Das Trio Hewar im Pierre Boulez Saal : Arabischer Klangzauber

Das Trio Hewar spielt im Pierre Boulez Saal. Ihr Sound an der Grenze von orientalischer Musik, Jazz und Klassik öffnet das Tor zu neuen Hörgewohnheiten.

von
Experimentiert gern. Der syrische Klarinettenvirtuose Kinan Azmeh.
Experimentiert gern. Der syrische Klarinettenvirtuose Kinan Azmeh.Foto: Jason Jong

Was für ein Konzert! Dass Intendant Ole Baekhöj für das erste Konzert mit Musik aus dem Nahen Osten im Pierre Boulez Saal ein Zeichen setzen wollte, war zu erwarten. Mit dem Trio Hewar sollte im wahrsten Sinne des Wortes der Dialog der Kulturen geführt werden, denn Hewar ist arabisch und heißt Dialog. Der syrische Klarinettist und Komponist Kinan Azmeh gründete mit dem in den USA lebenden Oud-Virtuosen Issam Rafea und der Sopranistin Dima Orsho das Trio, in dem die Musiker die Grenzen zwischen der Musik aus dem Nahen Osten, Jazz und der Klassik ausloten. Doch Issam Rafea konnte an dem Konzert am Freitagabend nicht teilnehmen, Trumps Einreisebann reichte bis in den Boulez Saal in Berlin. Rafea musste befürchten, als Syrer nach dem Auftritt in Berlin nicht mehr einreisen zu dürfen. Für ihn sprang der junge tunesische Violinist Jasser Haj Youssef ein.

Im Oval des Pierre Boulez Saals spielen die Künstler quasi mitten im Publikum: Musik, zum Greifen nah. Leise, dunkel und getragen beginnt Azmehs Klarinette, eine meditative Stimmung macht sich breit, Orshos Gesang, der wie ein zweites Instrument wirkt, tritt hinzu. Wenn sie singt, hält sie sich manchmal die Hand ans Ohr – die Musik wird dialogisch, die beiden musizieren einander zugewandt. Die Klarinette wird virtuoser und fröhlicher. Im zweiten Stück ist nun auch die Violine dabei, es scheint, als unterhielten sich die drei, in einem faszinierten fremden Idiom, das keineswegs folkloristisch wirkt. Wer einen Abend mit traditioneller arabischer Musik erwartet hatte, wird enttäuscht.

Das Trio testet Stimmungslagen, bleibt im Wesentlichen melancholisch getragen, manchmal wehklagend, manchmal meditativ. Zeitgenössische Musik aus Syrien kann zurzeit nicht übermäßig fröhlich sein. Jedes Stück klingt langsam aus, bis zum allerletzten Ton, der in diesem Saal in voller Reinheit auch bis zuletzt zu hören ist. Dann brandet Beifall auf.

Bilderreise durch den Pierre Boulez Saal
Anfang Februar 2017 üben die ersten Studenten der Barenboim-Akademie in dem Pierre Boulez Saal. Gleichzeitig werden verschiedene Formen der Bestuhlung getestet. In dieser Formation ist der Zuschauerraum um Einzelstühle vergrößert, der Musiker spielt auf einer kleinen Bühne.Weitere Bilder anzeigen
1 von 35Foto: © Fundacio´n Barenboim-Said
03.03.2017 15:04Anfang Februar 2017 üben die ersten Studenten der Barenboim-Akademie in dem Pierre Boulez Saal. Gleichzeitig werden verschiedene...

Kinan Azmeh experimentiert gern – und der vierte Stuhl auf der Bühne war ein deutlicher Hinweis darauf, dass es einen Überraschungsgast geben würde. Es ist der kurdische Perkussionist Hogir Göregen, „In a hurry“ hieß das Stück, zu dem seine Finger atemberaubend schnell über das Fell der großen, Daholla genannten Trommel fliegen. Die Stimmung verändert sich, es wird rhythmischer, die Zuhörer wippen im Takt mit und staunen, was dieser neue Konzertsaal alles bietet: Neue Klänge aus einer bisher weitgehend unbekannten Welt.

Die Trommel treibt, die Klarinette übernimmt das schnelle Tempo, am Ende stehen alle vier im Kreis und spielen einander an, Göregen mit ganzem Körpereinsatz und toller Mimik. Das Eis ist gebrochen, Göregen hat den Saal gerockt.

Am Ende singt das Publikum sogar mit

Nach der Pause wird es wieder meditativ, eine dunkle Klarinette wechselt mit einer gezupften Violine, manchmal scheint es, als befinde man sich in einem Jazzkonzert, es gibt sogar Zwischenbeifall. Kinan Azmeh erinnert an die arabische Tradition der Hochzeitsfeiern, wo die Gäste ihre Instrumente mitbringen und etwas improvisieren. Wieder trommelt Göregen beseelt, Azmeh nickt dazu wissend im Takt. Und dann erzählt er, wie er seinen syrischen Reisepass in New York am JFK-Flughafen, dem Tor zur Freien Welt, zückte und sich in einem Raum irgendwo im Gebäude wiederfand, wo er stundenlang mit seinen „Freunden aus Indien und Pakistan“ warten musste. Was tut da ein kreativer Mensch? Er komponiert das Stück „Airport“. Schöner und aktueller kann zeitgenössische Musik aus dem Nahen Osten nicht sein.

Azmeh und seine Kollegen haben etwas zu erzählen, bezaubern durch ihre Authentizität und ihre Freude am Musizieren. Und der Klarinettist schafft es sogar, das Publikum mitsingen zu lassen, „jadadadadei“, erst zögerlich, dann immer mutiger.

Der Saal jubelt und klatscht, eine Zugabe ist noch drin und dann verlassen die Zuhörer beseelt das Haus, diesen besonderen Ort, von dem man noch manche Überraschung zu erwarten hat. Das Trio Hewar hat dem Ansinnen der Barenboim-Said Akademie, den Dialog der Kulturen zu fördern, alle Ehre gemacht. Und das Tor zu neuen Hörgewohnheiten weit geöffnet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar