Kultur : Das Schweigen des Südens

Frank Noack

zerlegt ein paar Klischees über Europa Der Name Lars von Trier steht für strenge, schmucklose Filme, ganz in der Tradition seines Vorbilds und dänischen Landmannes Carl Theodor Dreyer. Nach Dreyers Tod und Ingmar Bergmans Halbruhestand ist von Trier der Hauptrepräsentant einer Kunstform, die man unter Vorbehalt protestantisches Kino nennen kann. Kaum jemand außerhalb Dänemarks und Schwedens bringt so unerbittlich asketische Filme auf die Leinwand. Dass von Trier auch anders kann, oder konnte, beweist die Wiederaufführung von Europa (1991). Dieser Politthriller zeichnet sich durch radikalen Stilwillen und geradezu barocke Fantasie aus. Expressionismus, Videoclip-Ästhetik, Doppelbelichtungen, Farbe und SchwarzWeiß im Wechsel, nichts wird ausgelassen. Als Kameramann wurde der Veteran Henning Bendtsen verpflichtet, der noch mit Dreyer gearbeitet hat. Lars von Trier erzählt die Geschichte des in die USA emigrierten Leopold Kessler (Jean-Marc Barr), der 1945 nach Frankfurt zurückkehrt und als Schlafwagenschaffner arbeitet. Langsam kommt er einer Nazi-Verschwörung auf die Spur. Steckt die Frau, die er liebt, mit Werwölfen unter einer Decke? Droht ein Sprengstoffattentat auf die Bahn? Trotz der abstrusen Handlung und der stilistischen Exzesse ist von Triers Werk von einer formalen Geschlossenheit, die den späteren Meister verrät (bis Mittwoch im fsk).

Was ist typisch protestantisch und nordeuropäisch, was katholisch und südeuropäisch? Italienern wird ein überschäumendes Temperament nachgesagt, doch von dort kommen einige der stärksten Filmklassiker über Entfremdung. In Michelangelo Antonionis La notte (1960) schweigen sich Jeanne Moreau und Marcello Mastroianni als erstarrtes Ehepaar an (Freitag im Arsenal). In Pier Paolo Pasolinis Teorema (1968) bringt ein Fremder sehr still den Alltag einer großbürgerlichen Familie durcheinander (Sonnabend im Arsenal). Der große Irrtum (Dienstag im Arsenal) in dem gleichnamigen Film von Bernardo Bertolucci (1972) kommt zustande, weil die Menschen zwar miteinander reden, aber nie ehrlich zueinander sind. Italien – nichts als „parlare“? Wie schön, wenn Klischees immer wieder mal widerlegt werden.

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