Kultur : Das schöne Baustellengefühl

Ein Luftschloss für die Mitte: Intendant Armin Petras startet am Berliner Maxim Gorki Theater

Rüdiger Schaper

Schon irre: ein Theater, eine neue Intendanz eröffnen mit einer Serie von Selbstmordstücken. Eintreten, abtreten, ankommen. Wunderbares Spätsommerwetter. Das ganze Haus, Garten, Kantine, Vorplatz ein Gruppenübungsplatz. Wie präzise und glatt, ja undramatisch Armin Petras und seine Leute den Premierenmarathon des ersten Abends durchziehen! Es herrscht konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Große Neugier und Theaterlust, doch keine Euphorie. So wie man es aus den Inszenierungen von Petras kennt – gebremste, spielerische Leidenschaft, Liebe zum Detail, der Schauspieler steht über der Geschichte, davor oder daneben. Nie geht er darin auf. Diskurstheater mit guten (östlichen) Gefühlswerten.

Eine mobile Einsatztruppe war das Petras-Theater bisher, in Hamburg, Frankfurt, Leipzig, Kassel, Berlin, überall. Jetzt will er sesshaft werden. Die Intendanz als Fluchtbewegung? Das neue Logo erinnert an eine Automarke und hat Flügel, es suggeriert Mobilität und eine starke corporate identity. Es ist wie ein Gesetz. Alle sieben Jahre erfindet sich hier ein Theater neu. 1992: Frank Castorf und die Volksbühne. 1999/2000: Thomas Ostermeier und Sasha Waltz an der Schaubühne, Claus Peymann am Berliner Ensemble. September 2006: Armin Petras, der als Fritz Kater auch weiter seine Stücke schreiben wird, stürmt das Maxim Gorki, das kleinste der Berliner Staatstheater. Neuinszenierungen, bis sich die Bretter biegen. Nur so kann man es machen in dieser Stadt. Blitzkrieg, große Klappe, volles Rohr. Tempo scheint wichtiger als Substanz, die Masse ist die Botschaft.

Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass es bei der auch im Oktober noch anhaltenden Premierenflut auf das einzelne Stück nicht so sehr ankommt. Denn sie müssen hier Repertoire spielen. Ibsens „Baumeister Solness“ als Initiationsritus in der Regie des Chefs funktioniert erst mal wunderbar. Solness ist ein gestandener, auch schon etwas abgestandener Mann, der nichts so fürchtet wie die jugendliche Konkurrenz – und nichts so anzieht wie das Neue, das ihn aus der Bahn wirft und schließlich umbringt.

Bauen heißt abreißen, zerstören, das weiß man am besten in Berlin. Armin Petras verpasst dem Architektendrama, das man unschwer als Regisseurskarrierenstory lesen kann, einen heimatkundlichen Prolog. Die Geschichte Berlins im Schweinsgalopp, von der Gletscherschmelze über den Zitadellenbau zum Alexanderplatz, und dann sind wir bei Peter Kurth, dem Neuzugang aus Hamburg, der seine Sekretärin knutscht und schnell noch seine Ehefrau begattet, um sich der neuen Praktikantin zu widmen, die mal eben sein Leben umschmeißt.

Ja, so kann es gehen. Und es tut nicht weniger weh, nur weil es banal ist. Peter Kurth, das sieht man schon nach den ersten Minuten, wird eine Stütze der neuen Gorki-Gesellschaft. Seine Ruhe, seine Kraft, der irre Blick wie einst bei Wildgruber: und endlich mal kein Brülltheater. Cristin König, die Architektenfrau (früher Schaubühne), spielt sich in ihrer absurden Dulderinnenrolle spürbar frei. Anja Schneider, der stürmischen Hippie-Hexe Hilde Wangel, kann der omni-impotente Baumeister keine Sekunde widerstehen. Er müsste sterben, nach Ibsens Bauplan. Petras hält das Drama an, und Solness verspricht, man wolle Luftschlösser bauen. Ende. Gutes Motto für ein neues Theater. Ibsens Fatalität durchbrochen, dialektisch überwunden. Hart, lakonisch, komisch, eine Bühne, die arbeitet wie Schnellbeton, kaum dreht man sich um, steht schon der Rohbau da.

Zweieinhalb Stunden später – inzwischen hat man Geschichten von Einar Schleef, Heiner Müller, Rolf Dieter Brinkmann oder Wolfgang Borchert sehen können, draußen im Kastanienwäldchen hinter der Neuen Wache – steht Hans Löw im großen Haus vor dem Vorhang und wühlt sich mit ansteckend guter Laune in die „Leiden des jungen Werthers“; für das Gorki eingerichtet von Regisseur Jan Bosse und der Dramaturgin Andrea Koschwitz. Löw, auch er ein Zugewinn für das neue Ensemble, führt lässig, aber mit heißem Blut vor, dass man Goethe’sche Prosa sprechen kann wie ein Stück Popliteratur; was der „Werther“ anno 1774 auch irgendwie war. Ein Bestseller, der eine Selbstmordwelle auslöste und dem Autor frühen Ruhm brachte.

Jugend – das Leitmotiv der Gorki-Eröffnung. Mit seinen 42 Jahren ist Petras im Theaterbetrieb unter all den Berufsjugendlichen noch immer der Überzeugendste. Das liegt an seinen Schauspielern. Man fühlt sich wie neugeboren (manchmal auch furchtbar alt), wenn Fritzi Haberlandt auftritt. Sie hat sich für Berlin und für das Maxim Gorki Theater entschieden, ein Glück für die ganze Stadt. Fritzi als Lotte. Traumfrau, Elend der platonischen Liebe. Endlich ist sie da, ganz in Weiß. Bald 23 Uhr, Löws Werther-Buben geht langsam die Luft aus, und Regisseur Bosse versucht mit uralten Tricks das Publikum auf Augenhöhe zu zerren. Schauspieler im Parkett, Riesenspiegel an der Rampe, Lottes Ehemann Ronald Kukulies tobt, alles schreit durcheinander. Hilft nichts. „Werther“ nervt, sein Tod: auch nur eine Luftnummer.

Aber die Nacht ist immer noch schön. Petras hat angefangen – und er hat dem Berliner Theater das Baustellengefühl wiedergegeben. Es war hier doch zuletzt vieles reichlich verfestigt und fertig.

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