue Konsumtempel. „Geht nicht hin!“, „Kauft nichts!“ „Gebt kein Geld aus!“, war als Sprechblasen-Überschrift in den Anzeigen zu lesen. Trotzdem stürmt die Menge dem „tschechischen Traum“ entgegen – aber alles, was die Menschen vorfinden, ist ein Baugerüst und eine riesige, bunte Plane, die die Umrisse des Gebäudes simulieren.

Die Filmemacher Filip Remunda und Vít Klusák, Absolventen der Prager Filmhochschule Famu, haben der Konsumgesellschaft, in die sich ihr Land verwandelt hat, den Spiegel vorgehalten. Mit einer fingierten Werbekampagne haben sie ganz Prag in Aufruhr versetzt und ihr Experiment zu einem intelligenten Essay über Medienmacht und Kaufrauschkultur verwandelt. Ihr Film beschreibt detailliert den Aufbau einer kollektiven Konsumvision mit Marketingtechniken. Hochprofessionell sind die Filmemacher bei der Kampagne für den potemkinschen Hypermarkt vorgegangen.

Die Firma Boss hat die beiden selbsternannten Manager eingekleidet – und dafür darf der Filialleiter das Firmenlogo ganze fünf Sekunden ins Bild halten, während der Kameramann aus dem Off mitzählt. Ein Komponist gibt eine kurze Einführung in die Werbeharmonielehre und entwirft einen herzerweichenden Firmensong, der mit Kinderchor und Orchester eingespielt wird. Prospekte werden von Testpersonen geprüft, deren Augenbewegungen mit einer High-Tech-Apparatur aufgezeichnet werden. Plakate mit Phantomprodukten und Teaser in Radio und Fernsehen wecken den Appetit auf den „tschechischen Traum“.

Dazwischen erzählen Shopping-Süchtige von ihren familiären Kauforgien in Tschechiens Hypermärkten, von denen in den vergangenen zehn Jahren in der kleinen Republik bereits 125 aus dem Boden geschossen sind. Als die Menge schließlich auf den vermeintlichen Konsumtempel zustürmt, bleibt der erwartete Krawall aus. Die Filmemacher stellen sich der Diskussion. Der tschechische Sinn für Selbstironie, immerhin, siegt über die Aggression der verhinderten Endverbraucher. Einige wenige bedanken sich sogar, weil sie endlich mal wieder ein Wochenende auf der grünen Wiese anstatt zwischen Warenregalen zugebracht haben.

Sicherlich ist „Cesky sen“ kein Höhepunkt moderner Dokumentarfilmkunst, aber eine hochamüsante „mockumentary“, der man die wackligen Kamerafahrten, unbeholfenen Zoombewegungen und verraschelten O-Töne gerne verzeiht. In den Medien der Tschechischen Republik wurde die Aktion, die sogar eine Parlamentsdebatte auslöste, ausdauernd diskutiert. Aber auch für die bundesdeutsche „Geiz-ist-geil“-Kultur ist das tschechische Schelmenstück von erhellender Wirkung.

Blow Up, Moviemento (OmU)

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