Kultur : Das trojanische Tor

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Von Rüdiger Schaper

Der Mythos ist rund. Das wussten bereits die Griechen, die ihren Heldensagenschatz in zwei Halbzeiten einteilten: die „Ilias“ und die „Odyssee“. Dass letztere einem immer etwas länger vorkommt und auch spannender als das ewige Taktieren und Abtasten des Trojanischen Kriegs, liegt an der Nachspielzeit in Ithaka.

In der Bundesrepublik setzte die Mythologisierung des Leders 1954 ein. Die Deutschen wurden Weltmeister wie der deus ex machina, und da waren sie wieder wer. Und sie erlebten auch gerade das so genannte Wirtschaftswunder. Politik, Ökonomie und Fußball zueinander in Beziehung zu setzen und gleichsam als Musilsche „Parallelaktion“ zu betrachten, ist natürlich ungeheuer verlockend. Es wurde zu einer deutschen Manie, mit der Intellektuelle ihre Fußball-Begeisterung glaubten legitimieren zu müssen. Nur: Seit dem „Wunder von Bern“ hat sich die Fußball-Soziologie im Grunde immer wieder selbst ad absurdum geführt.

1966 zum Beispiel. WM in England. Deutschland im Endspiel gegen den Gastgeber. Wembley-Tor. Spielte das DFB-Team deshalb so stark auf, weil in Bonn die Große Koalition regierte - oder wurden Seeler & Co. den politischen Verhältnissen zum Trotz Vizeweltmeister? Oder 1972, Europameisterschaft. Spiegelte das Dream- Team um Netzer, Müller, Beckenbauer etwa den gesellschaftlichen Aufbruch jener Jahre wider, nach dem Motto: Mehr Demokratie, ergo Spielkultur wagen? Und warum war die Pracht zwei Jahre später – trotz des WM-Titels für die Bundesrepublik – dann schon wieder vorbei? Weil Willy Brandt zurücktreten musste?

Schließlich die WM 1990 in Italien: Deutschland wurde, im Prozess der Wiedervereinigung, Weltmeister. Kohl war Kanzler: Doch wenn sein Politikstil auf das deutsche Spiel und die Taktik von Teamchef Beckenbauer abgefärbt haben soll, dann reichte der Einfluss des deutschen Regierungschefs bis nach Südamerika. Denn Deutschlands Endspielgegner Argentinien spielte unattraktiv, überhart, defensiv – deutsch, mit einem Wort.

Der fußballerische Feuilletonismus, der auf dem Spielfeld gesellschaftliche Studien treibt, hat sich als purer Unsinn erwiesen – wenn auch höchst unterhaltsam. Eine Legende, die sich lange hielt, besagte: Die Sowjetunion bringt es im Fußball nicht, weil der Kollektivzwang die Kreativität erstickt. Warum dann waren die ungarischen Staatsamateure in den frühen fünfziger Jahren das beste und tollste Team der Welt, wenn auch eben nicht Weltmeister? Auch der Auftritt der Polen bei der WM 1974 straft den Mythos Lügen. Die polnische Nationalmannschaft bestand aus nichts anderem als exzellenten Individualisten. Und der verblüffende Erfolg der Südkoreaner im laufenden Turnier erzählt eine andere Geschichte: Hier glänzte das Kollektiv.

Lang leben die Klischees. Die Theorie-Bolzer der Frankfurter Fußball-Schule haben seit den siebziger Jahren unverdrossen ihren kulturpessimistischen Catenaccio gepflegt. England übrigens, das Fußball-Mutterland, spielt vollkommen unbeeindruckt seinen Stiefel herunter, seit Jahrzehnten. Dabei ist es gleich, ob Maggie Thatcher knallharten Wirtschaftsliberalismus praktiziert oder Tony Blair seine neue, moderne Sozialdemokratie verkündet. Und Frankreich war ein überragender, unwiderstehlicher Welt- und Euromeister, weil ...? Ja, weil fußballerischer Erfolg oder Misserfolg, fußballerische Ästhetik vielleicht auch dann und wann einfach sportliche Ursachen hat.

Aber gibt es überhaupt unpolitischen Sport? Wohl kaum. Die eigentliche Frage lautet, ob und wie gesellschaftliche Systeme das Spielsystem beinflussen und prägen.

Argentinien wurde 1978 im eigenen Land Fußball-Weltmeister. 1976 hatte das Militär in Buenos Aires geputscht. Faschisten kamen an die Macht. In Argentinien wurde gefoltert. Der damalige argentinische Trainer hieß Cesar Luis Menotti, ein mondäner, blitzgescheiter Linker. Nach dem Finale verweigerte Menotti dem Junta-Chef Videla den Handschlag und erklärte doppelsinnig: „Meine talentierten, klugen Spieler haben die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt.“ Doch: Haben sie den Titel für oder gegen die Junta gewonnen? Erst recht erweist sich Brasilien als Theorieschreck. Pelés Triumphe waren nicht nur von Samba und Karneval am Zuckerhut begleitet, sondern auch von einer Militärdiktatur. Und wenn Ronaldo & Co. am Sonntag gegen die Deutschen ihren fünften WM-Titel gewinnen sollten, herrschen im Heimatland demokratische Verhältnisse – was man so in Südamerika unter Demokratie versteht.

Ein deutscher Endspielsieg in Yokohama wäre gut für Schröder und die Konjunktur, raunen die Auguren. Aber diesmal ist die Lage vertrackt. Rudi Völlers Truppe spielt nicht sehr schön – und sehr erfolgreich. Die europäische Konkurrenz – Frankreich, Italien, Portugal – war matt und platt, Holland hatte sich gar nicht qualifiziert. Von wegen Multikulti: Das französische Integrationsmodell scheint sich auf dem Fußballfeld schon wieder entzaubert zu haben. Und spricht das nun für einen Sieg Stoibers am 22. September?

Fußball lässt sich für alles und jedes vereinnahmen, und am Ende ist der Ball doch versprungen, weil rund. Seltsamerweise gibt es immer noch viele Anhänger eines vor-kopernikanischen Fußball-Weltbildes, nach dem der kleine Nike-Globus eine Scheibe sei, mit einer durchaus sportlichen und einer ideologischen Seite. Bei all dem kontextuellen Gekicke muss man an ein Wort des früheren Bayern-Stürmers Bruno Labbadia denken, der unsterblich formulierte: „Das wird von den Medien hochsterilisiert.“

Wie wäre die Geschichte wohl ausgegangen, hätte Odysseus nicht ein großes Holzpferd, sondern einen dicken Ball vor die Mauer Trojas gerollt? Genauso. Die Trojaner hätten ihre Deckung aufgegeben, ihr leeres Tor dargeboten und das Finale verloren. Weil es der Mythos so will. Von den alten Griechen kann man lernen, dass es wenig bringt, blind anzustürmen. Heute übrigens wird die griechische Nationalmannschaft von Otto Rehhagel, einem Deutschen, trainiert. Die Koreaner haben einen Holländer, Senegal einen Franzosen. Diese Form des Transfers schlägt endgültig allen fußball-ethnographischen Fässern den Boden aus: Nicht beim Fußball rumpelt’s, sondern im Kopf.

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