Kultur : „Das Theater ist die große Baustelle in meiner Arbeit“

Zeit für Veränderungen: Christian Thielemann über München, Bayreuth, Wien, Berlins Opern – und das Lob der Freizeit

Herr Thielemann, es heißt immer wieder, Kirsten Harms, die Intendantin der Deutschen Oper, sei mit Ihnen im Gespräch ...

Frau Harms hat mich nie angerufen. Ich weiß nicht, wer solche Gerüchte in die Welt setzt und warum.

Würden Sie sich über ihren Anruf denn inzwischen freuen?

Es ist ja nicht so, dass man mich aus Berlin nicht anrufen würde. Die Philharmoniker tun dies regelmäßig, auch die Staatskapelle ist interessiert. Da ich, wie bekannt, kein Vieldirigierer bin, ist meine Zeit allerdings begrenzt. Ich kann und möchte nicht alle Wünsche erfüllen.

Für Bayreuth aber haben Sie Zeit. Sie bekleiden auf dem Grünen Hügel in Zukunft die Position eines Chefdirigenten. Das heißt, Sie werden für die Festspiele auch übers Jahr tätig sein müssen.

Bayreuth liegt mir am Herzen, und die Verantwortung, die mir da zuwächst, habe ich mir sehr genau überlegt. Es gibt eben Dinge, da sagt man als Künstler nicht Nein. Dazu zählt auch mein Projekt mit den Wiener Philharmonikern ...

... mit denen Sie ab Dezember alle neun Beethoven-Sinfonien aufnehmen ...

Das ist eine so schöne, große Aufgabe, da habe ich mich irrsinnig gefreut. Die haben einfach gefunden, dass wir künstlerisch und menschlich auf einer Linie liegen. Wir gehen damit dann auf Tournee, spielen den Zyklus beispielsweise nicht nur hier in Berlin, sondern auch in Japan, also das ist schon sehr schön.

Hätten Sie ein ähnliches Angebot von der Staatskapelle auch angenommen, oder ist die Berührungsscheu gegenüber der ehemaligen Konkurrenz noch zu groß?

Ach, seien Sie da mal nicht zu psychologisch. Mit Freude würde ich es tun, aber es fehlt mir schlicht die Zeit. Mein Orchester in München, Bayreuth, die Berliner und die Wiener Philharmoniker, da bin ich gut beschäftigt. Außerdem will man ja auch mal zu Hause sein, ich brauche das für meine Inspiration. Ich kann mich nicht ausschließlich über den Beruf definieren. Wenn ich mich nur vom Hotel zur Probe oder zum Konzert bewege, werde ich trist und traurig. Ich bin auch ein Freizeitmensch, das habe ich lernen müssen.

Das heißt, Sie würden gerne mehr tun, aber es geht nicht?

Das heißt, ich habe genügend Ideen, um mein Leben auch ohne Konzertsäle und Orchestergräben glückhaft zu gestalten.

Wie stellt sich die Situation der Berliner Opernhäuser dar, wenn Sie von Ihrem Generalmusikdirektoren-Zimmer im Münchner Gasteig über die sonnige Isar schauen?

Nicht viel besser oder anders als vor vier Jahren. Mein Weggang damals mag ein kleiner Schock gewesen sein, ein Umdenken in der Politik hat er nicht bewirkt. Im Gegenteil: Der Graben zwischen der Deutschen Oper und der Staatsoper ist noch tiefer geworden. Der aktuelle Unterschied, finanziell, beträgt über sechs Millionen Euro im Jahr. Ist das gerecht? Wobei ich den Kollegen an der Lindenoper nur recht geben kann, ein internationales Niveau hat seinen Preis. Aber warum durften die einen das damals für sich reklamieren, und die anderen durften es nicht? Das hat mir bis heute niemand erklären können.

Haben Sie mit Donald Runnicles einmal gesprochen, dem designierten Chefdirigenten der Deutschen Oper ab 2009?

Ja, schließlich kennen wir uns seit über 20 Jahren, seit unserer gemeinsamen Zeit in Hannover. Ich denke, er ist sich der Problematik bewusst und wird sich entsprechend einbringen. Vielleicht schafft er es ja, die Politiker davon zu überzeugen, dass die herrschende Ungleichheit zwischen den Häusern nicht produktiv ist. Ich wünsche ihm dafür jedenfalls alles erdenklich Gute.

In Baden-Baden dirigieren Sie in dieser Saison einen „Rosenkavalier“, ab 2011 einen neuen „Ring“, beide Male mit den Münchner Philharmonikern im Graben, außerdem wird es 2010 in Salzburg eine „Frau ohne Schatten“ geben: Der Operndirigent Thielemann bleibt also auch jenseits von Bayreuth auf das schwere deutsche Fach abonniert. Fehlt da nichts?

Doch natürlich, da fehlt das ganze restliche Repertoire, das gebe ich offen zu. Das Theater ist momentan die große Baustelle in meiner Arbeit. Daran wird sich etwas ändern müssen, vor vier Jahren war ich ja gerade auf dem Weg zu Puccini, zum mittleren und späten Verdi, wenn Sie so wollen ... also, das ist nicht abgeschlossen.

Wäre die Bayerische Staatsoper nicht ein naheliegendes Betätigungsfeld?

Ja und nein. Einerseits greift auch hier wieder die Zeitfrage, andererseits bin ich mit meinen Münchner Philharmonikern erst jetzt so weit, nach vier Jahren, dass ich wie bei jedem Weltklasseorchester an den kleinen, feinen Stellschrauben drehen kann. Dieser Prozess braucht enorm viel Kraft und Konzentration. Wir fangen ja jetzt auch an, unser gemeinsames Repertoire zu erweitern: mit Schnittke, Tschaikowsky, Fauré, Chausson, Glanert ...

Also weg von den konzentrischen Kreisen um Beethoven, Brahms, Bruckner?

Wissen Sie, was kaum jemand begreift? Wenn ich mich in eine Partitur versenke, indem ich sie oft dirigiere, dann heißt das doch nicht, dass ich mich darin verliere, sondern dann bedeutet das auch, dass ich für gewisse Dinge ein anderes Sensorium entwickle. Für Übergänge, für Farben. Günter Wand hat Brahms’ Erste gut fünfhundert Mal in seinem Leben dirigiert – das hat man gehört! Andererseits kenne ich den Drang nur zu gut, solche Stücke für eine gewisse Zeit auch wieder wegzuschmeißen. Man muss sein Maß kennen, man muss klug wiederholen, sonst wird man in diesem Beruf zum Autisten.

Ist es auch ein Indiz für Veränderung, dass Sie sich von CAMI, Ihrer langjährigen Agentur, getrennt haben?

Sagen wir so: Ich richte mir derzeit ein neues Büro ein. Und der Teppich ist schon drin.

Heute Abend, 20 Uhr, gastiert Christian Thielemann in der Philharmonie. Die Münchner Philharmoniker spielen Werke von Strauss und Brahms. – Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey.

Christian Thielemann ist seit 2004 Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker. Sein Vertrag als zukünftiger Chefdirigent der Bayreuther Festspiele wird gerade verhandelt.

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