Kultur : Das tote Land

Melodramatisch: Martin Kusej beginnt seine Münchner Intendanz mit Arthur Schnitzler

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Dschungel der Triebe. „Das weite Land“ im Münchner Residenztheater mit Juliane Köhler und Tobias Moretti als untreues Ehepaar. Foto: Hans Jörg Miche
Dschungel der Triebe. „Das weite Land“ im Münchner Residenztheater mit Juliane Köhler und Tobias Moretti als untreues Ehepaar....

Es ist eine Zäsur. Der Regisseur Martin Kusej (50), eine aus Kärnten stammende, von Wien bis Berlin ziemlich erfolgreiche Kraftnatur des Schauspiels und der Oper, hat die Intendanz am Münchner Residenztheater übernommen. Bis zum Sommer hatte dort ein Jahrzehnt lang Dieter Dorn (75) regiert, Münchens graumähniger Theaterkönig, der zuvor bereits ein Vierteljahrhundert die benachbarten Kammerspiele mit seinem glanzvollen Ensemble bestimmte. Nun ist Kusej mit einer prominent besetzten Inszenierung von Arthur Schnitzlers „Weitem Land“ gestartet – und mancher reibt sich erst mal verwundert die Augen.

Schnitzler, der Wiener Arzt und seelenanalytische Dramatiker in der Dämmerung der K.u.K.-Monarchie, ein Zeitgenosse von Sigmund Freud, er ist mit seinen geistreich gewebten Dialogstücken gewiss kein Fall fürs aktionistische Berserkertheater. Die Pranke, mit Krallen und scharfen Spitzen zwar, steckt bei Schnitzler im Seidenhandschuh. Aber bei Kusej in München glaubt man die längste Zeit, hier ginge die Welt der Feschen und Reichen auf Samtpfoten unter. So viel gepflegte, gedämpfte Konversation, so viel effektbewusste Konvention. Die Freunde des späten Dorn-Theaters haben so am Ende gejubelt, als hätte nun fast kein Wechsel stattgefunden.

Erst mal Halbdunkel, Zwielicht und ganz viel Theaterregen, dazu raunt es im Off von Schuld und Zeitenwende. „Das weite Land“, vor exakt hundert Jahren in München, Wien und Berlin zum Erfolgsstück geworden, ist eine tiefschwarze Komödie der erotischen Begierden, der ungestillten Sehnsüchte, des Liebesverrats und der weiblich tändelnden oder männlich tötenden Eitelkeit. So kurz vor dem Ersten Weltkrieg tatsächlich ein letzter Reigen der Untergeher. Aber bei Schnitzler hat der Regen, der nur anfangs im Bericht vom Begräbnis eines Selbstmörders erwähnt wird, längst aufgehört. Gerade als der Sarg des Unglücklichen ins Grab sank, ist die Sonne hervorgebrochen – und alles sich nun begebende Unheil spielt im hellsten Licht. Das gehört zum gnadenlosen Witz des Stücks.

Bei Kusej aber verdoppelt sich der Trauerfall. Erst sind die Spieler zum totenähnlichen Tableau vivant erstarrt, dann in einem flachen Holzkasten gefangen, den nach hinten ein urwaldartiges, tropenähnliches Dickicht begrenzt. Es ist ein Wald aus Trauerweidenzweigen. Nochmal ein Holzhammerzeichen.

Eigentlich spielt „Das weite Land“ in der zum Garten und einem Tennisplatz geöffneten Villa des Wiener Fabrikanten und Frauenschwarms mit dem treffenden Machonamen Hofreiter. Nur einen Akt lang geht es in die Sommerfrische hinauf in ein Dolomitenhotel. Für diesen Ausflug ins Gebirge öffnet Kusejs Bühnenbildner Martin Zehetgruber den klaustrophobischen Kasten: in eine riesig tiefe, aschgraue Felsenlandschaft. Ein Totenreich, in dem zwischen Hofreiter und seiner jüngsten Geliebten, dem Mädchen Erna, schon jeder Anflug von Freiheit und Geilheit zum Zucken von Lemuren wird. Davor aber hat der Berghoteldirektor den höchsten der wie die Eisschollen auf Caspar David Friedrichs Bild von der „Gescheiterten Hoffung“ geschichteten Felsbrocken erklommen: um Friedrich Hofreiter, statt im intimen Salongespräch, über zehn Meter hinweg von oben zu verkünden, dass die Liebe ein Abgrund, das Leben Chaos und des Menschen Seele eben „ein weites Land“ sei. Ein weites Land? Waste Land.

Es sind das Versuche, den sonst angeschlagenen psychorealistischen Konversationston zu steigern, zu überhöhen. Einmal gar hängen Tobias Moretti als Hofreiter und Britta Hammelstein als Erna in einem stummen Zwischenspiel gar an Seilen in einer eigens aufgefahrenen Steilwand, er im Abendanzug, sie auf Stöckelschuhen, und in den Lüften, wie oft an diesem Abend, eine bedeutungsschwangere Sphärenmusik (von Helmut Neugebauer). Statt kunstvoller Natürlichkeit angestrengte Künstlichkeit.

Kusej hat Schnitzlers teilweise überbordenden Text klug eingestrichen und die Handlung ganz auf die Hauptfiguren konzentriert (ohne Kinder, Diener, Hotelgäste). Doch das Bedachte wirkt meist nur ausgedacht. Ausstaffiert. Die Figuren sind statuarisch oder bewegen sich in fast opernhaften Arrangements. Was dann nur übertrieben gebrochen wird, wenn etwa die Hofreiter’sche Tennisgesellschaft wie nach einem Krieg im Dschungelcamp durch den Trauerweidenwald bricht, barfuß (auf dem Sandplatz!), mit blutigen Schrammen, rotgefärbter Kleidung, als hätten sie sich alle am Boden gewälzt. Um im nächsten Augenblick wieder Schnitzlers Pointen zu versprühen, etwa: Man solle eine neue Freundin oder Geliebte nie als „Bekannte“ bezeichnen, eher zutreffend sei „Unbekannte“.

Nie ganz die Fassung verlieren hier nur der August Zirner als kühl kalkulierender Hoteldirektor oder der Bankier und giftige Bonvivant namens Natter, souverän serviert von Gerhard Peilstein. Eva Mattes dekoriert die Aufführung in einer statiösen Nebenrolle als ältere, lebenserfahrene Diva. Juliane Köhler als Hofreiters oft betrogene Gattin Genia spielt dagegen das stille Leid so ätherisch, so tugendstarr, dass sie glaubhafter treu über Leichen steht (der unselige, von ihr unerhörte Selbstmörder am Anfang), als plötzlich doch einen Seitensprung mit einem jungen Fähnrich zu begehen. Mit diesem (Gunther Eckes) liefert sich Tobias Moretti dann ein packendes, eiskaltes, im Finale mörderisches Duell.

Es ist über weite Strecken Morettis Abend. Er unterspielt Kusejs Neigung, das Parlando ins symbolische Pathos zu treiben. Erst am Ende, im neuerlichen Regen, siegt auch bei ihm das Melodram: Als hätte der wunderbare Wiener und Berliner Kritiker Alfred Polgar doch recht gehabt mit der Bemerkung, bei Schnitzler gehe die Muse nie ohne ein Tröpfchen Verwesungsparfüm aus dem Haus. Martin Kusej aber hat in seinem Haus noch viel Lebendiges vor. Es folgen jetzt Ur- und Erstaufführungen von Albert Ostermaier, Helmut Krausser, Neil LaBute und Dennis Kelly; es geht um Franz Josef Strauß, isländische Vulkane, kapitalistische Krisen, und Ende Oktober kommt Horváths Oktoberfest-Klassiker „Kasimir und Karoline“, inszeniert vom Preußen Frank Castorf.

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