Kultur : Das schwache Geschlecht

Jobkrisen, Lebenskrisen: Das Istanbuler Filmfestival erzählt vom Leiden der Männer

Daniela Sannwald

Hoffnungslos, gedemütigt, geschlagen, passiv, aber voller Aggression: So präsentieren sich die Helden der neuesten türkischen Filme, die das International Istanbul Film Festival zeigte. Ja, das türkische Kino erzählt derzeit, so scheint’s, ausschließlich Männergeschichten, unabhängig vom Genre und davon, ob die Regisseure eher zu den Traditionalisten oder den intellektuellen, jüngeren Autoren gehören. Der Grund dafür: Die Krise, die seit drei Jahren die türkische Volkswirtschaft plagt, findet ihren künstlerischen Niederschlag – in den Sujets und in den immer härteren Bedingungen für die Filmproduktion. Besonders die jüngeren Regisseure operieren meist mit winzigen Budgets.

Unter wirtschaftlicher Ohnmacht haben – sichtbar etwa in den US-Filmen der frühen Dreißigerjahre – immer am meisten die Männer gelitten: Während sie noch jammern und sich die Haare raufen, stürzen die Frauen sich bereits in den Überlebenskampf. Auch in den wenigen neuen türkischen Filmen, die die Wirtschaftskrise nicht unmittelbar thematisieren, bleibt sie geheimes Leitmotiv – zeigen sie doch die tiefen gesellschaftlichen Veränderungen, die sie nach sich zieht. Und damit arrangieren sich die Frauen eben besser als die Männer.

In dem freundlichen Generationenfilm „Gülüm“ (Meine Rose) trifft es ausgerechnet den Motivationstrainer Sinan, der trotz seines Bestsellers „66 Wege zum Glück“ nicht weiter weiß. Seine Frau mag ihn nicht mehr, und da er sie ständig betrügt, hat sie allen Grund, sich von ihm zu trennen. Aber er versteht nicht; schließlich findet sogar sein Schwiegervater, dass man Frauen nicht zu gut behandeln dürfe. Außerdem hat ihm das Schicksal seiner eigenen Eltern bewiesen, was passiert, wenn ein Mann Schwächen zeigt: Die Mutter hat den Vater verlassen. So bleibt Sinan starrsinnig, obwohl ihm die Felle bereits davonschwimmen.

Wie schon in seinem letzten Film „Güle Güle“ beweist der 1941 geborene Regisseur Zeki Ökten Geschick im Umgang mit alten Schauspielern: Anders als in westeuropäischen Filmen finden sie in der Türkei wunderbare, altersgemäße Rollen, ohne dem Zwang zu unterliegen, nicht älter aussehen zu dürfen als 40. In „Gülüm“ verfolgt man die Ehegeschichte aus der Perspektive der beiden Väter; und es stellt sich heraus, dass weder das Beharren auf den traditionellen Werten noch eine Laissez-faire-Haltung, die nicht auf wirklicher Überzeugung beruht, bei der Suche nach dem Sinn des Lebens helfen können. Die Welt, in die Zeki Ökten seine Figuren aussetzt, besteht aus sonnenbeschienenen Postkartenansichten mit viel Wasser: eine stete Erinnerung daran, dass es keinen äußeren Grund gibt, Trübsal zu blasen. „Seht her“, scheint er seine Helden und sein Publikum zu ermahnen, „so schön ist die Welt!“

Das zweite Leben

Ein Paradies ist auch die Insel, auf der der Architekt Sinan in Ömer Kavurs „Karsilasma“ (Begegnung) strandet – auf den Spuren eines geheimnisvollen Spielhöllenbesitzers, den er bei der Chemotherapie in einem Istanbuler Krankenhaus kennengelernt hat. Sinan hat seinen Sohn bei einem Unfall verloren und sich von seiner Frau entfremdet. Der Casino-Boss, der von sich selbst behauptet, als böser Mann sogar den Krebs besiegen zu können, übt eine merkwürdige Faszination auf Sinan aus; scheint er ihm doch den Weg in ein zweites Leben zu eröffnen – mit einer Frau, die er liebt, und einem neuen Sohn. Aber kann man seinem Schicksal entrinnen? Ömer Kavur lässt den Protagonisten gegen steile Steigungen ankämpfen, indem er ihn immer wieder aus der Untersicht fotografiert. Und er hat die Rolle mit Ugur Polat besetzt, dem wohl großartigsten türkischen Schauspieler.

Ganz anders der für den Wettbewerb in Cannes ausgewählte und in Istanbul mehrfach ausgezeichnete „Uzak“ (Fern): Der Film von Nuri Bilge Ceylan – sein „Mayis Sikintisi“ lief 2001 auf der Berlinale – krankt an seinem ungelenken und uninspirierten Hauptdarsteller Muzaffer Özdemir. Zwar spielt er den Istanbuler Fotografen Mahmut mit der nötigen Muffligkeit, aber man fragt sich immer wieder, ob er vielleicht auch im wirklichen Leben nicht anders kann. Mahmut bekommt Besuch von Yusuf, einem Verwandten aus der alten anatolischen Heimat: Der hat seine Arbeit in der Fabrik verloren und sucht nun in Istanbul einen neuen Job. Widerwillig akzeptiert der Fotograf die Gesellschaft des naiven jungen Mannes, bis der dann eines Tages wieder verschwunden ist.

Kalt, dunkel und verschneit, so präsentieren sich die Exterieurs, und innen ist es auch nicht wärmer. Nuri Bilge Ceylans Film zeigt, was sein Titel ankündigt: größtmögliche Distanz zwischen Menschen – und zwischen Menschen und ihrer Umgebung, die sie eigentlich nicht wahrnehmen. Trotz aller Depressionen nicht den Blick für die Abenteuer des Alltags zu verlieren: Diese Fähigkeit ist den türkischen Kinohelden Kinos offenbar abhanden gekommen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben