Kultur : Das Schwere zum Schweben bringen - Herkules im Stahlwerk

Bernhard Schulz

Nur langsam vermag sich die Öffentlichkeit an die Stahlskulpturen Richard Serras zu gewöhnen. Dass sich die Bauausstellung "IBA Emscherpark" im Ruhrgebiet zu guter Letzt mit einer Serra-Plastik schmückte, deutet den Wandel an. Zwanzig Jahre zuvor war seine Skulptur "Terminal" vor dem Bochumer Hauptbahnhof noch die Zielscheibe wütenden Bürgerprotests gewesen, und temporär angelegte Arbeiten, wie diejenige vor dem barocken Erbdrostenhof in Münster 1987 oder "Street Levels" in der Kasseler Innenstadt im selben Jahr, wurden argwöhnisch beobachtet, auf dass sie nur ja keinen Tag länger als genehmigt verweilten.

Dabei hat Serra, einer der unzweifelhaft bedeutendsten Künstler der Gegenwart, in Deutschland seine wohl größte Verehrerschar außerhalb der USA gefunden. Nebenbei ist ein Gutteil seiner gewaltigen Stahlarbeiten hierzulande entstanden, nachdem Serra mit der Teilnahme an der documenta V von 1972 internationale Beachtung gefunden hatte. Der documenta blieb der 1939 in San Francisco geborene Amerikaner noch mehrfach verbunden, während sich parallel seine weltweite Tätigkeit entfaltete. Die viele Tonnen schweren stählernen Plastiken, auf die sich Serra nach seinen anfänglichen Gummi- und Bleiarbeiten nun ganz konzentrierte, erforderten jedesmal einen erheblichen technischen und logistischen Aufwand. Sie drängten von vorneherein in den öffentlichen Raum. Serras Plastiken schaffen und definieren Raum, durch ihre Größe wie durch die physische Präsenz des roh belassenen CorTen-Stahls, und sie suchen und fordern die Öffentlichkeit. Auch wo sich Serra, dieser Herkules im Stahlwerk, ins Museum zurückzieht, um mit waghalsigen Einbauten den Betrachter zu überwältigen, stellt er eine Öffentlichkeit her, die den abwertenden Begriff der "Museumskunst" Lügen straft.

Mit einer im öffentlichen Raum aufgestellten Arbeit geriet Serra denn auch in einen der tiefsten juristischen Konflikte der Gegenwartskunst. Eine gekurvte Stahlskulptur vor New Yorker Behördenbauten erregte derart Widerspruch, dass sie schließlich nach jahrelangem Rechtsstreit auf bundesstaatliche Anordnung hin beseitigt wurde. "Das Werk entfernen heißt das Werk vernichten", kommentierte Serra ebenso lapidar wie bitter. Wie kaum ein anderer Künstler ist er sich der Besonderheit eines jeden Ortes bewusst, für den er ein Werk schafft, und es kennzeichnet die Oberflächlichkeit heutiger Sehgewohnheiten, dass genau dieser Ortsbezug bei Serra wieder und wieder geleugnet wird.

Natürlich erarbeitet Serra daneben auch an nicht-ortsspezifischen Skulpturen. Schließlich ist das Generalthema seines mittlerweile imposant angewachsenen Werkes der Raum, der durch die metallenen Flächen - gerade, geneigt oder gebogen - geschaffen und zugleich gerichtet, geweitet oder verengt wird. Die Erfahrung, durch eine seiner doppelschaligen Skulpturen von oft mehr als einem Dutzend Metern Länge hindurch zu gehen, darf jedes Mal eine existenzielle genannt werden. Die Formen der - grundsätzlich stützenlos aufragenden - Walzstahlwände sind in den zurückliegenden Jahren immer komplexer geworden, bis hin zu jenen "Verdrehten Ellipsen", mit denen Serra unlängst im Guggenheim Museum von Bilbao gastierte. Neben das beinahe Gewalttätige, das älteren Arbeiten des einstigen Gelegenheits-Stahlwerkers Serra anhaftet, tritt jetzt eine ganz unvermutete Leichtigkeit, als ob sich die Form über das schwere Material erhöbe. Von Richard Serra darf noch Überraschendes erwarten werden. Heute wird er amerikanische Bildhauer sechzig Jahre alt.

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