Kultur : Das Tragische des Lebens

KLAUS HAMMER

Während uns die Bildmedien zum schnellen und flüchtigen Sehen veranlassen, verlangt das klassische Kunstwerk die langsame, bewußte Wahrnehmung, die man mit dem Raum in Beziehung setzen muß: dem Raum, in dem Landschaft, Mensch und Ding sich zu sichtbaren Kraftlinien verdichten.Man hat sich bei den Zeichnungen von Paul Holz und den Skulpturen von Wieland Förster ihrer sinnlichen Ausstrahlung und ihrem geistigen Anspruch zugleich zu stellen, bevor deren Kunst ihre Geheimnisse preiszugeben bereit ist.

Der 1883 in einem pommerschen Dorf geborene und 1938 in Schleswig verstorbene Paul Holz gehört zu den bedeutenden deutschen Zeichnern in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts.Dennoch ist er bis heute einer größeren Öffentlichkeit unbekannt geblieben.Die soeben im Rostocker Hinstorff-Verlag erschienene Paul-Holz-Monografie von Angelika Förster (68 DM) ist die erste umfassende Würdigung dieses Schilderers des pommerschen Landlebens.Er hat Bauern, Viehhändler, Zieharmonikaspieler, Artisten und Clowns, Blinde, Bettler und Betrunkene, Pferde auf der Koppel oder in Moorlandschaften gezeichnet.Er hat den Vater in allen Lebenssituationen, den kranken und toten Bruder Wilhelm, die Mutter am Grabe, sich selbst porträtiert.

Herrscht in der klassischen Zeichnung die einfache Linie als Umriß von Form vor, tastet sich Holz mit einem ganzen System von Linien, einem ganzen Strichbündel an den inneren Umriß heran.Mit der äußeren Erscheinung, mit der Physiognomie seiner Gestalten hauchte er ihnen zugleich inneres Leben ein."Ich konnte immer nur zeichnen, was mich ergriff", bekannte er.Stets suchte er neben dem Komisch-Heiteren, das bei ihm aber nie die menschliche Würde verletzt, das Schicksalhafte, Tragische im Leben darzustellen.Nur selten zeichnete er nach der Natur, seine Gestalten hatte er im Kopf.Er bevorzugte Rohrfeder und Füllfederhalter, doch mit der Signatur und Datierung seiner Zeichnungen nahm er es nicht allzu genau.

Von "fließenden Übergängen" zwischen den Holzschen Zeichnungen und den Texten Dostojewskis ("Aufzeichnungen aus dem Totenhaus"), Gogols ("Die toten Seelen") und vor allem Knut Hamsuns kann gesprochen werden.Seine Alltagsfiguren scheinen gleichsam in die geistige Dimension der Dichtungen hineinzuwachsen.Den "Panther im Käfig" setzte er durch handschriftliche Notierungen von Versen mit dem berühmten Rilke-Gedicht in Beziehung, die Figur "August Lemke, unser Knecht" verband er mit der Abschrift des Gedichtes "Herbst" von Sergej Jessenin.

Mit Paul Holz teilt der 69jährige Wieland Förster die Beziehung zur umgebenden Landschaft, zum Menschen in der Landschaft.Er hat die Landschaft selbst zum Formthema seiner plastischen Arbeiten gemacht und ihre Spannungen und Kraftlinien in die Körperformen, die schwellenden Wölbungen und die zurücktretenden Einsenkungen in die sich rhythmisch verschiebenden Flächen übertragen.

Die Grundformen des menschlichen Körpers bleiben erhalten, aber in einer bestimmten freien Auswahl, in der Torsierung.So entstehen Kompositionen von Konkavem und Konvexem, von Höhlungen und Auskragungen, Masse und Binnenraum, die ein Zusammenspiel von Ruhe und intensiver Aktion, eine Durchdringung von Natur und Bildwerk ergeben.Die Skulptur greift in den Raum, sie wird Geäst und Gewächs oder eine Felsformatikon, Metapher einer Sehnsucht des Menschen, deren Preis die Verletzung, deren Triumph die Vermenschlichung ist.Darum auch die Beziehung der Försterschen Figuren zu den mythischen Gestalten, in denen das Erlebnis von Sturz und Scheitern, Abbruch und jäher, schmerzhafter Wendung aufbewahrt ist.

Aus der Faszination für die Subjektivität des Menschen ist auch die Leidenschaft Försters zum Porträt zu erklären: der Kopf der Gelähmten, Otmar Suitner, Walter Felsenstein, Johannes Bobrowski, Erich Arendt, Franz Fühmann, Pablo Neruda, Hans Theo Richter...Die große Heinrich-Böll-Stele ist nach dessen Tod 1988 entstanden, und auch für das Bernhard-Minetti-Porträt dienten die Sitzungen des großen Schauspielers 1991 lediglich der "Verfestigung des herangewachsenen inneren Bildes".

Gleichzeitig zeigt die Galerie Sophienstraße 8 in Berlin-Lichtenberg die plastischen und grafischen "Flugbilder" von Wieland Förster vornehmlich aus den Jahren 1991/92.Sie gleichen Entdeckungsfahrten zu den bekannt-unbekannten Orten der Existenz - wo der Künstler sich selbst überraschend entgegentritt, erschrickt, aber dennoch Mut faßt.Schwimmende Weltinseln in der Unendlichkeit des Raumes.Weite Gebiete rücken zusammen, die langen Kurven und Diagonalen der Wege werden kürzer, die Ortschaften erscheinen wie archäologische Fundstücke, Topographisch-Gegenwärtiges und Mythologisches vermischen sich.Försters formbetonter Realismus erstrebt kein blindes Abbild, sondern Inhalt der Form.Und dennoch wird man immer wieder in die Irre, ins Ungewisse gehen, ohne die Vorbedingungen von Ankunft und Sicherheit.

Galerie Pels-Leusden, Fasanenstraße 25, bis 26.Februar, Montag bis Freitag 11-18.30 Uhr, Sonnabend 11-16 Uhr; Galerie Sophienstraße 8 (Berlin-Lichtenberg), bis 16.Januar, Dienstag bis Freitag 13-18 Uhr.

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