Kultur : Das Sterben der Boheme

Broadway auf der Leinwand: das Musical „Rent“

Martin Schwickert

Zugegeben, ordentlich Kitschresistenz muss man schon aufbringen, um „Rent“unbeschadet zu überstehen. Aber wer Musicals mag, aus denen der Sirup der Sentimentalität nur so trieft, ist hier gut aufgehoben. Der Film funktioniert wohl am besten als zeitgeschichtliches Gegenstück zum Sixties-Klassiker „Hair“: Läutete Formans Hippie-Musical den Beginn der sexuellen Revolution ein, ist „Rent“ der Abgesang auf freie Liebe und unbeschwerten Drogenkonsum.

Angesiedelt im Manhattan der Neunziger, erzählt „Rent“ vom Untergang der New Yorker Boheme, die sich im Würgegriff von Aids, Drogensucht und steigenden Mietpreisen befindet. Den Auftakt bildet ein kollektiv orchestrierter Mietstreik mit brennenden Räumungsbescheiden, die malerisch von Feuertreppen heruntersegeln. Die Ex-Fabrikgebäude, in denen die Künstlerkolonie siedelt, sollen einem Cyper-Filmpark weichen. Roger (Adam Pascal) ist HIV-positiv und verlässt seit seinem Drogenentzug kaum noch die Wohnung. Sogar gegen die Avancen der Nachtclubtänzerin Mimi (Rosario Dawson) schottet sich der frustrierte Musiker ab. Angel (Wilson Jermaine Heredia) und Tom (Jesse L. Martin) hingegen halten trotz Aids aneinander fest. Zwischen verzweifelter Lebenslust und Depression wird die Künstlerszene hin- und hergeworfen.

Doch wo Liebe und Tod so dicht nebeneinander liegen, ist der Kitsch nicht weit. Herzzerreißende Abschiedslieder wechseln mit frenetischen Lobpreisungen auf das Leben der Boheme, die ebenso heldenhaft wie aussichtslos ihren Lifestyle gegen den Mainstream verteidigt. Regisseur Chris Columbus hat Jonathan Larsens Broadway-Musical flüssig inszeniert, wobei die fantasievoll choreografierten Gesangs- und Tanzszenen mitunter an die unsterbliche West Side Story erinnern.

Cinestar Sony-Center (OV); Kurbel und Yorck (beide OmU)

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