Kultur : Das süße Lesen

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über

den Beginn der LiteraturFestivalitis

Seit drei Jahren ist auch im literarischen Berlin der Sommer Festivalzeit, und die ersten beiden Großveranstaltungen dieses Jahres nehmen die Einzeltermine ganz schön in die Klemme. Daher vorweg der Hinweis auf Jürgen Theobaldy , der im Buchhändlerkeller seine „Trilogie der nächsten Ziele“ (Verlag Zu Klampen) vorstellt (28.6., 21 Uhr) – drei Männer, die, ohne es zu wissen, durch zwei Frauen miteinander verbunden sind, erzählen von einer surrealen Schweiz, in der Asylbewerber einen Windfang gegen lungenverätzende Staubstürme bauen und ein Korrosionsschutz die Betonbauten vor dem drohenden Einsturz rettet. Zweitens den dringenden Rat, sich Alberto Manguel anzuhören, der Vorleser von Jorge Luis Borges war und hierzulande mit einer voluminösen „Geschichte des Lesens“ (Volk & Welt) berühmt wurde. Manguel spricht am 26.6. in Potsdam über „Sanssouci und der Leser als Garten“ ( Neue Kammern Sanssouci , 26.6., 19 Uhr, Tel. 0331-27 17 80), am 28.6. liest er in der Schaubühne (20.30 Uhr) aus seiner Erzählung „Stevenson unter Palmen“ (S. Fischer).

Der dritte Tipp führt dann schon zu den Festivals: In Britta Gansebohms Salon im Podewil versammeln sich am 25.6. (20.30 Uhr) zehn Berliner Schriftsteller, die im letzten Jahr den Gästen des 2. Internationalen Literaturfestivals als Paten zur Seite standen. Unda Hörner, Norbert Kron, Claudius Hagemeister, Gernot Wolfram und andere haben Händchen gehalten (am Krankenlager!) und Gegenbesuche unternommen: ein Blick auf die Rückseite des Schriftstellertourismus und ein Vorschein des 3. Internationalen Literaturfestivals, das im September stattfindet.

Zuvor laden die Italiener zum süßen Lesen in das Literaturhaus : Niccolò Ammaniti erzählt in „Die Herren des Hügels“ (C. Bertelsmann), wie sich ein Junge gegen die Mafia auflehnt, der auch seine Eltern zuarbeiten (26.6., 18 Uhr). Aus gänzlich anderen Gründen bleibt bei Ermanno Cavazzoni (27.6., 18 Uhr) kein Auge trocken. Sein Brevier „Die nutzlosen Schriftsteller“ (Wagenbach) kombiniert die sieben Todsünden mit sieben Gegebenheiten bürgerlichen Lebens wie Schulen, Familien, Hoffnungen usw. Das ergibt 49 Fälle, in denen nutzlose Schriftsteller noch nutzlosere wie Sklaven unter der Treppe halten, Besucher voller Sehnsucht nach Sacher-Masoch auspeitschen, durch ihre pure Existenz als Ehemann die Ehefrau aufregen oder mit angenehm aufmerksamen aufblasbaren Puppen, männlichen wie weiblichen, gemeinsam am Tisch sitzen. Nur eines tun nutzlose Schriftsteller natürlich nicht: schreiben. Nach Cavazzoni wird es der plaudernde Philosoph Luciano De Crescenzo (28.6., 20 Uhr) wohl schwer haben.

Wie nützlich ist im Vergleich mit den nutzlosen Schriftstellern doch ein Gedicht. Das Poesiefestival erbringt den Beweis dafür gleich über zehn Tage hinweg. Es wird eröffnet von dem Poem „Homeland“ über die Nöte von Einwanderern, das musiziert, gesungen und getanzt wird – Letzteres von einer australischen Theatergruppe an der Fassade eines 70 Meter hohen Plattenbaus (Lichtenberger Str. 40, Ecke Holzmarktstr., 26.6.– 30.6., jeweils 23 Uhr). Aus dem reichhaltigen Programm (Tel. 030-48 52 450, www.poesiefestival.org ) nur zwei Tipps: Am 27.6. treten um 20 Uhr in der Backfabrik fünf Lautpoeten auf, die Erstaunliches mit ihrer Stimme, Geräuschen und Musik anfangen. Unter ihnen ist der Pionier der Gattung, der 1922 geborene Henri Chopin . Und dann stellen Björn Kuhligk und Jan Wagner ihre Anthologie „Lyrik von jetzt“ (DuMont) mit Dichtern zwischen 20 und 35 vor (Backfabrik, 28.6.; Bezirkszentralbibliothek Mark Twain, Marzahn-Hellersdorf, 30.6., jeweils 20 Uhr; Kulturkaufhaus Dussmann, 4.7., 18 Uhr).

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