Kultur : Das Schöne am Schongestorbensein

KERSTIN DECKER

Er ist Filmvorführer und muß nachher auf ein Begräbnis. Kommst du mit?, fragt Leopoldo den Kassierer. Leopoldo und der Kassierer sind meist ganz allein im Kino. Sie können eigentlich gehen, wann sie wollen.

"Gewerkschaft der Filmvorführer", steht auf den Angebinden. Nie mehr Filme zeigen müssen!, denkt Leopoldo. Und dafür auf Blumen gelegt werden. Der Mann auf den Blumen müßte jetzt etwas sagen. Totsein ist eine Form der Unhöflichkeit. Aber nicht bei Subiela. Jawohl, der ultimative Ruheständler des Lebens beginnt zu reden. Und sagt einen typischen Eliseo-Subiela-Satz: "Die Morgendämmerung soll nicht auf mich zählen!"

Subiela ist Argentiniens größter Tagträumer ("Die dunkle Seite des Herzens"). Argentinien, Südamerika, das ist magischer Untergrund. Magie ist, wenn alles mit allem ein Gespräch beginnen kann. Nichtmagische Unterhaltungen sind so einseitig. Wir reden mit Steinen und sie antworten nicht. Wir reden mit den Toten und sie antworten nicht. Subiela findet diesen Zustand unhaltbar.

Das Gegenteil von Magie sind Ehefrauen. Man merkt es schon daran, daß man mit ihnen kein Gespräch beginnen kann. Sie fragen immer nur: Aber wovon sollen wir leben? Es gibt Fragen, die kann man einfach nicht beantworten, denkt Leopoldo und arbeitet weiter an seiner Erfindung, dem Traumdetektor. Eine Tätigkeit, die seine Frau mit besonderem Mißmut begleitet. Da aber doch jeder einen Nächsten braucht, jemanden, der ihn auch ohne Worte versteht, trägt Leopoldo (Melancholiker wie die meisten Erfinder: Dario Grandinetti) immer eine Topfpflanze mit sich. Anita. Auch ein Verhältnis, das Leopoldo seiner Frau sehr entfremdet. Da kannte sie Rachel (ätherisch: Mariana Arias) noch nicht. Rachel ist die Frau, die plötzlich auf Leopoldos Detektor erscheint. Rachel ist wunderschön. Aber woher kommt sie? Ich bin die Frau deiner Träume, sagt Rachel. Sie hat nur einen Fehler. Sie ist schon tot. Ist das ein Fehler? Rachel würde nie fragen: Und wovon sollen wir leben? Der meistverkannte Vorteil des Schongestorbenseins.

"Stirb nicht, ohne mir zu sagen, wohin du gehst" ist kein Lustspiel. Es ist nicht mal makaber wie noch "Die dunkle Seite des Herzens". Aber ein Spiel ist es schon. Eins mit dem Tod. Vielleicht gibt es keine ernsthaftere Art, mit dem Tod umzugehen, als mit ihm zu spielen. Subiela wagt den maximalen Einsatz. Vielleicht ist er zu weit gegangen. Denn er macht Rachel, die schöne Tote, zur populären Platonikerin. Zur Wiedergeburtslehrerin. Sie sei Leopoldos Frau aus seinem früheren Leben, sagt sie. Nur eben nicht wiedergeboren worden. Es ist momentweise wie auf einer spiritistischen Sitzung. Vielleicht hatte es doch seine Weisheit, daß Frauen nicht Platoniker werden durften?

Rachel also, die Leopoldo nun immer begleitet. Zur Arbeit und nach Hause zu Leopoldos Frau. Rachel, die durch alle Autos hindurch über die Straßen geht. Niemand außer Leopoldo kann sie sehen. Das ist höchster Realismus. Surrealismus. So wie auch wir mit Menschen leben, von denen andere nicht wissen, daß sie immer um uns sind. Und in Gedanken mit ihnen sprechen. Aber wenn er sie umarmen will, hält er nur sich selbst. Tiefstes Bild der Einsamkeit. Bild der Existenz.

Rachel existiert so, wie es die Philosophen über Jahrhunderte erträumten. Ohne Leib. Ohne Schmerz. Als reiner Gedanke. Insofern erfüllt der Philosoph den klassischen Tatbestand des Untoten. Leopoldo jedoch hat Angst zu sterben. Und die Seligkeit nicht mehr zu spüren, deren Preis die Vergänglichkeit ist.

Man könnte das jetzt alles noch am Wesen des Kinos sowie des Computers erklären. Subiela schafft auch das. Die dritte Hauptrolle in diesem Film spielt der Roboter mit dem argentinischen Herzen, eine Erfindung von Leopoldos bestem Freund; die vierte - allerdings unsichtbare - gehört dem Geist des Kinos anundfürsich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die einsamen Spaziergänge Rachels und des Roboters mit dem argentinischen Herzen gehören zu den schönsten Augenblicken dieses Films. Welche Seelenverwandtschaft dieser beiden seelenlos Untoten-Ewigen.

Subiela treibt einen Bewußtseinskeil in unsere Selbstgewißheit, wir wären die Einzigen. Nur weil wir gerade jetzt, in diesem flüchtigen Weltaugenblick, existieren. Es stimmt ja nicht. Niemand, der einmal lebte, wird wieder - niemand.

Hackesche Höfe, Klick; fsk (OmU)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben