• Das starke Regiedebüt des Schauspielers Tim Roth erzählt vom Kriegsschauplatz Familie

Kultur : Das starke Regiedebüt des Schauspielers Tim Roth erzählt vom Kriegsschauplatz Familie

Susanna Nieder

In einem Kriegsgebiet muss es nicht unbedingt krachen und knallen. Schlimmer als Lärm ist ohrenbetäubende Stille. Oberflächlich gesehen wächst der 15-jährige Tom (Freddie Cunliffe) in einer harmonischen Umgebung auf. Seine Eltern (Ray Winstone, Tilda Swinton) sind immer für ihn und seine 17-jährige Schwester Jessie (Lara Belmont) da, und das Baby, das seine Mutter erwartet, scheint die Idylle zu vervollständigen. Aber es gibt kein trügerischeres Minenfeld als eine scheinbar heile Familie.

Anfangs könnte man meinen, Tom sei vielleicht nur pubertätsverwirrt und unglücklich über den gerade überstandenen Umzug von London nach Devon am Meer. Aus schmalen Augen beobachtet er seine Umgebung, alles scheint eine sexuelle Bedeutung anzunehmen. Sein Vater ist ein robuster, jovialer Typ, aufbrausend, aber um die Kinder besorgt; in Familienkonflikten hat die Mutter das letzte Wort. Die Bedrohung, von der ersten Minute an spürbar, wird jedoch konkreter, als Tom seine Schwester und seinen Vater zusammen im Badezimmer sieht.

"The War Zone" gehört zu den Filmen, die mit sparsamen Mitteln eine ungeheure Wucht entfalten. Es wird kaum gesprochen; die Bilder sind es, die sofort eine beklemmende Atmosphäre entfalten. Die verregneten Wiesen, die schroffen Klippen über einem unruhigen Meer, die dunklen Innenräume: Sie alle stehen für eine Seelen-Landschaft, die nirgendwo Halt und Trost bietet. Vor diesem Hintergrund malt sich die Ungeheuerlichkeit der Ereignisse auf fast reglosen Gesichtern. Die Szene, in der Tom schließlich Zeuge wird, wie der Vater die Schwester missbraucht, wirkt, als spiele sie in einer schalldichten Zelle - gerade so wie der ganze Film. Den Zuschauer trifft das Elend des Mädchens und die eigene Hilflosigkeit mit unvermittelter Gewalt. Selbst dem Kameramann Seamus McGarvey sollen bei den Dreharbeiten die Tränen übers Gesicht gelaufen sein.

Alexander Stuart - er brachte den Roman zu "The War Zone" 1989 heraus - überarbeitete die Vorlage für das Regiedebüt von Tim Roth, einen der profiliertesten englischen Schauspieler. Seit Peter Greenaways "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" (1988) wurde Roth hauptsächlich durch Gangsterrollen bekannt, etwa in Quentin Tarantinos "Pulp Fiction" (1994) und in Woody Allens "Alle sagen: I Love You" (1996). Seine Regie in "The War Zone" erinnert an seines Landsmann Michael Winterbottom, der seine ersten Filme ähnlich minimalistisch anlegte, um ausbrechenden Gefühlen eine umso heftigere Wirkung zu verschaffen. Tilda Swinton als ahnungsloses Muttertier, Ray Winstone fast schizophren gespalten zwischen Vaterrolle und Vergewaltiger, Freddie Cunliffe als gequälter Zuschauer und Lara Belmont zerrissen zwischen Liebesbedürfnis, Aggression und Verletzung sind ausgezeichnet. Der Hollywoodsche Druck auf die Tränendrüse fehlt vollständig - und doch möchte man sich den Zuschauer nicht vorstellen, der "The War Zone" ungerührt betrachtet.Ab Donnerstag in den Kinos Eiszeit (Originalfassung) Filmkunst 66, fsk (deutsche und Originalfassung), FT Friedrichshain und in den Hackeschen Höfen

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