Kultur : Das Tabori- Komplott

Rüdiger Schaper

Eine FREUDE

Brecht war es, der Tabori zum Theater brachte. Und es war Brechts und Helene Weigels Haus, wo George Tabori am Montagabend in einer Weise gefeiert wurde, die jeden beglückt hat, der dabei sein konnte. Denn eines muss man der Direktion des Berliner Ensembles lassen: Sie verstehen sich auf die Inszenierung von Theatergeschichte. Unten im Foyer, man hat es im Trubel um den 90-jährigen Jubilar fast übersehen, ein Bild Heiner Müllers bei der Einschulung: da schon dieser zutiefst melancholische Blick. Müller starb mit nicht einmal siebzig Jahren, Brecht waren keine sechs Jahrzehnte Lebenszeit gegeben. Dies aber vor allem war das Schöne des Geburtstagsfests für Tabori: dass einmal ein anderer, einer, der gelitten hat unter dem deutschen Irrsinn, ein so hohes Alter erreicht. Es fällt auf, dass sonst immer nur die steinalt werden, denen man zu Zeiten eine gewisse Affinität zu den Nazis nachsagen musste; Leni Riefenstahl, Ernst Jünger, Marika Rökk und leider auch Bernhard Minetti. Und wenn Tabori mitmacht, ist ein „Methusalem-Komplott“ eine wunderbare Sache.

Noch etwas anderes hat dem Bühnenfest einen Zauber verliehen, der jeden Theatermenschen berührt: die Präsenz all der Schauspieler, die kamen, um ihrem George zu gratulieren. Senta Berger, Cornelia Froboess, Angelica Domröse, Hanna Schygulla, Miriam Goldschmidt, Hilmar Thate, Sepp Bierbichler, Ignaz Kirchner, Walter Schmidinger. Sie alle, pardon, um die sechzig – und viel zu wenig im Theater noch zu sehen, jedenfalls in Berlin. Es mag übertrieben sein, von einer lost generation zu sprechen. Das trifft eher auf die Regisseure dieser Generation zu, zu denen auch BE-Direktor Claus Peymann gehört. Man kann von Tabori unendlich viel lernen: Warum er nie bitter und starr geworden ist, im Leben nicht und nicht im Theater, diesem verdammt guten Purgatorium.

0 Kommentare

Neuester Kommentar