Kultur : Das schwarze Theater

So war mein Wagner: Die Abtretungsurkunde zum Bayreuther „Ring“ 2006 / Von Lars von Trier

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Es hätte – nach Patrice Chéreau 1976 – der vielleicht größte RegieCoup von Festspielchef Wolfgang Wagner werden sollen: Der dänische Dogma-Filmer Lars von Trier inszeniert 2006 auf dem Grünen Hügel von Bayreuth Wagners „Ring des Nibelungen“. Über zwei Jahre lang beschäftigte sich der bekennende Opernfremdling intensiv mit der Tetralogie – um Anfang Juni 2004 den Auftrag überraschend zurückzugeben. Daraufhin wurde der Dramatiker Tankred Dorst verpflichtet. In einer „Abtretungsurkunde“ erklärt von Trier nun, warum sein „Ring“ nicht nur für Bayreuth „die Hölle“ geworden wäre und die Welt ihn leider nie wird sehen können. Wir drucken die gekürzte Fassung mit freundlicher Genehmigung der Bayreuther Festspiele. (Tsp)

Ich möchte zuerst meine Voraussetzung für die Inszenierung von Opern darstellen: Ich habe keine. Vielleicht abgesehen von einer instinktiven Neigung zu diesem Medium, und fort von diesem Medium. Wagner jedoch habe ich immer geliebt. Vor allem seine Musik und das Monumentale in seinem Leben und Werk. Aber vielleicht gerade aufgrund meiner Vorbehalte war mir recht klar bewusst, dass ich in Bezug auf den „Ring“ etwas zu bieten gehabt hätte. Ich besaß den Willen und die Liebe, und ich hatte das Gefühl, meine fehlende Opernbildung in eine Stärke verwandeln zu können.

Oper ist für mich ein seltsames Phänomen. Diese Ansicht teile ich wohl mit den meisten auf diesem Gebiet unkultivierten Personen. Die Welt, in der eine Geschichte sich abspielt, ausschließlich mit singenden Individuen zu bevölkern – ohne das ansonsten zu erklären –, ist ein Quantensprung. Im Hinblick auf Wagner sah ich rasch nur eine einzige Möglichkeit, nämlich, dass das Erlebnis für mich von gefühlsmäßiger Art sein sollte. Aber wie kann man einen gefühlsmäßigen Kontakt zum Publikum erlangen, oder, genauer gesagt, wie kann man es vermeiden, das Entstehen dieses Kontakts zu verhindern? Man gestattet es dem Publikum, auf das Gefühlsregister zurückzugreifen, das es aus der Wirklichkeit kennt, indem man darauf besteht, dass die Vorstellung Wirklichkeit ist. Eine stilisierte Wirklichkeit, eine poetische Wirklichkeit, in der die Stimmen Melodie besitzen und die Stille klingt.

Siegfried und Wotan und Fafner und Brünnhilde und alle anderen sind wirklich und leben in einer wirklichen Welt. Sie sind in erster Linie keine Symbole oder Illustrationen oder Zierrat oder Abstraktionen. Sie alle besitzen eine Psyche, durch diese entstehen Konflikte und damit Einfühlungserlebnisse und Empfindungen des Publikums. Es kann durchaus von großer Wirkung sein, Wagners so menschliche Gottheiten sich im englischen Industrialismus oder im Dritten Reich tummeln zu lassen – aber besser wird das Stück davon nicht. Wir brauchen keine Parallelen! Die sind sogar direkt störend. Überlassen wir Parallelen und Interpretationen dem Publikum!

Wenn Fafner dem Publikum eine Gänsehaut bescheren soll, dann ist es die verdammte Pflicht des Regisseurs, all sein Können für die Erzeugung dieser Gänsehaut einzusetzen. Wenn Siegfried ein Held war, dann muss er als solcher dargestellt werden, so unmodern, undankbar und politisch unkorrekt das auch wirken mag. Wollen wir Wagner, dann wollen wir Wagner. Also stehen wir dazu. Alles andere wäre feige. Wenn Wagner seine Inspiration aus der Zeit der Völkerwanderung bezogen hat, dann muss das das Dogma sein, unter dem ein Regisseur sich ans Werk macht. Ist Wagners künstlerischer Ausgangspunkt ein Menschenbild, das wir heute nur mit Mühe hinnehmen können, dann muss die Aufführung sich seinen Ansichten fügen: Wagners „Ring“ in den engen Panzer des modernen Humanismus zu pressen, wäre ebenso irreführend und falsch, wie sich im Klassiker zu suhlen, indem man sich über ihn lustig macht. Wagner hat aus den Mythen einen Mythos geschaffen, und wer sich davor fürchtet, soll die Finger davon lassen.

Aber wie kann man der visuellen Darstellung die nötige Wirklichkeit verleihen? Wagner war mit der ersten Aufführung des „Ring“, die er 1876 selbst inszeniert hatte, ganz und gar nicht zufrieden. Er ärgerte sich über die Sänger mit ihrem manirierten Gebärdenspiel. Auch die Größe seiner Idee der fliegenden, brünnentragenden Walküren erschien ihm in der Darstellung auf der Bühne enttäuschend blass. Die „Verwirklichung“ machte ihm Probleme. Die Illusion seiner eigenen mythologischen Welt. Und wir wissen, dass die Illusion für Wagner wichtig war. Denken wir nur an seine Regieanmerkungen zum Kampf zwischen Siegfried und Fafner, in denen er en detail beschreibt, wie groß die „Flüstertüte“ sein soll, durch die der Sänger dem gewaltigen Tier eine Stimme verleiht.

In Wagners „Gesamtkunstwerk“ sollten alle künstlerischen Effekte und Stilmittel Verwendung finden. Er erfand den „mystischen Abgrund“, den versteckten Orchestergraben (die Musik sollte einfach so im Raum existieren). Was der Komponist damit erreichen wollte, hat große Ähnlichkeit mit dem, was wir heute Film nennen. Wollte Wagner einen Film herstellen? Vielleicht. Für mich würde der „Ring“ als Film seine Vitalität verlieren. Und die Idee der Oper verraten, die für mich, über die Illusion hinaus, eben auch Vorführung ist. Wie ein Seiltanz oder ein Zauberkunststück für den Film ungeeignet sind, so ist es auch mit der Oper. Denn die Anwesenheit ist eine ungeheuer wichtige Zutat. Oper muss „live“ vorgeführt werden, mit der einzigartigen Qualität des Augenblicks, für anwesende, lebendige Menschen, von anwesenden, lebendigen Menschen.

Das Grundlegende der Illusion ist, dass sie nur im Bewusstsein der Zuschauer existiert. Wie aber können wir sie dort zum Leben erwecken? Indem wir andeuten. Indem wir Dinge zeigen, die die Zuschauer dazu bringen, die Illusion zu „sehen“, die eben nicht gezeigt wird. Wenn A über B zu C führt, dann zeigen wir A und C und überlassen B dem Zuschauer. Das Erfolgsrezept des Zauberkünstlers. Wir sehen die Grundlage und das Ergebnis, die Verwandlung aber sehen wir nie.

Alles, was am „Ring“ wirklich interessant ist, kann also nicht gesehen werden! Die visuelle Mythologie ist ein klares „B“! Daraus folgerte ich, dass sich die ultimative Inszenierung in totaler Finsternis abspielen müsste! Indem man keine Personen, Bühnenbilder und Handlungen zeigt, wird das Publikum in die Lage versetzt, sich davon Bilder zu machen. Wobei die totale Finsternis für einen Regisseur zwar konsequent ist, aber auch leicht armselig und unbefriedigend.

Meine Konklusion: das „schwarze Theater“. Oder: Eine Inszenierung der „bereicherten Dunkelheit“. Die moderne Operninszenierung bedient sich stets des maximalen bildlichen Ausdrucks. Sie greift zu gewaltigen, teilweise abstrakten Bühnenbildern. Das Ergebnis ist, dass die Bühne innerhalb weniger Augenblicke dem Publikum vertraut und zu einem Ort wird, an dem sich alles abspielt. Das war nicht immer so. Zu Wagners Zeit wurde bei Gaslicht gespielt, er hat also für ein um einiges niedrigeres Lichtniveau geschrieben. Die Bedingungen für das Mystische waren dadurch viel besser. Erst nach Einführung des elektrischen Lichts konnte man wirklich die Gesichter der Sänger unterscheiden (und Wagner hätte erst recht Probleme mit dem Konkreten bekommen).

Ich hatte nun vor zurückzugehen. In die Dunkelheit zu gehen, die wir dank unserer modernen Techniken um einiges präziser einsetzen können. Dieses Konzept ist im Grunde filmisch. Vor allem im Thriller ist die Technik, etwas anzudeuten, ohne es zu zeigen, oft benutzt worden, weshalb sie auch mit großem Erfolg auf die Computerspiele übertragen werden konnte. Wir kennen aus beiden Medien das dunkle Haus, in dem der dünne Lichtstrahl einer Taschenlampe die einzige Lichtquelle darstellt. Und mehr noch gilt das für die Wirklichkeit: Nachts bevölkert sich die sichere Geborgenheit unserer vertrauten Umgebung mit Dämonen. Und wie wir alle wissen, ist das, was niemals ans Licht kommt, immer viel wirklicher und entsetzlicher.

Stellen Sie sich also zwei kleine Lichtflecken auf einer Bühne vor, oben und unten. Wir sehen die unterste und die oberste Sprosse einer halb zerbrochenen Leiter. In einem Thriller würde jetzt von oben Blut heruntertropfen. Während eine Person die Leiter hochklettert und in der Dunkelheit verschwindet, beginnt die Leiter zu beben. Wenn die Person vorher bewaffnet war, dann hat sie ihre Waffe irgendwann in den unteren Lichtflecken fallen lassen. Es folgt eine Zeit der Reglosigkeit. Danach fängt die Leiter oben an zu beben. Bis zwei stark behaarte Hände sich aus der Dunkelheit lösen und sie wegreißen. Diese Szene soll nur das gefühlsmäßige Potenzial andeuten, das die „bereicherte Dunkelheit“ enthält.

Was den „Ring“ angeht, so meine ich, dass wir mit dieser Technik einen großen Teil dessen hätten zeigen können, wovon Wagner geträumt hat. Indem wir nicht „demokratisch“ beleuchten, sondern stark manipulierend, besitzen wir die Möglichkeit, die Welt in der Vorstellung des Publikums wachsen und sich verwandeln zu lassen. Mit Hilfe der Dunkelheit wird es plötzlich auch viel leichter, von außen kommende Bilder in einen glaubwürdigen Zusammenhang mit den Elementen der Bühne zu bringen. Es bietet sich an, Videoprojektionen zu nutzen, um die Bühnenlandschaft ins Unendliche zu erweitern. Zugleich können wir so etliche der Spezialeffekte und „Zaubernummern“ ermöglichen, die der „Ring“ verlangt. Das Publikum ist durch Film und Fernsehen an ein ganz anderes Sehen gewöhnt als zu Wagners Zeiten. Mit der Technik der Lichtflecken könnte ich ein Äquivalent zur Filmleinwand schaffen und die Bildfläche seitwärts oder vertikal verschieben, um so „Kameraschwenks“ und Kranbewegungen nachzuahmen.

Bei einem maximalen Bühnenbeleuchtungsgrad von fünf Prozent ist klar, dass das Detail wichtig wird. Mit meinem Bühnenbildner Karl Juliusson habe ich ein umfassendes Bildarchiv aus Natur- und Landschaftsdetails aufgebaut – zum Beispiel mit unterschiedlichen nordeuropäischen Moosarten und ebenso vielen Lavaformen. Denn die mythologische Landschaft kann nur aus strikt naturalistischen Elementen zusammengesetzt werden. Sauerampferblätter und Balkenfugen in der Völkerwanderungszeit müssten gleichermaßen authentisch wirken, und sei es nur für die Dauer eines Lichtstrahls. Größe im Kleinen und Göttlichkeit in der Natur. So war mein Wagner!

Das „schwarze Theater“, das „Zaubertheater“, die „bereicherte Dunkelheit“ ist keine einfache Größe. Der „Ring“ in meiner Form forderte nicht nur eine peinlich präzise und teure Einrichtung und Synchronisierung, von den vielen Videobildschirmen bis zur avancierten hydraulischen Bühnentechnik. Außerdem tausende von sorgfältig eingesetzten „Licht- Hinweisen“ – ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten, die sich bei dem bloßen Versuch ergaben, die göttliche Dunkelheit zu bewahren.

Die Aufführung könnte also jegliche Autorität verlieren und donnernd zu Boden stürzen, wenn sich auch nur winzigste Fehler einschlichen. Ich behaupte nicht, dass es unmöglich gewesen wäre, doch durch meinen krankhaften Drang zum Perfektionismus wäre es ganz einfach die Hölle geworden.

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