Kultur : Das süße Jenseits

Party bis in den Tod: Mit einer Doppelausstellung feiert Hamburg das rätselhafte Volk der Etrusker

Nicola Kuhn

Der Ort scheint denkbar ungeeignet. Und doch ist in der „Tomba del Citaredo“ die Party in vollem Gange. Die zwischen 490 und 480 v. Chr. entstandene Grabkammer von Tarquinia erhielt ihren Namen nach jenem Zitherspieler, der die Tanzenden animiert. Die Frauen auf der linken Seite der nur wenige Quadratmeter großen Gruft schwingen ihre Röcke und werfen das Haar zurück, die Männer rechts reißen ebenso ekstatisch die Arme nach oben. Der Tod muss bei den Etruskern ein Freudenfest gewesen sein.

Das Volk der Rasenna, wie sich die Etrusker selbst nannten – überliefert hat sich die Bezeichnung ihrer Feinde, der Römer – bleibt ein Rätsel. Selbst wenn wir ihnen jetzt so nahe kommen können wie nie zuvor: Den Besucher der großen Hamburger Etrusker-Ausstellung trennt weder Scheibe noch Schranke von den Wandmalereien der „Tomba del Citaredo“. Im Bucerius Kunst Forum ist neben der Tomba eine wahre Nekropole der schönsten Grabkammern entstanden, im Museum für Kunst und Gewerbe eine Gräberstraße, in der die kostbarsten Urnen, Sarkophage und Totengaben ausgestellt sind. Seit dem Ankauf einer bedeutenden Privatkollektion Anfang des 20. Jahrhunderts besitzt das Haus hier einen Sammlungsschwerpunkt.

Zur Sensation jedoch wird der „Luxus für das Jenseits“, so der Titel der Präsentation von rund 300 Objekten, durch die Verbindung mit den Freskenzyklen, den „Bildern vom Diesseits“. Sie sind im Bucerius-Forum selbst für viele Italiener zum ersten Mal in ihrer originalen Anordnung zu erleben: durch die Rekonstruktion der heute häufig zerstörten oder nicht mehr frei zugänglichen Grabkammern. Dabei ist der aufwändige Totenkult, den man sonst nur aus dem alten Ägypten kennt, das Einzige, was uns von den Etruskern geblieben ist. Fast ausschließlich anhand dieser wenn auch reichen Zeugnisse lässt sich die Kultur eines ganzen Volkes rekonstruieren, das wie aus dem Nichts im 9. Jahrhundert v. Chr. auf dem Gebiet der heutigen Toskana zu siedeln begann, sich in kürzester Zeit zu einer bedeutenden Handelsmacht entwickelte und keine 800 Jahre später vom erstarkten Rom komplett absorbiert wurde. Schriftliches ist kaum überliefert, auch nicht von griechischen oder römischen Autoren; ihre Sprache verlöschte mit dem Aufgehen in der römischen Kultur. Und ihr bis heute ungeklärter Ursprung wird von der Forschung zunehmend in Italien selbst lokalisiert und nicht in Kleinasien, wie es etwa der antike Geschichtsschreiber Herodot behauptete.

Umso mehr fasziniert, was erhalten ist. Edler Goldschmuck, der dank einer besonderen Granulatschmelztechnik aufs Feinste gestaltet ist. Amphoren und andere Keramiken mit detaillierten Kriegsszenarien, festlichen Gelagen, mythischen Szenen, Bronzebecken, -schalen, und -wannen mit üppigem Figurendekor. Im Museum für Kunst und Gewerbe lässt sich wie auf einem Zeitstrahl Aufstieg und Fall einer Kultur studieren: am Anfang archaische Figuren, grobe Ornamente, am Ende hoch verfeinerte Darstellungen, die die Übernahme römischer Stilformen zeigen.

Jägersleut, Händlervolk

Mit einem vierrädrigen Kultwagen mit Bronzebecken, entstanden um 730 v. Chr., beginnt die Geschichte: Der eher primitiv gestaltete Figurenschmuck auf den Verbindungsstreben zeigt die Männer als Bauern, Jäger, Krieger, die mit Gefäßen ausgestatteten Frauen als Verwalterinnen der Lebensmittel. Die im 4. Jahrhundert in Mode gekommenen Bronzebüchsen für Schmuck und Toilettenartikel präsentieren fein gravierte mythische Szenen; den Deckelgriff bildet ein sich an den Schultern haltendes Paar in naturalistischer Manier. Der gleiche Zeitsprung lässt sich bei den Urnen beobachten: Standen zur Zeit des bäuerlichen Beginns die eigenen Pfahlbau-Häuser noch Modell, finden sich gegen Ende Terrakotta-Kästen im römischen Stil, auf deren Deckeln je eine Skulptur des Toten lagert, während auf der Vorderseite Götterfiguren abgebildet sind.

Wie ein Schwamm haben die Etrusker die ihnen jeweils nächst liegende Kultur aufgesogen: erst die der in Italien siedelnden Griechen, dann die der Römer. Auch zum Handeln besaßen sie Talent, das etrurische Kernland bot agrarischen Reichtum, aber auch Bodenschätze zum Austausch selbst mit Übersee. Nur im Kriegführen und strategischen Paktieren bewies das Volk wenig Geschick. Im entscheidenden Moment waren die zum Zwölf-Städte-Bund zusammengeschlossenen Etrusker nicht in der Lage, sich gegen die Übermacht der Römer zur Wehr zu setzen.

Doch was ihnen taktisch im Diesseits versagt bliebt, schien den Etruskern im Kult um das Jenseits gelingen. Anders als in Griechenland oder Rom durften die Feldherrn und Edelleute in ihren Grabstätten sich jeden Luxus, jede Selbstdarstellung erlauben. Dadurch konnte sich eine besondere Freskenkunst etablieren, die zu den schönsten der Antike zählt. Bernard Andreae, bis 1995 Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom, hat sich sein Leben lang für sie begeistert. Vor 50 Jahren sah er in der Villa Albanie zum ersten Mal die Fresken der berühmten „Tomba François“, die seit ihrer Entdeckung vor 150 Jahren der Öffentlichkeit kaum zugänglich waren. 1857 war ihr Namensgeber, der Florentiner Archäologe Alessandro François, unweit von Vuli auf die Gruft des etruskischen Aristrokraten Vel Satie gestoßen.

Durch ein Angebot der Bucerius-Stiftung konnte Andreae Fürst Alessandro Torlonia, auf dessen Familiensitz sich die Grabstätte befand, überreden, die einmaligen Stücke für eine Ausstellung in Deutschland zur Verfügung zu stellen. Für 100000 Euro ließ die Stiftung die 37 Fragmente restaurieren und auf transportable Aluminiumplatten installieren: Sie sind der Höhepunkt der sieben im Bucerius-Forum rekonstruierten Grabkammern. Andreae ist damit für die Etrusker-Ausstellung ein Coup gelungen, der gleichzeitig ein Schlaglicht auf die hoch problematische Situation etruskischer Fresken wirft.

Tänzer, Zitherspieler

Jahrhunderte, ja Jahrtausende lang ruhten sie geschützt in den Tuffsteinhöhlen Etruriens. Mit der Entdeckung durch Archäologen und der anschließenden touristischen Vermarktung verlieren die Farben oft ihre Strahlkraft – wegen der veränderten Luftfeuchtigkeit. Die tanzenden Figuren der „Tomba del Citaredo“ sind, so gesehen, ein Sonderfall: Schon kurz nach ihrer Entdeckung 1863 war die Gruft eingestürzt, die Fresken blieben unauffindbar. Einem Zufall ist es zu verdanken, dass der Zeichner Gregorio Mariani mannshohe Pausen von den Gemälden anfertigte, die heute dem Deutschen Archäologischen Institut in Rom gehören.

Diese Pausen hängen nun am Eingang des Bucerius Forums, neben den für Hamburg als Faksimile wieder erstandenen Fresken. In höchster Präzision zeigen sie Umrisse und Binnenzeichnungen, in denen Mariani auch die jeweiligen Farben vermerkt hat. Sie stellen ihrerseits Kostbarkeiten dar und werden bei ihrer ersten öffentlichen Präsentation von Glas geschützt. Der Besucher darf derweil den Wandmalereien der Grabkammer nahe rücken und den Klängen des antiken Zitherspielers lauschen.

Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt, bis 16. Mai; Katalog (Hirmer Verlag) 24,80 €.

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