Kultur : Das tote Haus

Bernhard Schulz über den Schrecken des Heimwerkens

Es gibt eine Fernsehwerbung, da verfolgt ein von geheimen Kräften bewegtes Badezimmer einen von der Flucht bereits erschöpften Mann. Gedreht wurde der Spot in einem menschenleeren Prag, wohl im Morgengrauen, das nicht ohne Grund diesen doppeldeutigen Namen trägt. Moral: „Mach es fertig, bevor es dich fertigmacht!“ Doch ist der Weg zum Baumarkt, den der Spot als Rettung preist, tatsächlich der richtige? Welches Grauen im Gebastelten stecken kann, wenn nicht sogar muss, hat vor Jahren der Künstler Gregor Schneider nicht nur vor Augen geführt. Wer in seine monströse Bastelstube „Totes Haus ur“ – als deutscher Beitrag 2001 bei der Biennale von Venedig gezeigt – hineinstieg und hinaufkroch, behielt im Körpergedächtnis eine Ahnung von dem Grauen, das das Ausgeliefertsein an eine allein von Menschenhand geschaffene Welt bedeuten muss. 3sat brachte damals einen Beitrag unter dem Titel „Zuflucht oder Kerker“. Darin sagt der Künstler Sätze wie „Wände können Zeit einfrieren“. Man fröstelt – heute. Wie sehr die Kunst eine Wirklichkeit vorwegnehmen kann, die, stellt sie sich dann ein, alle Vorstellungskraft zu sprengen droht, macht der Fall Amstetten deutlich. Der baupolizeiliche Biedersinn, der ohne weitere Umstände einen „Schutzraum“ genehmigte – wer dächte nicht an das Nazi-Wort „Schutzhaft“? –, der von vornherein als Privatgefängnis geplant war, hat seine optische Entsprechung in der Biederkeit der erbärmlichen Ausstattung. Die Hölle von Amstetten ist – auch – die Welt der Gegenstände; von entseelten Dingen, deren Lieblosigkeit auf furchtbare Weise mit der Lieblosigkeit derer zusammengeht, die sie ersinnen und installieren.

Das Errichten einer unterirdischen Wohnung ist niemandem aufgefallen. Wie denn auch. Überall werden Toilettenschüsseln und Duschtassen gekauft und eingebaut. Der peinigende Gedanke, Amstetten könne kein Einzelfall sein, muss ergänzt werden um den Nachsatz: kein Einzelfall in einer Welt von Heimwerkern und Schutzraumbastlern. Das „tote Haus ur“ hat jäh den Schrecken einer von Alltagsdingen vollgestellten, verstellten und zugemüllten Welt aufgetan.

Mit dem Blick in das Verlies von Amstetten haben wir einen Blick in den Abgrund der Seele getan, der eben nicht nur der Abgrund „entmenschter“ Brutalität ist, sondern auch der Abgrund einer Gewöhnlichkeit, die sich zum endlosen Albtraum verdichtet. Es gebe nicht mehr so viel zu fürchten, hat Samuel Beckett, der Hölle von Auschwitz eingedenk, in bitterster Ironie gesagt. Sein „Endspiel“ mit den in Mülltonnen gebannten Figuren erweist sich als Allegorie auf Amstetten. Zu was Menschen fähig sind, weiß die Kunst, bevor es geschieht.

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