Kultur : Das schönste Denkmal

Bebelplatz Berlin: Rund um Micha Ullmanns Skulptur zur Bücherverbrennung haben Bauarbeiten begonnen

NAME

Von Marleen Stoessel

Der Platz an diesem strahlenden Juli-Wochenende ist belebt. Mächtig wölbt sich die kupfergrüne Kuppel der Hedwigs-Kathedrale hinein ins Areal, in dessen Mitte sich der gewohnte Kranz von Menschen, die ihren Blick nach unten richten, klein ausnimmt. Durch eine Glasscheibe ist alles zu sehen, was hoch oben als ewiges Schauspiel vorüberzieht und sich mit dem Unteren spiegelnd vereint: Himmel, Wolken und eine gleißende Sonne, die um diese frühe Nachmittagszeit ein Lichtquadrat in die nordöstliche Ecke des unterirdischen Raums zeichnet. In diesem leuchtenden Quadrat erscheint nun die Leere des Raumes, die Nacktheit der weißen Bücherregale. Und manchmal zeichnen sich Schatten der Menschen darin ab. Wenige Minuten später wird das Lichtquadrat an der leeren Regalwand, diesem Platz für 20000 nicht mehr vorhandene Bücher, weitergewandert sein; eine neue Touristengruppe wird ihren Blick in das Luftgrab senken, in dem, gedenkt man seiner Bedeutung, alle Poesie erstickt.

26. Juli 2002, 7 Uhr morgens

Der Platz – einst das Forum Fridericianum, später benannt nach dem Arbeiterführer August Bebel – ist belebt. Studenten der juristischen Fakultät, die in der westlich gelegenen „Kommode“ ihren Sitz hat, gehen ein und aus; gegenüber, jenseits der „Linden“, an der Humboldt-Universität, reihen sich Bücherverkaufsstände, dazwischen rollt der Verkehr. Doch wie belebt und lärmend der öffentliche Raum erscheint, so lautlos und von allen fast unbemerkt hat sich hier eine Veränderung vollzogen.

Allen Protesten, Plädoyers, Unterschriftensammlungen, Petitionen und Initiativen zum Trotz, die dem integralen Erhalt des von Micha Ullman zur Erinnerung an die Bücherverbrennung von 1933 geschaffenen Denkmals samt dem umschließenden unterirdischen Raum galten, hat am Freitag, den 26. Juli 2002 um 7 Uhr morgens der Bau der Tiefgarage begonnen. Getragen durch die ebenso stotternd-zögerliche wie unbeirrte Zustimmung von Bezirk und Senat hat die Mitte der 90er Jahre in einem europaweiten Wettbewerb ausgelobte Münchner Firma Wöhr und Bauer mit einer Investition von 24 Millionen Euro den Bau übernommen. Bis Ende 2004 will man fertig sein, gemäß dem Auftrag , der – beginnend mit der Baugenehmigung im August 2001 – drei Jahre zur Realisierung vorschreibt. Die vom Investor auch auf Grund der Proteste unterbreiteten Alternativvorschläge, unter anderem die Verlegung der Garage unter die „Linden“, wurden vom Senat mit Hinweis auf Kosten und die derzeit freilich mehr als fragliche „Kanzler-Linie“ U 5 ebenso zurückgewiesen wie die Möglichkeit, das Projekt zurückzuziehen und den Investor auszuzahlen.

Erde, Pflaster, Wasser, Stille

In den vergangenen Wochen war der Eindruck entstanden, das Tiefgaragenprojekt könne buchstäblich versanden: eine Wunschvorstellung – in den Köpfen der engagierten Tiefgaragengegner. Denn im Juni war bereits hinter verschlossenen Türen mit der schriftlichen Genehmigung der „Beschilderungskonzepte“ der Startschuss zum Baubeginn gegeben worden.

Bis dahin hatte die Firma Wöhr und Bauer, nach Aussage ihres Berliner Projektleiters Stephan Keil, noch keine Verträge mit ausführenden Baufirmen abgeschlossen. Seit der Baugenehmigung vor zwei Jahren oblag dem Investor die genaue Aufnahme des Platzes, die Entwicklung eines Raumverteilungsplanes inklusive einer Koordination der Ver- und Entsorgungsleitungen. Erst vor wenigen Wochen wurde nun mit der schriftlichen Genehmigung dieser so genannten Beschilderungskonzepte der Startschuss zum Baubeginn gegeben. Das Baufeld wird „frei gemacht“, wie die Fachleute sagen.

Als zynisches Fait accompli ist nun seit Freitagmorgen die erste Phase der Bauarbeiten zu besichtigen, die von der BEWAG verwaltet werden: Ein Bauzaun, der den Verkehr „Unter den Linden“ auf die zwei mittleren Spuren verengt, umgrenzt ein großes Rechteck am vorderen westlichen Teil des Platzes. Darin ein Bagger, dessen Schaufel zum Wochenende still wie ein schlafendes Tier am Boden ruht, daneben aufgerissenes Pflaster, Steine, mehrere mit ihrem Erdwulst ausgebaggerte Poller, kleine, schon tiefer ausgehobene Areale, ein aufgeschütteter gelber Sandberg.

Unmissverständliche Zeichen. Doch die Studenten dachten sich nichts dabei, eben so wenig der täglich an seinem Stand arbeitende Bücherverkäufer. Jetzt ist er bestürzt.

Denn man wird nun wohl oder übel umdenken müssen. Mag der Ort, in Erinnerung an all jene symbolisch Verbrannten und später tatsächlich Ermordeten, gleichsam ein Friedhof sein, dem entsprechender Respekt gebührt – faktisch ist es ein demokratisch-öffentlicher Ort (katholische Kathedrale, Oper, Verkehrsministerium, Universität sind hier platziert). Der Boden ist kein geweihter, kein „ursprünglicher“, sondern ein gewordener, sprich historischer. In dessen Mitte eingesenkt das Denkmal: Ullmanns earth art, im mehrfach gewordenen Sinn, in dem sie ihr Material aus der gesamten Topographie – Erde, historische Pflasterung, Grundwasser, Stille – schöpft. Vom Künstler der Stadt überantwortet und damit auch seiner persönlichen Verantwortung entzogen.

Demnächst soll eine Broschüre der Baufirma die Öffentlichkeit über das gesamte Projekt, das Konzept des Investors und den Gang der Bauarbeiten sowie die beabsichtigte friedliche Koexistenz mit Micha Ullmanns Skulptur informieren. Die Investoren referieren die historische Entwicklung des Platzes und seiner Planung nach der Wende im Sinne einer Verkehrsberuhigung. Sie geben einen Überblick zu den künftigen Phasen der Bauarbeiten samt Grafiken und Bildmaterial. Sie geben Auskunft über die in der Behrenstraße gelegenen Zu- und Ausfahrten sowie die beiden Ebenen der Tiefgarage mit ihren 459 PKW-Stellplätzen selbst. Sie beschreiben die Sicherungsmaßnahmen für Ullmanns Kunstwerk. Vorausgesetzt, dass die technisch garantierte Erhaltung der physischen Integralität tatsächlich gelingt: Wird das Denkmal seine Lebendigkeit, seine Bedeutung, seine transzendierende, seine Erinnerungskraft erst recht und nicht gerade auch durch diesen öffentlichen, bodenaufreißenden Prozess erweisen?

Die schönste Statue, so erzählt Jean Genet von einem Besuch in Giacomettis Atelier, fand er am Boden liegend, im Staub, verdreckt und versteckt. Entsetzt darüber spricht er den Künstler an, und dieser antwortet ihm: „Wenn sie wirklich stark ist, wird sie sich zeigen.“ Ullmans leere „Bibliothek“, sein unterirdisches Denk- und Mahnmal hat diese Kraft längst erwiesen. „Wir müssen mit Überraschungen rechnen,“ sagt Projektleiter Keil.

0 Kommentare

Neuester Kommentar