Kultur : Das Stilparfüm der Vergangenheit

CHRISTIAN PRICELIUS

Dem Träumer und Visionär Heinrich Vogeler zum 125.Geburtstag: eine Ausstellung in WorpswedeVON CHRISTIAN PRICELIUS1912 erklärt der Dichter Rainer Maria Rilke seinem Malerfreund Heinrich Vogeler, daß er seinen Gedichtband "Marienleben" nicht illustrieren soll."Also die Ausgabe des Marienlebens mit Bildern geben wir ganz auf" - dies gekränkt zu notieren, bleibt 1912 Vogelers lakonische Reaktion.Der Träumer, der auszog, das Schöne und Wahre in der Kunst zu feiern, wird bald merken, daß seine ornamentalen Blumenteppiche aus Seerosen und Klatschmohn im Blut des Ersten Weltkriegs verkleben.Die Realität der Moderne fordert eine andere Kunst. Anders als der Künstlerfreundin Paula Modersohn-Becker gelingt es dem Beschwörer des Floralen nicht, einen eigenen Ausdruck zu finden, der über die Wirkung des Jugendstils hinausgeht.Auch die expressionistisch angehauchten politischen Agitationsbilder des begeisterten Kommunisten nach 1918 stehen im Schatten seines Frühwerks.Immerhin, als der Hamburger Kunstverein 1983 die bislang umfassendste Vogeler-Ausstellung präsentiert, offenbart sich ein bedeutendes, wenngleich von Stilunsicherheiten geprägtes Spätwerk.Ob dies der Grund der Worpsweder Ausstellungsorganisatoren war, die gegenwärtige Ausstellung über Heinrich Vogeler auf die Schaffenszeit bis 1914 zu beschränken, bleibt offen.Um so lieber präsentiert man Vogeler zu seinem 125.Geburtstag (im Jahr 1997) als Gesamtkünstler, sucht den Vergleich zu Zeitgenossen wie Henry van de Velde oder Peter Behrens.Denn nach Vogelers Devise ist Jugendstilkunst Gesamtkunst und hebt die Trennung zwischen Kunstgewerbe und Malerei auf.Einen der vielseitigsten Künstler dieser Richtung präsentiert man deshalb gleichzeitig als Maler, Graphiker, Buchkünstler, Designer und Architekten. Als der 21jährige Absolvent der Düsseldorfer Kunstakademie 1894 das Dorf Worpswede bei Bremen besucht, ist er sofort benommen von den Eindrücken.Dieses Moorland, auf das er trifft, ist eine andere Welt, in der manche Großfamilien noch mit Holzlöffeln aus einer Pfanne essen und in einer unverfälschten plattdeutschen Mundart "schnacken", die sich wie Sanskrit anhört.In dieser Mooreinsamkeit will der hanseatische Bürgersohn seine Vision umsetzen: eine umfassende "Verschönerung" aller Lebensbereiche durch Kunst.Hier trifft er auf die Maler Fritz Overbeck, Hans am Ende, Paula Modersohn-Becker, Carl Vinnen und Fritz Mackensen.Ein Jahr später erwirbt er den Barkenhoff vom elterlichen Erbe.Aus dem bäuerlichen Rauchhaus soll ein einziges Gesamtkunstwerk entstehen und ein gesellschaftlicher Mittelpunkt für die Künstlerfreunde.Das Gebäude erhält ein bis in den Garten ausladendes Jugendstilportal und ein Atelier.Räume werden mit Seidentapeten und eigens entworfenen Möbeln inszeniert.Im Atelier des Barkenhoff kreiert Vogeler seine wichtigsten Entwürfe vom Silberbesteck über Porzellan und Mobiliar bis zur Konzeption von Arbeiterhäusern. Vogeler steht ganz in der Tradition der englischen Reformbewegung Arts and Crafts, die wichtigste Impulse auf den deutschen Jugendstil hatte.Vorbilder wie Edward Burne-Jones und William Morris suchten nach Verbindungsmöglichkeiten zwischen industrieller Massenproduktion und ästhetischem Design, zwischen Lohnarbeit und handwerklich-künstlerischer Kreativität.Thematisch ist er dem Vergangenen zugetan.Seine Motive: Ritter, Meerjungfrauen und Elfen, die häufig in die heimische Wiesenlandschaft versetzt werden.Bei den Raumausstattungen für die Münchner Verlegervilla des Bremers Heymel dominieren Anlehnungen an biedermeierliche und bäuerliche Formstrenge.Designobjekte wie Silberbesteck und Kerzenleuchter werden vom Kunstkritiker Julius Meier-Graefe in dessen Programm seines berühmten Pariser Kunstgewerbemuseums "Maison Moderne" übernommen.Gleichzeitig beauftragt Heymel ihn, seine literarische Monatsschrift "Die Insel" zu illustrieren.Vogelers kleinteilig geschwungene Federzeichnungen und Radierungen sind prädestiniert für Buchillustrationen von Oscar Wildes Werken und von Märchen. Die Internationale Kunstausstellung in Dresden zeigt 1897 seine Gemälde und Graphiken.Der Entwurf eines "Damenzimmers" findet im Berliner Kunstsalon von 1901 viel Bewunderung und Tadel: Alles sei durchdrungen von einer "feinschmecklerischen Neigung für das Stilparfum der Vergangenheit" und überkleistert mit einer "übersüßlichen Himbeerromantik", unkte die zeitgenössische Kritik.In diesen Jahren scheint der Lebenstraum von der Inszenierung des Schönen Wirklichkeit zu werden.Doch der absolute Anspruch von Vogelers Jugendstilkunst muß scheitern."Vogeler ist ganz in äußerlicher Nachahmung der Engländer und Verehrung Botticellis", notiert Otto Modersohn - der Bund der Worpsweder Künstlerkolonie hatte sich aufgelöst. Nach Kriegsende wandelt Vogeler seinen Barkenhoff in ein Experimentierlabor für sozialistische Lebensformen um.Die Villa wird zur Herberge für ein Kinderheim und internationaler Anlaufpunkt sozialistischer Mitkämpfer.Selbst der Revolutionsmaler Diego Rivera aus Mexiko studiert auf dem Barkenhoff Vogelers Agitationsfresken.In seiner Schrift über den "Proletkult" zeichnet Vogeler ein neues Menschenbild, er feiert das Handwerklich-Proletarische als geniale Urzelle des Schöpferischen.Wie die Charaktere seiner Vorbilder Gorki und Tolstoi arbeitet er als proletarischer Diogenes in einer Holzhütte neben dem Barkenhoff an seiner asketischen Menschwerdung.Dabei geht dem Weltverbesserer allmählich das Geld aus. Nach der Machtergreifung durch die Nazis flüchtet Vogeler ins Moskauer Exil und in sein Verhängnis.Getrennt von seiner zweiten, mittlerweile geschiedenen Frau Sonja und seinem Sohn Jan, stirbt er 69jährig unter ärmlichen Umständen in Kasachstan, wohin man ihn deportiert hatte.Schon 1928 sah sich Vogeler als "Schiff, das auf eine Sandbank geriet durch falschen Kurs".In Kasachstan endete seine Fahrt. Haus im Schluh, Worpswede, bis 24.Mai; Katalog (Verlag DuMont) 49,90 DM, im Buchhandel 79,90 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben