Kultur : Das trifft sich gut

Heute beginnt das 40. Berliner Theatertreffen. Es ist, oft totgesagt und springlebendig, noch immer das umstrittenste und begehrteste, das meistgeliebte, meistgehasste und erfolgreichste deutschsprachige Schauspielfestival. Drei Kritiker erinnern sich

Hellmuth Karasek

Den Anfang des Berliner Theatertreffens kann man sich nur vorstellen, wenn man sich die damalige Situation Berlins vor Augen hält – und gleichzeitig die Theater-Manie, die in Deutschland (in West wie in Ost) ausgebrochen war. Ein Wirtschaftswunderland baute seine Theater wieder auf und war stolz, dass ein erwachender wirtschaftlicher Riese sich auch Kultur leisten wollte, Theaterkultur – und das mehr und mehr, mit wachsenden Subventionen, mit einer größeren theatralischen Freiheit, die mitten in der Restauration der Adenauer-Zeit die Bühne als Forum zeitpolitischer, zeitgeschichtlicher und ästhetischer Diskussionen betrachtete.

Also Berlin. Das war damals die Stadt, in der die „Insulaner“ standhielten, in der sowjetische Flugzeuge im Tiefflug über WestBerlin flogen, wenn hier beispielsweise in der Bundesversammlung ein neuer Bundespräsident für die BRD gewählt wurde. West-Berlin, das war damals der Stachel im Fleisch der DDR, und die Theaterleute, die das Theatertreffen ins Leben riefen, hofften zweierlei: einmal durch Kunst und Theater die Gräben die Kalten Kriegs sozusagen auf dem Umweg der Kultur auszutrocknen. Und andererseits, dem geschundenen, abgespaltenen, isolierten, aber auch hochgepäppelten und hochsubventionierten West-Berlin wenigstens künstlerisch eine Hauptstadtaufgabe zuzuspielen. Deutschsprachig eher als deutschstaatlich, Österreich und die Schweiz waren einbezogen, aber die DDR spielte nicht mit, weil sie argwöhnte, West-Berlin sollte über die Theaterhintertreppe zur Deutschen (Kultur-)Hauptstadt promoviert werden.

Ich war damals Theaterkritiker der „Stuttgarter Zeitung“. Mein Chef, Siegfried Melchinger, hatte zusammen mit Henning Rischbieter „Theater heute“ ins Leben gerufen, und die beiden betrieben damit zweierlei: eine Hauptstadtbelebung durch das Theater, durch den Theaterwettbewerb. Und eine Definition des Theaters durch die Theaterkritik. Denn: Das Berliner Theatertreffen entstand nicht durch Publikumsakklamationen, sondern durch Auswahl einer Kritiker-Jury.

Nie wieder war Kritik in Deutschland so mächtig, so prägend, und auch ich, der ich die Ehre und die ächzende Last hatte, einer der ersten für fünf Jahre gewählten Jurys anzugehören (ächzende Last, weil man endlos durch Deutschlands Theaterprovinz gurken musste, um sich in Frage kommende – meist: nicht in Frage kommende – Inszenierungen anzuschauen), erinnere mich noch gerne an die Jahre, in denen ich mit Ernst Wendt, Friedrich Luft, Peter Iden stundenlang diskutierte, bis wir eine „würdige Auswahl“ getroffen hatten. Damals musste die Jury nach den Vorstellungen dem Berliner Publikum noch Rede und Antwort stehen. Es war die bewegte Zeit, wo alles, also auch das Theater, diskutiert und ausdiskutiert wurde.

Kein Zweifel: Damals hatten wir während des Theatertreffens das Gefühl, dass WestBerlin nicht nur Deutschlands Hauptstadt war, sondern auch der Theaternabel der Welt.

Im verrückten, wilden Jahr 68 war manches anders. Auch für das Berliner Theatertreffen. Da war es gerade fünf, und abgesehen vom Geburtsfest 1964, als man noch im September/Oktober zu den Altberliner Festwochenzeiten spielte, galt es schon als theatralische Mai-Feier. Doch im Jahr 1968, als es nach dem April-Attentat auf Rudi Dutschke in West-Berlin die „Osterunruhen“ gegeben hatte und die Studentenrevolte in Frankreich zur Staatskrise eskalierte, da begann das Treffen erst Ende Mai und spielte in den Juni hinein.

Am Tag, als das Festival mit Fritz Kortners Inszenierung von August Strindbergs „Vater“ (einem familiären Offiziersdrama) eröffnete, hatte Frankreichs Übervater und Präsidialgeneral de Gaulle gerade mit einem Reformprogramm die Republik und sich vor dem Sturz gerettet; der Pariser Mai, der Generalstreik und die Revolution im Theater – Studenten hatten das Odéon in Paris (das „Théatre de France“) besetzt und die Bühne zum Parlament der Revolte gemacht: alles schon wieder vorbei. Im Odéon übrigens hatte der Dichter und Ex-Sträfling Jean Genet eben noch ausgerufen, die Studenten sollten besser die Gerichte und Gefängnisse besetzen – da spielten sie in Berlin, gleich nach dem „Vater“, Genets „Wände“: eingeladen aus Essen und inszeniert von Roger Blin, der 1953 berühmt geworden war, weil er in einem Pariser Kellertheater ein Stück namens „Warten auf Godot“ von einem noch weitgehend unbekannten irischen Autor uraufgeführt hatte. Und jetzt, einen Tag nach Genet/Blins „Wänden“, zeigte das Theatertreffen auch den Meister selbst: Samuel Becketts eigene Inszenierung seines „Endspiels“ – wenn nicht ein Jahrhundertstück, so 1968 doch das wahre Stück des Jahres.

Fritz Kortner wiederum, ein Übervater der deutschsprachigen Szene zu dieser Zeit (zwei Jahre vor seinem Tod), er hatte in München unter anderem einen Regieassistenten namens Stein, den im Mai zuvor noch kein Mensch gekannt hatte. In der Saison 1967/68 hatte dieser kaum Dreißigjährige an den Kammerspielen seine beiden ersten eigenen Inszenierungen gemacht, „Gerettet“ von Edward Bond, ein Jugendsozialstück mit der skandalisierten Steinigung eines Babys im Kinderwagen, und Brechts frühes Mysterium „Im Dickicht der Städte“.

Beide Aufführungen wurden sofort nach Berlin eingeladen und „Gerettet“ zur Inszenierung des Jahres gewählt – einen solchen Raketenstart mit Erfolgsexplosion hat bis heute kein zweites Regietalent mehr geschafft. Bonds „Gerettet“ konnte in Berlin allerdings nicht gezeigt werden. Doch das Gastspiel des Münchner „Dickichts“, mit jungen Akteuren wie Bruno Ganz, Edith Clever, Dieter Laser, Klaus Löwitsch, das Ende Mai 68 in Kreuzberg in einem ehemaligen Arbeiterwohlfahrtsheim stattfand, welches seit einiger Zeit „Schaubühne am Halleschen Ufer“ hieß: Es bedeutete Peter Steins erste Begegnung mit dem Ort der Zukunft (und dem Weltruhm, der dort zwei, drei Jahre später beginnen sollte).

Zwölf Inszenierungen waren 1968 zum Theatertreffen eingeladen worden, eine auch, Brechts „Brotladen“ in der Regie von Manfred Karge/Matthias Langhoff, vom Berliner Ensemble, das sieben Jahre nach dem Mauerbau natürlich nicht im anderen Teil der Stadt an einem „West-Festival“ teilnehmen durfte.

Erstmals aber trafen im denkwürdigen Jahr 68 die beiden (nach Kortners Tod 1970) für viele Jahre beherrschenden Regie-Matadore in Berlin aufeinander: eben Stein – und der zehn Jahre ältere Peter Zadek, von der Jury 1968 gleichfalls mit zwei Inszenierungen eingeladen, dem legendären Bremer „Maß für Maß“ (mit Ganz, Clever, Lampe) und Dorst/Zadeks O’Casey-Version des „Pott“ (einem wüsten, komischen, alkoholischen Fußball-Drama, das erste Sportstück des Theatertreffens).

Zadek war im Unterschied zu Stein in der Szene bereits berühmt-berüchtigt: als berlinisch-britischer Exilheimkehrer mit anarchisch pop-poetischem Humor, der schon 1957 in einer geschlossenen Vorstellung in London die Uraufführung von Jean Genets Bordell- und Revolutionsdrama „Der Balkon“ inszeniert hatte. Was wohl besser als „Die Wände“ auch ins Jahr 68 gepasst hätte. Allerdings hegte Genet nach der Londoner Premiere den besonderen Wunsch, eine Maschine zu konstruieren, „die Peter Zadek ununterbrochen in den Arsch tritt“.

Ähnlich herzlich ist dann das Verhältnis der Regiegiganten Stein und Zadek geworden. Zwei Diven, zwei Rivalen, zwei Antipoden: ein Klassizist, ein Freistilmeister. Übrigens bin ich für die Auswahl 1968 – anders als es der Dokumentarteil des Magazins der Berliner Festspiele jetzt zum 40. Theatertreffen wissen will – nicht verantwortlich gewesen. Ich wäre dann sogar dem Juror Hellmuth Karasek um ein Jahr zuvorgekommen und heute schon älter als Stein, Karasek und womöglich auch Zadek. Das geht nicht.

Erst ab 1984 habe ich das Treffen rund ein Jahrzehnt, ein Viertel seiner Zeit, als Jurymitglied begleitet. Und habe als Zuschauer 20 Jahre nach 68 ein Treffen Stein-Zadek der ganz besonderen Art erlebt: Da zeigte Zadeks fünfstündige Hamburger „Lulu“ in Berlin zum ersten Mal das ganze, ungekürzt-unzensierte Wedekind-Drama; und als sich die unschuldstolle und fast dauernackte Susanne Lothar und der liebestolle lebenswütige Ulrich Wildgruber (als Doktor Schön) irgendwann einmal unter einem Tisch am Boden wälzten, da sprang vor mir im Theatertreffenpublikum ein schwarz gekleideter Herr mehrmals, den Hals reckend, auf – wie sonst nur Kinder oder die Fans beim Sport. Er wollte, weil ihn das interessierte,wirklich alles sehen und nichts verpassen.

Dieser Enthusiast, den es nicht im Sessel hielt, war: Peter Stein. Peter von Becker

Mit vierzig kriegen normale Menschen eine Krise. Färben sich die Haare oder schneiden sich den Schnurrbart ab. Machen mit einem Wort: Maske. Das Theatertreffen, das dieses Jahr vierzig wird, hat in der Mitte des Lebens auch Hand an sich gelegt und das Spiegelzelt verschwinden lassen. Ja, geht denn das überhaupt: Theatertreffen ohne Spiegeltrinkerzelt, wie man in Fachkreisen sagt? Es war eine Institution, wacklig und fest zugleich. Wie das Theater selbst. Es hat, mit seinen altertümlichen Holz- und Glasverkleidungen, daran erinnert, dass Theater vom Zirkus und vom Jahrmarkt kommt. Und von den Bacchanalien natürlich.

Mein erstes Theatertreffen war der Jahrgang 1980, und ich erinnere mich am liebsten an Karge/Langhoff, die in der Bochumer Uraufführung „Lieber Georg“ spielten (gemeint war der Dichter Georg Heym, der beim Schlittschuhlaufen auf dem Wannsee ertrank), jenes souverän-chaotische Sportstück von Thomas Brasch. Von da an war mir das Theatertreffen: feste Größe, fixe Idee, fauler Zauber, Flugsimulator, der elegante oder magere Flaschenhals einer jeden Spielzeit – oder eine Art Theater-Fernheizung, wenn man den Winter über aus Berlin kaum rausgekommen und das Berlin-Theater furchtbar gewesen war. (In der Jury war ich nie, und es wird sich zeigen, ob man dafür in die Hölle oder in den Himmel kommt.)

Zehn Jahre später. Mai 1990. Das Münchner Residenztheater und Frank Castorf gastierten mit Lessings „Miss Sara Sampson“ (oder was er davon übrig gelassen hatte). Es war für viele West-Berliner das erste Mal, dass sie mit Castorfs Theater – auf diesem Umweg – Bekanntschaft machten. Erste Tumulte schon während der Vorstellung in der Freien Volksbühne. Und nachher, bei der Publikumsdiskussion im Spiegelzelt, die ich moderieren sollte, brach der nackte Wahnsinn los. Der Regisseur verspätete sich, und während er endlich aus der Kantine gezogen und der Münchner Schauspielchef Beelitz von Panik erfasst wurde, hatte Castorfs Protagonistin bereits das Zelt aufgemischt. Sie können ja nicht mal richtig Hochdeutsch, zischte ein inzwischen verstorbener West-Kritiker die Ost-Diva an – und wurde niedergebrüllt. Die großen Fragen: Warum man bei Lessing Schauspieler mit Niveacreme beschmieren müsse! Weshalb die Hauptdarstellerin in einem Pappkarton auf die Bühne getragen werde! Wozu die Rockmusik und die Wortspielchen (Miss Sahara Sampson)! Ost und West, Publikum und Theaterleute lagen sich in den Haaren, und da gab’s dann nichts mehr zu moderieren.

So muss Theater, so muss das Theatertreffen sein. Konfrontation, Neuigkeiten, Debatten! Sehr beliebt waren in den Achtzigerjahren die Diskussionen über Sinn und Unsinn dieses Treffens, das wahrscheinlich schon deshalb unsinkbar ist, weil es 1963, im selben Jahr wie die Fußballbundesliga und das ZDF, aus der Taufe gehoben wurde und zum Inventar dieses Landes gehört, das Reformnen nun mal nicht so gern hat.

Während meiner Theatertreffen-Lehrzeit schrieb ich einmal in einem Kommentar, man könnte doch zur Abwechslung auch die zehn „bemerkenswert“ schlechtesten Aufführungen eines Jahrgangs einladen. Dann und wann haben die Juroren diesen Ratschlag wohl auch beherzigt, was freilich dem Ruhm und dem unbeirrbaren Lauf des Theatertreffens keinen Abbruch tat. Jury-Bashing muss sein.

Es ist übrigens ein recht unsportlicher Wettbewerb: Preise werden nicht verliehen, und das olympische Motto „Dabeisein ist alles“ mag für die Zuschauer gelten, aber nicht in jedem Fall für die eingeladenen Bühnen. Etliche kleinere Bühnen hat man hier in der großen, bösen Stadt Berlin schon untergehen sehen. So ist das mit dem Theatertreffen. Man weiß nie, ob man eine alte Tante besucht oder eine neue, junge Freundin. Und wer am Ende mit zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig Jahren die Krise hat – ich, die Festspiele, die Jury, das Publikum, die Wirte oder wieder mal das ganze Theater. Rüdiger Schaper

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