Kultur : Das Siebenstunden-Haus

Vom Bastler zum Baumeister: Jean Prouvé im Frankfurter Architekturmuseum

Christian Huther

Möbel und Häuser waren für ihn gleich: Tisch wie Stuhl, Einfamilienhaus wie Fabrikhalle brauchen Tragarm und Krücke. So dachte Jean Prouvé, der es vom Kunstschmied in Nancy zum international gefragten Konstrukteur brachte. Der 1984 verstorbene Autodidakt und Tüftler war auch Ingenieur und Fabrikant, dem Funktionalität wichtiger als Ästhetik war. Folglich sind seine Möbel und Häuser wenig elegant, aber ungemein praktisch.

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main eröffnet den Reigen einer durch Europa tourenden Wanderschau über Jean Prouvé. Es ist die erste umfassende Retrospektive in Deutschland; zuletzt war er 1990 im Pariser Centre Pompidou gewürdigt worden. Für den Bau von Renzo Piano und Richard Rogers mit gigantischer Stützenkonstruktion und außen sichtbaren Versorgungsröhren hatte Prouvé 1971 begeistert als Leiter der Wettbewerbsjury plädiert.

Die jetzige Schau entstand in Zusammenarbeit mit dem Vitra Design Museum in Weil am Rhein, das den Löwenanteil der 50 Möbel, zahlreichen Bauelemente, Modelle und Fotos beisteuert. Eine lange Fotowand belegt eingangs Prouvés Anregungen durch den Flugzeug- und Automobilbau, beispielsweise das erste Auto mit selbsttragender Säule von 1934. Und danach wartet ein sechs mal sechs Meter großes, simples Stahl- und Holzhaus auf die Besucher. Es hat einen Portalrahmen aus Stahl, die Holzwände dienen der zusätzlichen Versteifung. Dieses aus der Wohnungsnot nach 1945 kreierte, in sieben Stunden montierbare Haus wurde von Prouvé mehrfach variiert.

Aber Prouvé erfand auch Bauten mit tragendem Block; die Fassade dient als rein ästhetische Außenhaut. Es gab Schalenbauten für Reihenhäuser oder Schulen, die Struktur, Hülle, Teilungselement und Blende für Leitungen in einem waren. Prouvé dachte an alles. Seine ab 1950 entwickelten Hörsaalstühle bestehen komplett aus Stahl und Aluminium, sieht man von einem Holzbrett zum Schreiben ab. Für den Rücken wird das Metall nicht zur Tortur. Prouvé schnitt den Bereich der Wirbelsäule aus und konstruierte eine weiche, fast schwingende Lehne.

Zu seinen erstaunlichen Resultaten kam er durch stetes Verbessern. Prouvé verstand sich als „Mann der Fabrik“, nicht als Architekt oder Designer. Er verwendete kein poliertes Metall wie Marcel Breuer, Mies van der Rohe oder Mart Stam. Stahl war ihm lieber, es ließ sich gut biegen und war haltbarer. Prouvé dachte nicht ans Auge. So wirken seine Sitze trotz geschwungener Formen fast grob, besonders wenn man sich die filigranen Objekte von Breuer & Co. vor Augen führt.

Insgesamt konzentriert sich die Schau zu sehr auf den Vergleich von Möbel- und Hausbau. Selbst Prouvés wichtigste Bauten werden nur gestreift. Und sein einziges deutsches Projekt, die Vorhangfassade für die Berliner FU, wird lediglich in einem Satz erwähnt.

Frankfurt am Main, Deutsches Architekturmuseum, Schaumainkai 43, bis 23. Juli. Katalog 79, 90 €

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