Kultur : Das spritzt

Heiner Müllers „Greuelmärchen“ im Berliner Ensemble

Günther Grack

„Das war Katte“, sagt Friedrich Wilhelm, der Soldatenkönig, zu seinem Sohn, vor dessen Augen er den geliebten Freund hat erschießen lassen, taucht seine Reitpeitsche in das frisch vergossene Blut und berührt damit die Wange des jungen Friedrich. „Sire, das war ich“, entgegnet Friedrich, als wolle er dem Vater sagen, dass der in Wahrheit den eigenen Sohn hingerichtet habe. Und tatsächlich gibt es den sensiblen Prinzen, der Musik macht und Theater spielt, nicht mehr: Friedrich wird zur Kampfmaschine, zwängt sich in die preußische Uniform und prügelt seine Soldaten in die Schlacht – rot fließt ihr Blut eine transparente Folie hinab, die uns Zuschauer im Pavillon des Berliner Ensembles davor bewahrt, von diesem besonderen Saft bekleckert zu werden.

Max Frischs Parabel „Biedermann und die Brandstifter“ war am selben Ort Cornelia Crombholz’ erster Streich. Jetzt hat die junge Regisseurin abermals zugeschlagen: Heiner Müllers Triptychon „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei“ fordert freilich schon mit seinem Untertitel „Ein Greuelmärchen“ dazu heraus, nach Effekten zu haschen. Crombholz’ Regiehand haut derart lautstark auf den Putz, dass man um sein Trommelfell fürchten muss, wenn Friedrich Wilhelms Offiziere im Beisein des Monarchen grölend über den Präsidenten der Königlichen Akademie herfallen dürfen, um ihre Blasen von dem Bier, das er ihnen zur Feier seiner Amtseinführung spendiert hat, über dem zum Hofnarren Degradierten zu entleeren: Gundlings Leben, ein Alptraum.

Müllers Collage, ein Horrortrip durch ein Preußen, das seine historischen Tugenden nicht kennt – etwa die der religiösen Toleranz. Friedrich, der später so genannte „Große“, erscheint hier nicht als erster Diener seines Staates, sondern als verhaltensgestörtes Monster. Ein Menschenschinder, ob er nun seine Rüben erntenden Bauern veräppelt, denen er Orangen und Bananen zur Zucht empfiehlt, oder ob er eine Soldatenfrau, die um Gnade für ihren wegen Desertion verurteilten Mann bittet, zwingt, die Erschießung mitanzusehen (so wie er die Hinrichtung seines Geliebten hat miterleben müssen): „Das spritzt.“ Die Regisseurin lässt ihren Friedrich dieses makabre „Das spritzt“ wie irre wiederholen – sie schlägt damit den Bogen zurück zu jener blutigen Taufe des Prinzen mit der väterlichen Peitsche, auch dies schon eine inszenatorisch eigenwillig-treffliche Ausdeutung des Textes.

Vor 20 Jahren, bei der Berliner Erstaufführung im Schiller-Theater, hat Müllers „Greuelmärchen“ das Publikum in ein krasses Für und Wider gespalten. Tempi passati. Im Pavillon des BE, dieser keineswegs runden, vielmehr schlauchartig engen Spielstätte im Hinterhof, vermag sich niemand dem Bann der hautnah abgebrannten Blitzlichter zu entziehen. Friedrich und die Bittstellerin: Alexander Doering und Therese Affolter spielen die unterschwellige Lüsternheit dieser Szene prall heraus. Besuch in einem Irrenhaus: Rainer Philippi doziert als Professor über die Zwangsjacke, die als Mittel zur Einsicht in die Notwendigkeit „ebensogut Freiheitsjacke genannt werden kann“, in einem Ton à la Hitler. Preußen und der Rest der Welt: Während Friedrich, vom Soldatenspiel erschöpft, sich ein Schläfchen gönnt, massakrieren zwei groteske Figurationen von John Bull und Marianne eine Rothaut und einen Schwarzen, um sich darauf am Globus gütlich zu tun wie an einer saftigen Frucht. Und die Musik spielt dazu, Nationalhymnen, machtvoll aufbrausend.

Die zweistündige Aufführung, von Maria-Elena Amos plakativ bunt ausgestattet und von einem 15-köpfigen Ensemble kraftvoll getragen, endet nach all dem Schlachtenlärm mit einem Kontrapunkt: Lessing (Dirk Ossig), der Aufklärer, seiner Arbeit müde, wird Zeuge, wie sein Nathan und seine Emilia sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Hat er wirklich, wie er behauptet, seine dramatischen „Puppen mit Sägemehl gestopft, das mein Blut war“? Da ist der Kollege Heiner Müller doch wohl ein bisschen ungerecht!

Im BE-Pavillon, wieder am 16., 20. und 21. 4.

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