Kultur : Das schönste Risiko der Welt

JAN SCHULZ-OJALA

Mit einigem Glamour und wenig Inspiration: "Primary Colors"und John Travolta eröffnen die Filmfestspiele von CannesVON JAN SCHULZ-OJALAKino darf lügen, ja, es muß sogar lügen, wenn es Kino sein will.Und es sucht Wahrheit, sofern sie nur gut erfunden ist, also: fast eine Lüge.Wirklichkeit aber - jedenfalls die aus den Zeitungen und Geschichtsbüchern - taugt im Kino nur, wenn aus ihr jene Wahrheit entwickelt wird, die auf Erfindung gründet.Also: auf der Lüge, dem Anschein, dem Spiel.Auf der stillschweigenden Übereinkunft zwischen Spielenden und Zuschauern, daß nur im Spiel die Wahrheit erkennbar ist.Deine Wahrheit, meine Wahrheit, unendlich viele Wahrheiten.Mit dem schönsten Risiko der Welt: Natürlich kann des einen Wahrheit des anderen Lüge sein.Seltsam, das weltweit bedeutendste Filmfestival scheint diesen uralten Konsens in Frage zu stellen.Die Filme jedenfalls, mit denen es - nach der letztjährigen Jubiläumsvöllerei - in die zweite Halbzeit seines ersten Jahrhunderts startet, sind geradezu dokumentarisch wirklichkeitssüchtig.Sie haben große Themen und Thesen, aber sie vergeuden ihre Kraft im Nachstellen dieser Themen und Thesen.Das Spiel, das doch das Ziel sein sollte, versandet in der Skizze oder kippt in die Kolportage.Und: Diese Filme - immerhin von Mike Nichols, Patrice Chereau oder auch Ken Loach - haben keine Vision.Ihre Bilder illustrieren nur, sie verführen nicht.Sie sind Text.Insofern sind sie traurig.Denn sie verbünden sich nicht mit unserer Phantasie."Primary Colors" zum Beispiel: Mike Nichols hat darin einen Schlüsselroman des Journalisten Joe Klein illustriert, der - schreibend - die Vorwahl-Ära Bill Clintons Anfang der Neunziger resümierte.Bill Clinton alias Jack Stanton: Mit diesem Alias für die Wirklichkeit hat Cannes sein 51.Festival zwar mit einigem Star-Glamour (John Travolta, Emma Thompson), aber cineastisch uninspiriert eröffnet.In Amerika hat "Primary Colors" knapp 40 Millionen Dollar eingespielt, das gilt, gemessen an dem Aufwand, als Flop.Nur: Wieviel mehr wäre der Film geflopt, hätte er nicht die Gratis-PR eines real existierenden Präsidenten und des real existierenden Interesses an seinen Affären nutzen können? Nichols inszeniert, woran auch die stets virtuose Kamera des Michael Ballhaus wenig ändert, langsam und bieder jene Monate nach, in denen Clinton seinen Aufstieg zum Präsidenten besiegelte.Ein bißchen dirty tricks, ein bißchen Bettgeschichten, ansonsten Politik auf Ortsvereinsniveau - und das aus der Perspektive eines schwarzen Wahlkampfhelfers, der die eigenen Wurzeln ausreißt, um zu einem in der Tiefe sympathisierenden Satelliten der Macht zu werden: Eine andere Handschrift hätte aus solcher Ambivalenz vielleicht Funken schlagen können - wie unlängst Barry Levinsons brillante Satire "Wag the Dog", in der man, ohne daß man den Präsidenten je zu Gesicht bekam, wunderbar begriff, wie Politik heutzutage funktioniert.Bei Nichols, reichlich unsicher in seinen Intentionen, reicht es nur zu einer unbefriedigenden Mischung aus Entzauberung und Propagandafilm.Der Kolumbianer Victor Gaviria dagegen hat sein Thema eisern in der Hand und läßt es zwei Stunden lang nicht los: Seine "Rosenverkäuferin" ist ein Aufschrei gegen die Verhältnisse in der Drogenhauptstadt Medellin, gegen die Zerstörung der Familien durch Drogen, schließlich und vor allem gegen die durch Drogen verursachte Selbstzerstörung der Kinder.Der Film will packen, und er packt - in seinen ersten Minuten.Dann geschieht, weil er die Tonlage hält, das Übelste: Man gewöhnt sich an den Schrei als ein Grundgeräusch und stellt fest, daß jenseits davon fast nichts ist.Ein Spielfilm - oder doch eher ein semidokumentarisches Manifest? Gaviria zieht mit der Handkamera zwei Weihnachtsnächte lang durch ein kaum inszeniertes Medellin, und am Ende ist ein kleines Mädchen (Lady Tabares), das vollgesnifft mit Klebstoff durch die Straßen torkelte, tot - nicht durch die Droge, sondern Zufallsopfer eines ordinären Schußwechsels.Dort aber, wo der Film sich ins unerläßlich Imaginäre hineintraut, in die Phantasien der kleinen Monica, stürzt er hilf- und rettungslos in den Kitsch.Leider auch nicht sozialkitschfrei ist Ken Loachs "My name is Joe", trotz einiger starker Momente: Arbeitsloser, "trockener" Alkoholiker (Peter Mullan) verliebt sich in Familienfürsorgerin (Louise Goodall), fällt, aus lauter Güte, in Kriminalität sowie Suff zurück und verliert - zumindest vorübergehend - die Freundin, der er auf dem Pfad der Tugend begegnet war.Was macht, daß man so versteinert beim Sehen? Vielleicht, daß man so überdeutlich sieht, auf welchen Pfad uns diese Filme bringen wollen?Patrice Chereau und Terry Gilliam reiten nicht auf Ideen herum.Sondern auf einem gemeinsamen Offenbarungseid mit sehr unterschiedlichen ästhetischen Folgen: Die Welt ist am Ende, und wir suchen uns eine Metapher dazu.Chereau erfindet hierfür - nicht eben originell - in "Die mich lieben, nehmen den Zug" ein Begräbnis: Ein Maler und Misanthrop wird in Limoges, auf dem größten Friedhof Europas, beerdigt.Wir sehen die Trauergemeinde anreisen, dasein und sich streitend zerstreuen.Die Lebenden, ob homo-, trans- oder auch heterosexuell, sind toter als die Toten, sagt Chereau und, hierin dem toten Sartre nicht unähnlich: Weitermachen müssen sie trotzdem.Wagen wir schon jetzt die Prognose: "Die mich lieben, nehmen den Zug" ist, weil ihm jegliche Lüge, aber auch jegliche Lust am Spiel fehlt, der kälteste Film dieses Festivals.Terry Gilliam läßt in "Fear and Loathing in Las Vegas" zwei sturzbedröhnte Typen (Johnny Depp und Benicio del Toro) im Jahre 1971 den Abgesang auf die längst sepiabraun gewordenen Sixties feiern.Der Film will, von Anfang bis Ende, nichts anderes als ein einziger Meskalin- und Kokain-Trip sein - mit unglaublich verwüsteten pinkfarbenen Hotelzimmern, mit zu Mini-Godzillas mutierten Casino-Besuchern und einem aberwitzigen Anti-Drogen-Kongreß mittendrin.Das ist manchmal sehr komisch und oft sehr weit weg.Und eben auch immer, immer auf einer einzigen Ebene.Draußen in Cannes dann scheint die Sonne.Sie ist sehr wirklich, behauptet sie.Wir glauben es nicht.

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