Kultur : Das schönste aller Gefängnisse

Deutsch-russische Kunst: „Paradies“ im Berliner Untergrund

Julia Büttner

Der Zugang zum Paradies liegt unter Tage, in einer Fußgängerunterführung am Alexanderplatz. Man passiert eine Stahltür und findet sich in der beklemmenden Enge der sonst unzugänglichen, dreistöckigen Bunkeranlage unterm Alex wieder. Stellt man sich so den idealen Ort vor für eine Ausstellung mit Namen und Thema „Paradies“ vor? Das Künstlerpaar Nina und Torsten Römer, Organisatoren der 5. Ausstellung des Projekts M°A°I°S° („Multiziplität als ideenproduzierendes System“), offensichtlich schon. Der enorme Andrang gibt ihnen Recht.

Wer idyllische Gärten erwartet, ist sowieso auf dem Holzweg. Denn paradoxerweise geht es in fast keiner der Installationen, Gemälde, Video- oder Fotoarbeiten der rund 100 Künstler des internationalen Ausstellungsprojektes um eine persönliche Vision von einem machbaren oder utopischen Paradies. Im Gegenteil scheinen die meisten Künstler davon überzeugt, dass die Vorstellung vom Paradies etwas ist, wovon man sich schnellstmöglich lossagen sollte. „This card will free you from paradise. Keep this card. You will need it“ steht auf grünen Kärtchen, die in den finsteren Gängen ausliegen. Auf der hinteren Wand eines Raumes, der mit vergitterten Lampen bestückt ist, verkünden Jakob Knapp und Sergej Ageev: „Der Garten Eden ist das beste aller bekannten Gefängnisse“, um den Besucher vom naiven Paradiesglauben zu befreien. Subtiler Jan Kadlecs Fotographien von playmobil-ähnlichen Einfamilienhausidyllen, inklusive akkuratem Zaun, spielzeuggleichem Feuerwehrauto und grotesk großem Segelboot im Swimmingpool.

Die Künstlerin Daniela Risch bietet in ihrer zweietagigen Installation „Garten Eden“ immerhin als Alternative zur „grellen Farbenpracht des Paradieses“ die Vogelperspektive auf die Probleme des Alltags an; der Zuschauer soll selbst entscheiden, was für ihn erstrebenswerter ist. Nicht mal die Befriedigung im Konsum als irdisches Ersatzparadies bleibt einem vergönnt: Ina Artemovas und Irina Chapiros „Einkaufsparadies“, ein Parcours zwischen mit Reklamefotos geschmückten, kniehohen Handtaschen endet mit der – nicht neuen – Erkenntnis: „Alles, was wir kaufen können, macht uns nicht wirklich glücklich.“

Begleitet wird die Ausstellung, die Teil der deutsch-russischen Kulturbegegnungen ist, von einem umfangreichen Rahmenprogramm. Da gab es unter anderem eine interaktive deutsch-russische „Knutschperformance“ des Kuratorenpaares, wobei das Publikum zum Mitmachen aufgerufen war – eine der wenigen Aktionen, die einen optimistischen Ansatz hatte.

Noch bis zum 2. November jeweils Donnerstag bis Sonntag von 14 bis 20 Uhr

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