Kultur : Das schöne Entlein

Groteske über den Jugendwahn: „Dumplings“

Karl Hafner

Egal, wie alt sie sein mögen: Männer lieben immer nur schöne, junge Mädchen. Davon ist das ehemalige Fernseh-Starlet Frau Li überzeugt, seit sie von der Affäre ihres Mannes mit einer 20-Jährigen weiß. Wenn sie heute ihre Serie von damals im Fernsehen sieht, muss sie weinen. Damals fand sie sich noch schön.

Frau Lis Minderwertigkeitsgefühle sind gut fürs Geschäft der Schönheitsindustrie. Dabei sieht sie immer noch fantastisch aus, eine elegante Frau von Welt. Doch in Fruit Chans „Dumplings – Delikate Versuchung“ schluckt frau einfach etwas, um jünger zu werden. Etwas Besonderes: Die Teigtaschen, die Frau Li (Miriam Yeung) von der Köchin Mei (Bai Ling) angeboten bekommt, sind gefüllt mit menschlichen Embryonen. Das Rezept scheint zu wirken.

Wie weit würde man gehen, wenn so manches Schönheits-Wundermittel tatsächlich den gewünschten Effekt hätte? Der Hongkong-Regisseur antwortet konsequent: so weit wie möglich, solange der Erfolg zu sehen ist. Wie viel Augenwischerei allerdings dabei ist, lässt er geschickt im Unklaren. An den Erfolg zu glauben, ist das Wichtigste. Die Köchin Mei will weit über 60 sein – weil sie aber wie 30 aussieht, müsse ihre Methode ja wirken. Bai Ling zeigt in ihrer Rolle, dass gutes Aussehen, gepaart mit Dreistigkeit, Einwände gegen ihre Schönheitsarbeit schnell vergessen macht. Sie gibt sich kokett, betont jugendlich und naiv.

In einer der schönsten Szenen singt und tanzt sie, während Frau Li mühsam auf den Embryonen herumkaut. Ein bisschen erinnert das an Bai Lings Auftritte als Berlinale-Jurorin: Damals trug sie ihre Schönheit dermaßen penetrant über den roten Teppich, als wollte sie damit den sonstigen Mangel an Stars ganz alleine wettmachen. Hier ist sie jedoch wunderbar in der Rolle als geschäftstüchtige Verführerin.

Nachdem Frau Lis erste moralische Hürde erst einmal genommen ist, gibt es bald gar keine Grenzen mehr. Weil ein Fötus im fünften Monat noch schneller schön machen würde, will Frau Li eben einen Fötus essen, der – in einer quälend langen Szene – erst noch abgetrieben werden muss. Doch auch an Tabubrüche gewöhnt man sich. Wie erträglich das Unerträgliche werden kann, zeigt Christopher Doyles Kamera immer wieder. In Großaufnahmen fängt er Frau Lis anfänglichen Ekel beim Essen ein, um dann die angenehme Distanz zu suchen, schmeichelnd und poetisierend, während allmählich lauter werdende Musik das widerliche Knacken der Knorpel übertönt. Als ob alles wirklich nur eine Frage des Standpunktes wäre.

Doch irgendwann wird sarkastisch abgerechnet. Es waren nur kurzfristige Effekte, die Frau Li zur Kannibalin machten: wieder mal Sex haben mit dem Ehemann, Gesprächsthema sein in der Frauenrunde. Die Schönheitsrezepturen zeigen Nebenwirkungen, der moralische Makel wird auf unangenehme Weise wahrnehmbar. Eine Katastrophe für Frau Li. Ach, und was ist schon Schönheit: Damals als junges Mädchen hatte sie das hässliche Entlein der Fernsehserie spielen dürfen. Und als hässliches Entlein fand sie sich schön.

Central (OmU), Filmkunst 66, Kino in der Kulturbrauerei, Zoo Palast

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