Kultur : Das Töpfchen und der Haß

KERSTIN DECKER

Die Empörung der Ostdeutschen hat einen Namen: Christian Pfeiffer, Kriminologe aus Hannover.Pfeiffer fand heraus, warum ostdeutsche Jugendliche öfter Ausländer überfallen als die im Westen.Denn Pfeiffer sah Fotos von DDR-Kinderkrippen.In düsterer konformistischer Verschwörung saßen die Kleinsten nebeneinander auf dem Topf.Alle gleichzeitig.Ein folgenreiches Szenario, findet Pfeiffer.Undenkbar im Westen.Denn würde sich ein freies, individualistisches Kleinkind eines freien, individualistischen Landes je mit anderen freien, individualistischen Kleinkindern zur selben Zeit, im selben Raum ...? Ja, man muß die Frage zuspitzen: Würde es sich überhaupt auf den Topf setzen? Aber Pfeiffer hat ja recht.War schon ziemlich autoritär ausgedacht, dieses DDR-Erziehungssystem.

Elke Plöger, zuletzt Gleichstellungsbeauftragte in Sachsen-Anhalt, beschäftigt schon länger die Frage, worauf wohl die höhere Vergewaltigungsquote im Westen zurückgehen mag.Sie kam nie drauf, erst durch Pfeiffer.Es muß an der Erziehung liegen.Erziehung zu Eigeninitiative und unbedingter Durchsetzungsfähigkeit! Dieselbe Struktur des Arguments.Fast ist man versucht zu fragen, welche Erziehung solch erstaunlich faltenlosen Verstand zuwege bringt.

Pfeiffer macht keinen Unterschied zwischen Absicht und Wirkung.Das ist recht unerwachsen.Er denkt nicht mit, was unbedingt mitzudenken ist: daß der übergroße Teil der DDR-Bürger ein distanziertes, ein ironisches Verhältnis hatte zu seinem autoritären Staat.Alles Autoritäre steht auf der Grenze zur Lächerlichkeit.Das Umgebungsklima entscheidet da über seine Wirkung.Die übermächtige Umgebung der DDR war die Bundesrepublik.So sprach man vor und nach den Fahnenappellen - richtig paramilitärisch war das an den Schulen - über das West-Fernsehprogramm vom Vorabend.Wir hatten keine Angst mehr.Das mag in den Fünfzigern und vielleicht noch in den Sechzigern anders gewesen sein.Die Späteren aber lernten schon als Kinder, mit diesem Staat und seinen Forderungen zu spielen.Der eigentliche Erzieher der Generation der heute Überdreißigjährigen war Udo Lindenberg, nicht Margot Honecker.Und diese Generation hat nun also Kinder, die heute Ausländer jagen.War das konformistische Topfsitzen der Eltern als geistiger Einfluß wirklich prägender als Lindenberg?

Pfeiffer fiel auf, daß werdende Männer ländlicher Gegenden im Osten stark zur Rottenbildung neigen.Er führt es auf den Topf-Kommunismus zurück.Auf die Ur-Rotte der Einjährigen.Rottenbildung ist ein pubertäres Phänomen der männlichen Jugend vieler höherer Säugetierarten.Die Absonderung der männlichen Jugend als Kraftprobe.Man tut sich zusammen, um gezielt die übrige Sozietät zu terrorisieren.Und womit läßt sich eine Gesellschaft schocken, die durch nichts zu schocken ist? Kinder und Jugendliche haben ein gutes Gespür für letzte Tabus.Tabu heute ist, was einem nicht ohne weiteres nachgesehen wird.Nicht nachgesehen werden der Hitlergruß und ausländerfeindliches Betragen.Plötzlich erlangt man das Außerordentliche: öffentliche Beachtung.

Aber Pfeiffer hat noch mehr Erklärungen für die dumpfe Ausländerfeindlichkeit der Ost-Jugend.Die Familie.In der DDR habe es besonders viele Trennungs- und Scheidungskonflikte gegeben und außerdem berufstätige Mütter.Keine Welt für Kinder? Manchmal denken Menschen im Westen laut darüber nach, ob frühere DDR-Bürger eigentlich richtige Erwachsene sind.Sie formulieren das dann bloß ein bißchen anders.Haben Ostdeutsche ein Gewissen? Die meisten sind ohne Gott aufgewachsen.Folglich ohne Moral? Und dazu nun diese höhere Scheidungsquote.Zeugt das nicht von menschlichem Wildwuchs? Zuerst zeugt es davon, daß Sich-scheiden-lassen in der DDR viel leichter war.Dieses ganze Vermögensverteilungsproblem entfiel; erstens, weil fast keiner eins hatte, und zweitens, weil man, frau vor allem, auch allein klarkam.Und dann zeugt diese Scheidungsrate auch noch vom Grundproblem der Ehe in jeder hochindividualisierten Gesellschaft, egal ob Ost oder West: Das enge Zusammenleben von zwei Erwachsenen ist so gut wie unmöglich.Es war also schon in gewissem Sinne leichtfertig, Frauen den Erwachsenenstatus zuzuerkennen.Denn nun müssen, wenn es gut gehen soll, beide noch viel erwachsener sein, als sie es zu früheren Zeiten je brauchten.Das Erwachsensein der Männer bislang war ja auch nur ererbt.Man besaß die Befehlsgewalt.Konvention, nicht Reflexion.

Pfeiffer sagt ein interessantes Wort, wenn er über die Entwicklung eines Menschen spricht: Ausbildung "eines gelassenen Selbstvertrauens".Darum ginge es.Und gerade das, so provokant es klingen mag, machte die DDR einem vielleicht sogar leichter.Den Frauen ohnehin.Vieles ist erklärbar, und doch bleibt ein Rest.Fast fünfmal soviele Überfälle Jugendlicher auf Ausländer gab es 1997 in Ostdeutschland im Vergleich zum Westen.Obwohl dort noch immer viel weniger Fremde leben.

Die jungen Rechtsradikalen sind Wende-Kinder.Noch in der DDR geboren, haben sie die DDR schon nicht mehr bewußt erlebt.Und haben Eltern, in deren Leben plötzlich kein Stein mehr auf dem anderen blieb.Was bedeutete das für eine Kindheit? Bürgerlich ist es, sich eine Existenz zu gründen und je nach dem Ertrag sich ein, zwei Kinder zu leisten.DDR-Biographien sind ganz und gar unbürgerlich.Plötzlich fanden sich fast Vierzigjährige in einer Art zweiter Pubertät wieder: in einer plötzlich ausgewechselten Welt, einem plötzlich ausgewechselten Leben.Ohne Boden.Und nie für möglich gehalten: ohne Arbeit.Aber mit Familie.

Bürgerlich ist es, die Risiken seines Lebens zu kennen.Wer aus der DDR kam, kannte sie nicht.Die Umbruchsphase war für die wenigsten reibungslos.Und manche gewannen nie mehr festen Boden unter den Füßen.Die Kinder haben das gespürt.Kindsein ist etwas sehr Undemokratisches.Es hat etwas von Urhöhle, von Stall.Und die Leittiere sollten schon glaubhaft sein.Sie sollten einen festen Tritt haben im Leben.Man muß, wie auch immer, zu ihnen aufschauen können.Das gibt eine Grundzuversicht ins Leben.Die Wende-Kinder haben ihre Eltern oft anders erlebt.Ihr - vorbewußter - Begriff von Freiheit wurde die negative Überdosis.Freiheit, die vor allem eins bedeutete: Entwertung.Wie die Buchbestände ganzer Verlage auf dem Müll landeten, so auch die Lebensläufe.Die Kinder haben das nicht verstanden, nur registriert.Darin liegt vielleicht ein beinahe tragisches Moment.Tragisch nicht im pathetischen Sinne, sondern in dem ursprünglicheren, daß niemand einfach Schuld daran trägt.Was kann der Westen dafür, daß er so stark ist? Und daß Umbrüche, selbst wenn man sie wollte, oft so weh tun? Und nun scheinen feste Ordnungen manch jungem Menschen wieder erstrebenswert.Eine werthafte Welt hat Hierarchien.Weltbilder aus Qualitäten und Hierarchien - substanziale, mythische Weltbilder also - sind einfach, sind plausibel.Man kann sich gut in ihnen orientieren.Solche Weltbilder sagen zum Beispiel: ein Schwarzer gehört nicht nach Brandenburg.

Eine Jugend, die nicht ins Freie will, das ist schon erschreckend.Auf soetwas wären ihre Eltern, in der DDR großgeworden, nie gekommen.Ordnung gab es da genug.Nein, die dumpfen Jungs im Osten sind weniger eine späte Reaktion auf die DDR; sie sind eher eine Reaktion auf die jüngste Vergangenheit der letzten zehn Jahre.Auf einen ostdeutschen Weltenwechsel, der in gewissem Sinne radikaler war als der Übergang vom Kaiserreich in die Weimarer Demokratie.Ein Weltenwechsel des Alltags.Natürlich geben die Erfahrungen der Wende-Kinder nicht vor, was aus ihnen wird.Und wieviele Eltern werden ihnen eine Sicherheit vorgespielt haben, die sie selbst nicht besaßen.

Es geht nicht darum, alles was Pfeiffer sagt, einfach umzudrehen.Aber man könnte es - vielleicht mit dem größeren Recht.Die Ostdeutschen spüren das in seinen Vorträgen.Und das - nicht Verstocktheit, wie Pfeiffer meint - macht sie zornig und wütend.Denn gerade die DDR besaß jene Stallwärme, die Pfeiffer ihr so abspricht.Der Einzelne war gemeint, war wichtig.Wie von jeder Stallwärme so konnte einem auch von dieser ganz übel werden.Und wer da nie rauswollte, ist ein Schaf, völlig klar.Genau wie jene, die wieder zurückwollen.Einfach deshalb, weil man als Erwachsener sich niemals mit letztem Ernst wünschen kann, wieder Kind zu sein.Und der Parteistaat behandelte Erwachsene wie Kinder, wenn er in den Betrieben den "Wettbewerb der sozialistischen Arbeit" veranstaltete.Die DDR duldete keine Erwachsenen.Man mußte es im Verborgenen sein.Das hatte vielleicht sogar seinen Reiz.Wie Ernst Jünger sagte: Das eigentliche Unglück sei nicht unterschätzt, sondern überschätzt zu werden.Es ist etwas kränkend, aber nicht existentiell bedrohlich.

Das ist der Unterschied zu heute.Es ist viel gesagt worden über die "Kälte der bürgerlichen Gesellschaft".Ostdeutsche spüren sie noch schärfer.Und vergessen dabei oft, sie zu bejahen.Denn diese "Kälte der bürgerlichen Gesellschaft" ist nur ein anderes Wort für ihre Professionalität.Sie ist eben keine Gemeinschaft, sondern ein Funktionszusammenhang.Entweder der Einzelne paßt da rein, oder er fliegt raus.

Viele Wende-Kinder haben zu früh eine Erfahrung gemacht, die Erwachsene lange vor ihnen verbergen sollten: Daß im Grunde jeder einer zuviel ist.Und universell austauschbar.

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