Kultur : Das Spiel mit dem L-Wort

Manager am Rande des Nervenzusammenbruchs: Falk Richters „Electronic City“ an der Berliner Schaubühne

Christina Tilmann

Im kahlen Bug der Schaubühne steht, von Bühnenbildner Jan Pappelbaum erdacht, eine kleine Sommerfrischen-Idylle: Kunstrasen, eine Pappel, eine Hecke, Schilf mit Zaun und Liegestühle. Real oder Fake? Später sieht man das Ganze auf Video, im Winter, im Hintergrund rauscht das Meer, und hinter der Hecke erscheint eine Ziege: Realer oder noch mehr Kulisse? Dann ein Regieteam, das die Hecke filmt und sich über die ausgestopfte Ziege aufregt. Und eine TV-Regisseurin, die das Regieteam beim Drehen filmt... Und so weiter und so weiter, immer eine Ebene höher, immer noch ein Beobachter, der die Beobachter beobachtet. Ob das Meer im Hintergrund schließlich real ist, weiß Gott allein.

Das Spiel mit den virtuellen Welten gehört zu Falk Richters Lieblingsthemen seit „Gott ist ein DJ“. In seinem neuesten geschlossenen System „Electonic City“, nach Bochum nun auch in Berlin zu sehen, hat er zwei ganz besonders verzweifelte Exemplare festgesetzt: Sie, mit dem schönen Namen Joy, soll den Zahlencode in einem Flughafen-Supermarkt einlesen und verzweifelt am nicht funktionierenden Lasergerät, hinter ihr eine ständig anwachsende Menge genervter Handlungsreisender. Er, Tom, steht im Flur seines Hotels und kann sich nicht mehr an den Zahlencode seines Hotelzimmers erinnern. Und eigentlich auch nicht mehr daran, ob er überhaupt im richtigen Hotel ist, oder in welcher Stadt? Und was er hier tut, und wie der Auftrag lautet, und wie er überhaupt heißt, und sein eigenes Geburtsdatum hat er wahrscheinlich auch vergessen. Ein Manager am Rande des Nervenzusammenbruchs. Nur an den Namen Joy kann er sich erinnern. Wer war das noch?

Menschliche Systeme kurz vor dem Absturz, gefangen in einer virtuellen Welt, in der der einzige Sozialkontakt dann so aussieht: „Am übernächsten Dienstag bin ich für sieben Stunden im Amsterdam Terminal 4 gleich beim Gate 65, ich habe nachgeschaut, du kommst da an dem Abend aus Madrid und fliegst dann weiter nach Toronto, wenn du vielleicht deinen Flug nicht über Brüssel, sondern über Amsterdam, und einfach einen etwas späteren Anschlussflug nehmen könntest, dann könnte ich meine Schicht so einrichten, dass ich genau zwischen 23 Uhr und 23 Uhr 30 meine Pause lege, und da könnten wir dann gemeinsam in der KLM Lounge endlich mal wieder live miteinander reden...“ Für das „L-Wort“ Liebe ist keine Zeit und Toms Reaktion auch ganz folgerichtig: „Du machst mir Angst.“

Die Sache wird nicht besser dadurch, dass sich herausstellt, dass auch Joy und Tom Schauspieler sind, die – so Tom Kühnels Interpretation – in einem Casting ausgewählt wurden, um in einer Fernsehshow Joy und Tom zu spielen, und dass da ein Team von drei Kommentatoren ist (Jenny Schily, Felix Römer und Linda Olsansky), die den Schauspielern soufflieren, aber selbst natürlich auch nur Schauspieler sind, und außerdem mit ihren Sonnenbrillen, Jeans und Stiefeln so aussehen, als würden sie am liebsten bei „Deutschland sucht den Superstar“ mitspielen. Und all das kann man abwechselnd auf Video und auf der Bühne sehen.

Dass die durchglobalisierte Welt immer schneller Amok läuft und wir mit ihr, wer wollte das bestreiten? Und doch wird man den Eindruck nicht los, das alles schon früher, schärfer, hysterischer bei René Pollesch gehört zu haben, in dessen Praterwelten, Scheiß-Hotels und Beutestädten. Verglichen damit drückt Regisseur Tom Kühnel zu wenig auf Tempo, nimmt sich zuviel Zeit, um die verschiedenen Beobachterpositionen, die Videoreflektionen und Voice-Over-Momente durchzuspielen.

Wenn „Electronic City“ dennoch ein wirklich außergewöhnlicher Abend ist, dann liegt das an zwei Ausnahmedarstellern: Bruno Cathomas, sehr seriös in Anzug, Schlips und Weste, ist, schwitzend, hetzend, grimassierend, längst jenseits von gut und böse, lallt nur noch von „flexibilisieren reengeneeren, restrukturieren, reeducaten, reinforcen, reducen und remeasuren“ und fällt beängstigend schnell aus der Rolle beziehungsweise in sie hinein. Jule Böwe hingegen nimmt sich ganz zurück, ist nur noch Gesicht, nur noch Maske, nur noch Ausdruck der Verzweiflung. Die Szene, in der diese beiden Elementarteilchen aufeinander prallen, sich beim Kampf um den letzten Flugzeugplatz fast an die Kehle gehen und danach, ebenso schnell, ebenso gewalttätig, an die Wäsche, ist alles in einem: Slapstick, Nahkampf, Zusammenbruch und Liebesakt, dazu, auf Großleinwand, auch noch Soft-Porno. Grandios.

Kurz vor Schluss sieht man übrigens, wieder einmal auf Video, Bruno Cathomas und Jule Böwe, wie sie während einer Dreh- oder Probenpause miteinander sprechen, gemeinsam Kaffee trinken, sich umarmen, ein kurzer Flirt, eine wunderbare Freundschaft, vielleicht sogar das L-Wort. Oder waren das doch nur die Darsteller von Bruno und Jule?

Nächste Vorstellungen am 10., 14., 15. und 19. Januar .

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