Kultur : Das stille Leben

Pepe Planitzers Film „AlleAlle“ erzählt von kauzigen Dörflern – beim Festival „Achtung Berlin“

Verena Friederike Hasel

Wenn man zu Pepe Planitzer will, muss man es machen wie eine seiner Filmfiguren: in den Zug setzen und nach Brandenburg fahren, dahin, wo es keine richtigen Bahnhöfe mehr gibt, nur noch „Bedarfshaltestellen“, an denen der Zugführer auf speziellen Wunsch stoppt. An solch einem Ort im Fläming steigt auch der Held von Planitzers Film „AlleAlle“ aus. Der geistig Behinderte Hagen, gespielt von Eberhard Kirchberg, sucht seinen Onkel, dabei landet er in dem Ort Altes Lager, vor dem Mauerfall eine Militärsiedlung, nun Abrissgelände. Dort hat der Gerüstbauer Domühl, dargestellt von Milan Peschel, seine Werkstatt, dort hat er hinter mit Brettern vernagelten Fenstern das untergebracht, was die Wende von seinem Leben übrig ließ.Der Film wurde in diesem Jahr schon in der Berlinale-Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ gefeiert.

Rund zweieinhalb Stunden weiter nördlich, in der Prignitz, lebt Pepe Planitzer an einem anderen verlassenen DDROrt. Vor vier Jahren baute der Regisseur eine alte Kneipe um, die nach 1989 dichtgemacht hatte. Heute gibt es Pflaume statt Gerste, selbst gebackenen Kuchen, im Garten hinterm Haus, mit Planitzers Freundin und den zwei Söhnen. Die Freundin steuert die Worte zur Kuchentafel bei, Planitzer untermalt sie mit Schweigen, ungewöhnlich viel Schweigen für eine Interviewsituation. Gespräche sind offenbar nicht das Mittel der Wahl, um den Regisseur kennenzulernen, deshalb also lieber beobachten. Wie er tütenweise Lebensmittel ins Haus schleppt etwa, wie er lange einem Jungen aus dem Dorf hinterherblickt, der die Schule geschmissen hat, wie er am Bahnhof sorgfältig auf einem zerrupften Zettel für seine Freundin notiert, wann der Zug nach Berlin fährt.

Die Figuren in „AlleAlle“ sind ähnlich schweigsam. „Wie geht es dir, Lulle?“, fragt Ina, gespielt von Marie Gruber, eine Frau, die gerade aus dem Gefängnis kommt, den Mann im Getränkeladen. Fünfzehn Jahre hat sie ihn nicht gesehen. „Gemessen am Elend der Welt nicht so schlecht“, antwortet er. „Wolltest du nicht Seefahrer werden?“, will sie wissen. „Dass du dich daran erinnern kannst“, sagt er, und dann sehen sie sich an. Nicht die rechte Zeit für ausgedehnte Frage-Antwort-Kaskaden, eher eine des stillen Abgesangs auf Gewesenes, des stummen Versuchs, wieder etwas anzufangen.

Wenn Planitzer, der Autor dieser Geschichte, dann doch spricht, springt schnell die Ost-West-Schere auf, wie ein Messer in seiner Tasche. Zum Beispiel als er von der Nachbarin erzählt: Drei Jahre lang habe sie sich nach der Wende um sechzig alte LPG-Pferde gekümmert, habe alles für sie gegeben. Bis eines Tages Westler kamen und sie ihr wegnahmen. Abgehalftert sind auch Hagen, Domühl und Ina. Man kann sich ihre Geschichte nicht denken in Bayern oder Schleswig-Holstein, sie verträgt keine blank geputzten Bürgersteige und schmucken Giebel, sie braucht die Brachen, die Entvölkerung Brandenburgs. Hier findet das Leben auf Behelf statt, mit Berlin als Fixpunkt der Sehnsucht. In seiner Werkstatt hat Dohmühl eine Attrappe des Fernsehturms stehen, doch wie hinkommen. Das Auto, das danebensteht, ist nur aus Holz, und Domühl bleibt in Brandenburg.

Auch andere Filme haben diesen Landstrich als Setting, Christian Petzolds „Yella“ zum Beispiel, ein Film der Berliner Schule – ihre Macher meist Absolventen der dffb, der Westberliner Filmhochschule –, der in diesem Jahr eine eigene Sektion des Festivals „Achtung Berlin“ im Kino Babylon Mitte gewidmet ist. Da hat sich in den letzten Jahren etwas entwickelt in der deutschen Filmwelt, da rollen nun Berlin und Brandenburg an – und hinter sich her ziehen die Filme aus der einzigen Region Deutschlands, die Ost und West auf einem Fleck vereinigt, eine neue Diskussion ums Trennende zwischen Ost und West.

„Die Berliner Schule ist doch gar keine, das sind alles Westdeutsche“, sagt Annekatrin Hendel, Produzentin von „AlleAlle“. Sie steht in der Küche ihrer Firma, nahe dem Ostbahnhof, einen Tee soll’s geben, doch den vergisst Hendel wieder. Ihr prasselt der Ärger aus dem Mund, mit so raschen und vielen Worten, dass Planitzer glatt noch welche abhaben könnte. Filme wie „Yella“ seien zutiefst bürgerlich, sagt Hendel, erzählten von einer fetten satten Welt, in der Menschen alles hätten und trotzdem etwas anderes wollten. „Die wirkliche Berliner Schule sind wir“, sagt Hendel. Und meint: Filmemacher, die aus dem Ostteil stammen, dort ihr Handwerk gelernt haben. Planitzer, 1969 in Ostberlin geboren, Regiestudium an der HFF, der Filmhochschule in Babelsberg, ist einer von ihnen.

Ihm begegnete die Produzentin bei der Premiere seines Erstlings „Ein Schiff wird kommen“, einer Geschichte eines ostdeutschen Chirurgen, der nach der Wende nur Arbeit als Busfahrer findet. Hendel schlug Planitzer vor, gemeinsam einen Film zu machen – einen, der von unten kommt, aus einer Kultur, die es nicht mehr gibt. Ihre Filme, sagt Hendel, hätten etwas, was den westdeutschen abgehe, was in ihrer DDR-Prägung verhaftet sei: Herzlichkeit, die Idee einer Gemeinschaft, zu der sich selbst Menschen wie Hagen, der Behinderte, Domühl, der Trinker, und Ina, die Ex-Gefangene, zusammentun können. Am Ende von „AlleAlle“ werden die drei beieinander sein, draußen vor einem Wohnwagen, irgendwo im Fläming.

In der Prignitz sitzt Planitzer in seinem Garten, ein Sohn spielt Ritter im Sandkasten, der andere Fußball am See. Und Planitzer spricht, nun doch, redet von „Das Leben der Anderen“, dem ein Satz gefehlt habe, um gut zu sein, in Textform nach der Abblende: „Nach der Wende wurden 50 000 Stasimitarbeiter vom Bundesnachrichtendienst übernommen.“ Dann verstummt Planitzer wieder, und die Schere öffnet sich noch ein bisschen weiter, dort draußen in Brandenburg.

„AlleAlle“ läuft am Freitag beim „Achtung Berlin“-Festival im Babylon Mitte, 21.15 Uhr. Das Festival, das zum dritten Mal stattfindet, stellt vom 18. bis 22. April Produktionen aus Berlin und Brandenburg vor. Infos unter www.achtungberlin.de.

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