Kultur : Das Stadtluftschloss

Berlins leere Mitte: Eine Ausstellung und ein Symposium im Palast der Republik wollen die Debatte neu beleben

Christiane Peitz

Wie wär’s mit einem Palasttransfer? Der Berliner Künstler Fred Rubin schickt den Palast der Republik nach Südfrankreich, Glasplatte für Glasplatte. Was heißt hier Abriss – Mobilität ist alles. Der Abriss ist aber beschlossene Sache: Gerade hat der Berliner Senat noch einmal bestätigt, dass es im Oktober losgehen wird und der Klotz aus Stahl und Glas bis 2007 beseitigt sein soll, WM hin oder her.

Keine Chance also für Palast-Nostalgiker und die jüngere Palast-Kultgemeinde, die sich seit vergangenem Herbst mit Festivals, Konzerten und Kongressen immer neue Zwischennutzungen für den „Volkspalast“ einfallen lässt. Keine Chance? Lasst sie uns nutzen, dachte sich die Gruppe der Urban Catalysts um den Zwischennutzungs-Mitinitiator Philipp Oswalt und rief noch einmal zum Ideen-Wettbewerb auf. Nicht nur für den todgeweihten Palast, sondern auch für die reichlich erschöpfte Schlossdiskussion: Schließlich liegt die gesamte Geschichtsbrache zwischen Lustgarten, Bauakademie und ehemaligem Staatsratsgebäude im Argen, seit der Schloss-Neubau im Juli 2002 vom Bundestag beschlossen wurde, der Finanzminister jedoch nicht weiß, woher er das Geld dafür nehmen soll. 19 Entwürfe von jungen Künstlern und Architekten aus der ganzen Welt sind nun in einer provisorischen Ausstellung im Palast der Republik zu besichtigen: keine konkreten Pläne, sondern flüchtige (und manchmal schlampige) Skizzen. Gedankenspiele, Palastträumereien, Stadtluftschlösser.

Die einen stürmen himmelwärts und setzen noch eins drauf auf den Palazzo di Prozzo. Das Büro Raumlabor installiert ein Gebirge („Bergglück“, Installation ab 4. August im Palast), wieder andere wollen fluten, entmanteln, richten Komfortzonen ein oder eine virtuelle Weltkulturbotschaft. Oder sollte man besser gar nichts tun? Alle Macht den Parkplätzen? Abwarten, entschleunigen, bloß nicht handeln! Schöne neue Unbehaustheit: Das Dilemma selbst ist die Lösung, lasst es uns erhalten und pflegen – so der Tenor. Die Jungen zögern, zaudern, zweifeln. Nehmen die sich etwa ein Beispiel am Reformschlingerkurs der noch amtierenden Bundesregierung?

Es ist die Stunde der Ironie: Der Holländer Joost Meuwissen schlägt vor, Schlüters Schloss im Zeitlupentempo wieder aufzubauen, Stockwerk für Stockwerk, so circa 200 Jahre lang. Damit viele Generationen in den Genuss des Dilemmas kommen. Noch konsequenter der Vorschlag von Superflex aus Kopenhagen: Nach Palast-Abriss und Schloss-Rekonstruktion kann in 30 Jahren die nächste Runde eingeläutet werden – mit Schloss-Abriss und Palast-Rekonstruktion. Und so weiter: die leere Mitte als Teufelskreis.

Spaß beiseite. Begleitend zur Ausstellungseröffnung luden die Palast-Zwischennutzer am Samstag zum Diskussionsmarathon, dem zweiten Symposium seit „Fun Palace 200X“ im Herbst 2004. Schluss mit dem kalten Krieg zwischen Schloss-Befürwortern und Palast-Erhaltern, so Philipp Oswalt, Dialog tut Not. Also stellen sich Schloss-Klassiker Wilhelm von Boddien, Friedrich Dieckmann als Mitglied der ehemaligen Schloss-Kommision, und Goerd Peschken, Doyen der Schlosshistorie, den kritischen Fragen ihrer als Gastgeber nicht immer höflichen Gegner. Man schimpft und beschimpft einander, die Widerworte verhakeln sich, der Streit erstarrt zur Endlosschleife.

Ach ja, es ist längst alles gesagt in dieser Debatte, ob es nun um die Wiederherstellung des historischen Ensembles mit seinen architektonischen Korrespondenzen geht, ums mehr oder weniger aufgeklärte Preußentum, um die Rechenfehler bei der Bruttogeschossfläche fürs Humboldt-Forum oder die Chancen und Gefahren einer Public-Private-Partnership. Das Symposium: ein Crashkurs für Schlossdebatten-Neulinge, ein virtuelles Kriegsspiel der Argumente. Am Ende des Marathons erweist sich der Ort der Diskussion als dessen kongeniale Verkörperung. Die Debatte ist entkernt, rostet vor sich hin, taugt derzeit höchstens zur temporären Zwischennutzung. Und keiner weiß, welche Säule das Konstrukt noch trägt.

Erst als die untergehende Sonne den Palast mit seinem Stahlgerippe in ein sanfteres Licht taucht, weicht der polemische Schlagabtausch nachdenklicheren Tönen. Wolfgang Kaschuba, Ethnologie-Professor an der Humboldt-Uni, skizziert in einem brillanten Historienpanorama die Geschichte des Platzes als Bühne Berlins, vom Kaisergeburtstag über Skate-Nights bis zum Budenzauber des 21. Jahrhunderts. Er zeichnet ein optimistisches Bild von der Großstadt als Labor, deren Selbstversuche einen unweigerlich offenen Ausgang haben. Das Lebendige, Katastrophische, Dramatische, Anarchische, hier ist’s Ereignis. Und der Publizist Wolfgang Kil erinnert an die nachhaltige Wirkung temporärer Gebäudenutzungen wie an jenen glücklichen Sommer, als Christo den von Geschichte kontaminierten Reichstag verhüllte – und damit befreite.

Befreit den Schlossplatz! Planbar ist das freilich nicht.

Abriss und dann? X Ideen für den Schlossplatz. Ausstellung im Palast der Republik, im Juli So 15–18 Uhr, 4. – 26. August tägl. 11–23 Uhr. Begleitbuch: „Fun Palace 200X. Der Berliner Schlossplatz“ (Martin Schmitz Verlag, 216 S., 16 €).

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