Kultur : Das Stille, das Laute

Micha Ullmans Denkmal der Bücherverbrennung und das Holocaust-Mahnmal /Von György Konrád

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Sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs: Über die „Architektur der Erinnerung“ diskutierte am Dienstagabend in der Vertretung des Saarlandes beim Bund Micha Ullman, der Schöpfer des Denkmals zur Erinnerung an die Bücherverbrennung auf dem Berliner Bebelplatz, mit dem ungarischen Schriftsteller und früheren Präsidenten der Akademie der Künste, György Konrád. Wir drucken Konráds Beitrag in gekürzter Form.

Dem Mahnmal als Kunstwerk haften elementare Dilemmata an. Der Tod, so könnten wir sagen, ist ein Negativum, etwas nicht mehr Existierendes, eine Leere, ein Mangel, eher hohlförmig als erhaben. Das oval Erhabene, die Statuen, in denen der schöne Lebende dargestellt oder übertroffen wird, künden von dem einst Lebenden, vom Einzelnen. Doch wenn der Tod von Millionen das Thema ist? Von jemandem hörte ich, einem großen Verbrechen gebühre ein großes Mahnmal. Vielleicht ein künstlicher Berg? Doch wie hoch soll er sein? Ein Tod ist konkret, viele Tode sind abstrakt.

Die Geschichte hat einen Anfang und ein Ende. Erst verbrennt man Bücher und am Ende auch Menschen. Der Künstler aber kennt die Geschichte, weiß, wie es begonnen und wie es geendet hat, schmerzlich kennt er die Logik des Vorgangs. Die Darstellung des Anfangs ist also durchtränkt vom Bewusstsein des Endes.

Die Wohnung der Bücher ist die Bibliothek, die der Menschen das Haus. Eine Person, die getötet wurde, hinterlässt ein leeres Zimmer. Der normale Ort für die auf den Scheiterhaufen geworfenen, auf den Index gesetzten, aus dem Verkehr gezogenen, in ihrer Entstehung verbotenen, wegen der Vernichtung ihrer tatsächlichen und ihrer möglichen Autoren schon nicht mehr geborenen Bücher wäre der Bibliotheksraum gewesen. So hat Meister Ullman ein leeres Bücherzimmer geschaffen, und zwar dort, wo üblicherweise der Sarg seinen Platz findet: in der Grube. Es hat die Trauerfarbe des Schneeweiß, doch ohne dass es aus dem Boden herausragen würde, als vertikales Positiv, sondern versenkt in die Erde, in einem Loch, eingegraben unter jenen Platz, auf dem die rußigen Flammen der Bücherverbrennung emporschlugen.

Als ich vor Jahren sagte, es sei keine gute Idee, für die ermordeten europäischen Juden eine Gedenkstätte großen Stils zu errichten und dass es auch überflüssig sei, etwas Neues zu erfinden, zumal das Werk bereits existiere, nämlich in Gestalt des Mahnmals der Bücherverbrennung, da zur Beschwörung von Millionen Ermordeter ein treffenderes plastisches Symbol als das unterirdische leere Bücherzimmer nicht möglich sei, stellte mir ein sehr netter und kluger Mensch in aller Freundschaft folgende Frage: „Meinen Sie allen Ernstes, der deutsche Staat werde ein unterirdisches Loch als Gedenkstätte bezeichnen?“

Ich aber bleibe bei meiner halsstarrigen Ansicht, dass der Holocaust vor allem einem Mangel entspricht; für mich ist das so, für die Überlebenden ist das so. Es fehlen die Getöteten und die Bücher. Der bestimmende Inhalt ist im Fehlen gegeben und nicht etwa in der angehäuften Unmenge irgendwelcher Symbole. Mehrere tausend Betonstelen sind nicht mehr als eine Steintafel mit vielen tausend Namen.

Micha Ullmans unterirdische leere Bibliothek ist jetzt von einem Bauzaun umgrenzt; die störrische kleine lila Lichtquelle, die aus der Erde aufsteigt. Wenn die Umzäunung von dort verschwindet, werden die Menschen, wie auch früher schon, hingehen, das Werk unter die Lupe nehmen, deuten. Eine erleuchtete Arbeit, rätselhaft, sie leuchtet aus der Vergangenheit, das Negativ der Bücher. Und wenn von den Juden die Rede ist, dann ist der Hinweis auf die Schrift, auf das Volk des Buches keine Beleidigung.

Doch wozu taugt das Mahnmal? Um Ergriffenheit hervorzurufen, zu pädagogischen Zwecken, damit wir eine Vorstellung davon bekommen, nachempfinden können, was in der Zeit des tiefen Sinkens tatsächlich geschehen ist, als begeisterte junge Menschen das Gefühl hatten, aufgestiegen zu sein.

Um den Holocaust zu begreifen, um sich in das einstige Leben im Konzentrationslager ahnend einzufühlen, ist der originale Schauplatz mit dem bruchstückhaften Material, das von den Lagern erhalten geblieben ist, der wirkungsvollste Anblick. Das Original, das Authentische mit seiner Morschheit und seinem Verfall ist am inhaltsschwersten.

Unlängst habe ich einen Blick in jenen von der offiziellen Gedenkstätte hinter dem alten und neuen Stammhaus der Akademie der Künste schon fertig gestellten Betonstelenwald geworfen. Ein besonderes und man könnte sagen, außergewöhnliches Werk, das gebe ich zu. Was seine Ausmaße anbelangt, weiß ich nicht, ob es seinesgleichen auf unserem Kontinent gibt. Auf einem Foto habe ich den Stelenwald auch aus der Vogelperspektive gesehen. Was habe ich gesehen? Ein Lager oder einen Friedhof? Grabsteine oder Baracken? Von wessen Denkmal war die Rede? Von dem des Holocausts als Aktion, als Mechanismus, oder von dem der Opfer? Das schweigsame Werk hat viel zu sagen, das schrille bleibt stumm.

Das Mahnmal ist das Selbstporträt seiner Schöpfer, das Deutschlands und vielleicht auch Amerikas für die Zeit des 20. Jahrhunderts. Wer von nun an nach Berlin kommt, dem ist es unmöglich, Meister Eisenmans Werk nicht zu bemerken. Wer es sich nicht ansieht, der tut das deshalb nicht, weil er es nicht sehen will.

Ein so gigantisches Werk wie dieses erinnert mich an die Macht. Doch wenn ich an meine vergasten Schulkameraden denke, kommt mir nicht die Macht in den Sinn. Macht war damals jenes Räderwerk, das sie zu Rauch und Asche hat werden lassen. Die Maschinerie des Holocausts war tatsächlich mächtig. Die ermordeten Juden waren zerbrechlich und verletzlich. Wenn sich der Holocaust in irgendeiner Positivität darstellen lässt, verlegt sich der Akzent auf die Aktion, auf das Vernichtungslager als Betrieb. Doch der Akteur war in Auschwitz nicht der getötete oder der noch am Leben gelassene Jude, sondern das Kommando mit seinem Personal. Deshalb komme ich immer wieder auf die unterirdische Bibliothek zurück, die die Aufmerksamkeit auf den Mangel lenkt. Laute Positivität gegenüber stiller Negativität. Jedermann hat die Wahl; dem einen gefällt das Stille, dem anderen das Laute, dem einen das kaum Sichtbare, dem anderen das Unausweichliche. Zwei kühne und bleibende Werke.

Den Einweihenden des Betonwaldes steht eine schwere Aufgabe bevor. Sie müssten sich entscheiden, was sie aus der Vogelperspektive sehen: das Lager oder den Friedhof. Wenn keine Baracke, sondern einen Grabstein, dann hätte ich einen lediglich literarischen Vorschlag: Man sollte auf die Stelen die Namen der getöteten Juden einritzen, soweit vorhanden auch das Jahr der Geburt und des Todes. Wenigstens ihre Namen sollten erhalten bleiben, ebenso wie die derer, die, wenn auch nicht den ganzen Namen, so doch zumindest deren Anfangsbuchstaben mit Hilfe eines Nagels in die Ziegelsteinmauer des Auschwitzer Schornsteins geritzt haben.

Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke.

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