Kultur : „Das Tier sind wir“

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Herr Grützke, haben Sie ein Lieblingstier?

GRÜTZKE: Nein. Ebensowenig wie ich eine Lieblingsfarbe habe. Ich kann mich nicht entscheiden.

Sie interessieren sich also für die Tierwelt im Ganzen, die gesamte Schöpfung?

GRÜTZKE: Ja. Das ist ein natürliches Interesse, aus der Natur der Sache. Wir stellen ja, wenn wir uns für Tiere interessieren nichts anderes als Verwandtschaften fest, oder das Gegenteil davon. Der Reiz des Exotischen ist, dass es gar nicht so exotisch ist.

In Ihrer Rede zur Ausstellungseröffnung haben Sie gesagt: „Jeder, der seine Gattung vertritt, und wer tut das nicht, tut dies gegen alles Übrige. Das Tier sind wir.“ Wenn man ein Tier anschaut, sieht man sich selbst!

GRÜTZKE: Man stellt natürlich Unterschiede fest. Die Betrachtung einer anderen Gattung ist wie ein Besuch, eine Untersuchung, bei der sich Nähe und Ferne feststellen lassen, Unterschiede, beziehungsweise. das Fehlen von Unterschieden.

Wo haben Sie die größte Nähe festgestellt?

GRÜTZKE: Bei Würmern und Käfern ist sie ziemlich gering, bei allen Insekten eigentlich. Bei den meisten Tiergattungen sind die Reaktionen auch schwer abzuschätzen, weil sie so abrupt sind. Aber es gibt auch gemütlichere Tiere. Elefanten zum Beispiel. Die haben auch ein Gedächtnis. Elefanten können manchen Menschen auch nicht leiden und dann zerdrücken sie ihn eben an der Wand, wenn er ihnen zu nahe gekommen ist.

FRÄDRICH: Das sagenhafte Gedächtnis, das man den Elefanten zuschreibt, das stimmt nicht ganz. Allerdings können sie sich sehr wohl sehr lange an Situationen erinnern. Vor Jahren haben wir einen Elefanten als Staatsgeschenk aus Thailand bekommen. Meine Frau kommt aus Thailand. Sie musste zwischen dem thailändischen und unserem Tierpfleger dolmetschen. Seitdem erkennt der Elefant ihre Stimme. Tiere beobachten sehr gut und gründlich. Im Zoo haben sie viel Zeit. Daher kennen sie die Menschen so gut.

Herr Frädrich, haben Sie ein Lieblings-Tier-Kunstwerk?

FRÄDRICH: Den Orang-Utan, den August Gaul 1910 in Bronze gegossen hat. Den hat der Zoo vor Jahren von den Berlinern geschenkt bekommen. Lange Jahre hat er in meinem Büro gestanden, jetzt ist er für die Ausstellung ausgeliehen worden. Die Skulptur ist circa 80 Zentimeter hoch und man möchte sie immer anfassen. Das ist ein gutes Zeichen. Die besonders guten Bronze-Plastiken hier im Garten sind von Kinderhänden blank gerieben.

GRÜTZKE: Von Gaul, dem bedeutenden Tierbildhauer, sind auch die Löwen am Fuß des ehemaligen Nationaldenkmals vor dem Schloss. Unter ihren Tatzen halten sie Fahnen und Kanonen fest.

FRÄDRICH: Jeder Löwe guckt in eine andere Himmelsrichtung. Am grimmigsten sieht der aus, der nach Westen guckt, damit war Frankreich gemeint, der „Erbfeind“. Zwei Löwen stehen nun wieder im Tierpark. Lange Zeit galten Zoos als Schulen des Sehens. Man kannte Löwen, wie sie von den alten Griechen gemalt worden waren oder aus Mosaiken. Aber kaum jemand hatte einen lebendigen Löwen gesehen. Erst im Zoo konnte man permanent Löwen studieren. Erst dann ist es Künstlern gelungen, Löwen naturgetreu zu treffen.

GRÜTZKE: Mein Freund, der Bildhauer Höpfner, beschwert sich immer über das Münchner Siegestor. Der Siegeswagen dort wird von wurmartigen Löwen statt von Pferden gezogen. Dabei hatte der Bildhauer des Siegestors vom Bayerischen König einen Löwen als Modell zur Verfügung gestellt bekommen. Trotzdem kriechen sie vor dem Wagen dahin, das ist nicht sehr überzeugend für einen Siegeswagen.

Dürer hat 1515 einen Holzschnitt von einem Nashorn angefertigt, das er nur vom Hörensagen kannte. Der Holzschnitt zeigt ein unförmiges, gepanzertes Tier, das seinem Vorbild nur grob ähnelt.

FRÄDRICH: Dafür ist es erstaunlich gut gelungen. Dürer zeigt die Platten des Panzernashorns, die sich überlappen und verschiebbar sind. Das Tier, von dem Dürer gehört hatte, war berühmt. Es kam aus den portugiesischen Kolonien nach Lissabon, da ist es gezeigt worden. Dann sollte es als Geschenk für den Papst nach Rom gebracht werden, doch bei der Seereise von Lissabon nach Rom ist das Schiff untergegangen. Das Nashorn ist irgendwo im Mittelmeer versunken.

GRÜTZKE: Das ist Pech. Was hätte der Papst mit einem Panzernashorn angefangen?

In den Statuten des Zoologischen Gartens war schon bei der Gründung 1844 davon die Rede, der Zoo solle dazu dienen, die Tierkunst zu fördern. „‚Tierkunst“ klingt heute possierlich. Es gibt sie auch fast nicht mehr.

FRÄDRICH: Heute befassen sich nur noch wenige Bildhauer mit Tieren, Maler vielleicht noch ein bisschen mehr. Insgesamt ist die naturalistische Vorgehensweise ganz selten geworden. Im 19. Jahrhundert war das exakte, enzyklopädische Abbilden von Fauna und Flora noch etwas ungemein Spannendes. Der Zoo sollte der Allgemeinbildung dienen, das war der Wunsch des Bürgertums. Es gab Malklassen, Künstler gingen ein und aus, stellten ihre Gerätschaften hier unter. In den zwanziger Jahren, mit August Gaul, ging diese Tradition zu Ende.

GRÜTZKE: Es gab auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch einige Tierbildhauer: Waldemar Grzimek und die wunderbare René Sintenis. Von Sintenis stammen die Berlin-Bären an der Autobahn und der Knabe mit einer Ziege auf dem Savigny-Platz.

Bei der Kunstausstellung in der Fasanerie sind vor allem die gewöhnlichen mitteleuropäischen Arten vertreten: Kühe, Enten, Schafe, Hunde. Man vermisst Leguane, Pinguine oder Giraffen.

FRÄDRICH: Die Säugetier nehmen bei den Tierdarstellungen ungefähr achtzig Prozent ein. Ich weiß aus meiner Zeit als Zoo-Chef, dass ein Zooführer mit einem Vogel-Titelbild sich nie verkaufen würde. Es muss ein Säugetier mit großen Augen sein. Das Tier als solches ist immer das Säugetier.

GRÜTZKE: Vielleicht muss man noch die Sparte Kuscheltiere mit einbeziehen.

Herr Grützke, in Ihrem Werk gibt es viele Tiere. Sie haben Schafe skizziert,der heiligen Odilie eine Henne an die Seite gestellt und auf Ihrem Gemälde „Jesu Einzug in Jerusalem" eine Frau auf einen Esel gesetzt.

GRÜTZKE: Das sind eigentlich alles Haustiere. Als Student bin ich noch in den Genuss des Zoo-Zeichnens gekommen. Mein Lehrer sagte, es sei viel einfacher exotische Tiere zu zeichnen. Die vertrauten Tiere sind sozusagen Gliedmaßen von uns, da ist ein objektiver Blick schwierig. Man kann sie nicht vorurteilsfrei anschauen. Jemand, den man kaum kennt, kann man am besten porträtieren.

Haben Sie die Tiere im Original studiert oder auf Abbildungen zurückgegriffen?

GRÜTZKE: Ich greife gerne auf Präparate zurück. Ich wollte immer gerne einen Nasenaffen haben. Die sind aber zu wertvoll, sagt mein Präparator. Wenn einer stirbt, kommt er gleich in ein Institut. Aber immerhin besitze ich ein ausgestopftes Pavian-Weibchen aus Windlingen bei Stuttgart.

FRÄDRICH: Nasenaffen sind bemerkenswerte Tiere. die sehen aus wie Pinocchio. Die Weibchen haben möhrenförmige Nasen, die Männer haben gurkenförmige. Daran kann man sie unterscheiden.

GRÜTZKE: In mein ausgestopftes Pavian-Weibchen war ich regelrecht verschossen, das habe ich sehr oft gemalt. Beim Po musste ich allerdings mein Gedächtnis bemühen, das ist so eine Art ausgestopfter Luftballon, den bekam der Präparator nicht richtig hin. Der Po muss rot leuchten. Das Pavian-Weibchen sucht dauernd die Aufmerksamkeit des Männchens, der irgendwo auf einem Stein sitzt. Sie machen auch Pseudo-Geschlechts-Verkehr und achten darauf, ob er auch guckt. In dieser Haltung habe ich mir mein Pavian-Weibchen auch präparieren lassen. Am Ende ist meine Freundin eifersüchtig geworden auf die vielen Pavian-Weibchen auf meinen Bildern. Also sind wir zum Präparator gegangen und haben einen Feldhasen erworben. Nun male ich den Hasen.

Ihre Kunst ist auch Satire. Wollen Sie in der Lächerlichkeit und Eitelkeit des Pavians die Lächerlichkeit des Menschen zeigen?

GRÜTZKE: Das Lächerliche an dem Tier ist ja nur das Menschenähnliche. Sonst wäre es gar nicht lächerlich. Das ist gar nicht satirisch. Es ist so wie es ist. Ich mache mich nicht darüber lustig.

Wir müssen noch über eine andere Form der Tier-Kunst sprechen, nämlich die Kunst von Tieren. Sind Tiere kunstbegabt?

GRÜTZKE: Unbedingt! Ich habe einen Zwerghasen besessen, der durch das Abreißen von Tapete eine Decollage erstellt hat, am unteren Rand der Scheuerleiste. Das war ein Selbstporträt. Das Tier ist längst gestorben, aber das Selbstporträt ist noch da. Von Chardin, dem französischen Rokoko-Maler, gibt es drei Bilder, in denen ein Affe malt. Affen sind also auch kunstbegabt.

FRÄDRICH: Sobald man ihnen die richtigen Materialien zur Verfügung stellt schon. Sie können ja nicht sagen, was sie wollen, aber wenn sie verschiedene Farbtöpfe und Pinsel haben – manche benutzen auch die Finger – bringen sie Striche oder Kreise aufs Papier. Auf diese Weise entstehen ganz interessante Muster, von Orang-Utans, von Gorillas oder Schimpansen. In meinem Büro hatte ich ein Bild, das ein Elefant im Zoo von Jerusalem gemalt hatte. Man hatte ihm einen Pinsel in den Rüssel gegeben, und er hatte in breiten Strichen ein schönes, aussagekräftiges Gemälde geschaffen. Tiere können nur abstrakte Kunst herstellen?

GRÜTZKE: Tiere können auch nicht fernsehen. Neulich sah ich ein Foto, auf dem ein Leopard gelangweilt vor einem Fernseher lag. Tiere erkennen im TV keine Bilder.

FRÄDRICH: Doch, doch. Hunde reagieren ganz klar auf Hunde auf dem Bildschirm. Sie erkennen die Körpersprache ihrer Artgenossen, egal ob Pekinese oder Bernhardiner.

Vermissen Sie in der aktuellen Kunst die Bereitschaft, die lebende Welt darzustellen?

GRÜTZKE: Ich vemisse gar nichts. Ich mache das selbst. Es ist nur so eine gewisse Szene am Werk, die außerordentlich langweilig ist. Das heißt dann Kunst. Meine Arbeiten bezeichnet man auch als Kunst. Dasselbe Wort, eigentlich ist es aber nicht dasselbe.

Da Sie jetzt eine Jahresfreikarte besitzen, werden Sie sicher in Zukunft oft in den Zoo gehen?

GRÜTZKE: Hoffentlich. Ich habe eine Professur in Nürnberg und reise viel. Aber es ist ganz wunderbar hier, ich könnte mir zum Beispiel mal die Löwen vornehmen.

Herr Frädrich, wollen Sie mit der Jahresfreikarte für wechselnde Künstler die Tradition der Tierkunst im Zoo wiederbeleben?

FRÄDRICH: Ich freue mich jedes Mal, wenn Schulklassen oder Volkshochschulgruppen hier malen. Die Tiere sind ja nicht für sich selbst da, sie sollen dem Menschen dienen.

EINE ALTE ZOOBESUCHERIN: Wissen Sie, warum die Hühner Eier legen?

FRÄDRICH: Damit es Küken gibt?

ALTE BESUCHERIN: Wenn sie sie hinwerfen, gehen sie kaputt! Logisch, nicht? Aber keiner wusste es. Jetzt wissen Sie es!

Das Gespräch führten Christian Schröder und Dorte Huneke

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