Kultur : Das Tuch der Tücher

Der Palästinenserschal: Nachruf auf einen politfolkloristischen Basisartikel – aus gegebenem Anlass

Harald Martenstein

Es war in Bulgarien. Wir standen vor einem Laden mit sensationell billigen T-Shirts. Eines der T-Shirts trug das Che-Guevara-Porträt, das berühmte mit der Baskenmütze. Das Kind, damals zwölf, wollte es haben. Che Guevara ist bei der Jugend wieder schwer angesagt, ähnlich wie Bob Marley.

Natürlich überkommt einen Vater, der selber einmal ein Che-Guevara-Poster besessen hat, mit 14 oder 15, in solch einer Situation ein Gefühl der Rührung. Natürlich ist man erleichtert, wenn das Kind keine Springerstiefel und keine Reichskriegsflagge haben möchte. Che Guevara war immerhin intelligent, sympathisch und gut aussehend. Wenn er allerdings gesiegt hätte, dann hätte Che Guevara mit Hilfe seiner Intelligenz und seines Charismas sowie mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Terrorregime errichtet. Ich weiß, das klingt spießig. Spießer an der Regierung sind manchmal die bessere Lösung, aber die Jugend begreift das ja nicht.

Der peinlichste aller Politfolkloreartikel der vergangenen Jahrzehnte ist das Palästinensertuch gewesen. Arafats Tuch. Am Anfang nur in rot oder schwarz, später gab es auch andere Farben. Yassir Arafat selber war bei der deutschen Linken nicht übermäßig populär, er ist zu klein und dick gewesen, er verhielt sich zu taktisch und zu tückisch. Er war nicht der geradeaus in den Tod marschierende Heldentyp, obwohl er sich als solcher stilisiert hat, ständig in Uniform, mit der Pistole im Halfter, sogar bei seiner Rede vor der UNO. Arafat war eine Karikatur von Che Guevara. Typisch, dass er im Krankenhaus stirbt, und bei seinem letzten Auftritt eine Gartenzwergmütze trug.

Vor ein paar Jahren hat Helge Timmerberg in der „Süddeutschen“ einen Text über das Tuch der Tücher veröffentlicht, das nicht nur um den Kopf geschlungen wurde, sondern auch als Tischdecke, Wandteppich oder Spülhandtuch zum Einsatz kam, angeblich sogar als Babywindel. Timmerberg listete auf, welche Requisiten typisch für einen linken, jungen und deutschen Haushalt der 70er und frühen 80er Jahre waren. Die Kampfmütze im Fidel-Castro-Stil. Die Ray-Ban-Sonnenbrille, die auch Gaddafi trug, das größte männliche Sexsymbol der muslimischen Welt. Die Ghandilatschen. Die bunte Mütze aus Tibet, berühmt auch aus dem Film „About a Boy“. Patschuli-Parfüm. Kaffee aus Nicaragua. Man könnte noch die chinesischen Ballonlam1pen dazunehmen.

Einige dieser Gegenstände schrien „Revolution!“, andere flüsterten „Frieden!“. Jeder hat sich damals seine ganz persönliche Politfolkloremischung zusammengebraut, die etwas aggressiver oder etwas peacemäßiger ausfiel, je nach Temperament. Als einziger Gegenstand aus dieser Liste hat das Palästinensertuch später sogar eine zweite politische Karriere gemacht, heute ist es bei Neonazis beliebt.

Wo kommt das Tuch überhaupt her? Ursprünglich war es unter dem Namen „Kafiya“ eine der üblichen Kopfbedeckungen in den arabischen Dörfern. Zum politischen Symbol für arabischen Widerstand wurde es während des antibritischen Aufstands in Palästina, 1936 bis 1939. Die militärischen Träger des Aufstands, die bäuerlichen Fedayin, forderten alle arabischen Männer auf, den städtischen Fez und den europäischen Hut abzulegen und die Kafiya zu tragen.

Von den Frauen verlangten die Fedayin, sich wieder mit Kopftuch und Schleier zu verhüllen. In dieser Hinsicht waren bei den Araberinnen in den Städten damals die Sitten recht locker geworden. Viele von ihnen folgten dem Vorbild der Engländerinnen und der jüdischen Siedlerinnen, sie verzichteten zumindest auf den Schleier, oft sogar auf das Tuch.

Für die neuen, revolutionären Kleidervorschriften gaben die Fedayin militärische Gründe an: Den Briten sollte es erschwert werden, in den Menschenmassen der Städte die Mudjahedinkrieger zu erkennen. In Grunde standen jedoch antimoderne, religiös-fundamentalistische Gefühle dahinter. Das Tuch war eine Waffe im Krieg des flachen Landes gegen die Sittenverderberin Stadt, im Krieg der Tradition gegen den Wandel, der religiösen Orthodoxie gegen Reform und Verweltlichung. Die Kafiya ist eine Verwandte der Burka, mit der in Afghanistan die Taliban den Frauen das Leben zur Hölle machen.

Von all dem hatten die jungen deutschen Linken keine Ahnung. Ihr Techtelmechtel mit dem Tuch sowie mit dem Terrorismus der PLO ist ihnen oft zum Vorwurf gemacht worden. Das Tuch sei ein Symptom für linken deutschen Antisemitismus. Diese Sichtweise unterschätzt die Naivität der meisten Palästinensertuchträger. Außerdem trug man das Tuch auch in San Francisco, London und Paris. Die irische IRA, die baskische ETA, die palästinensische PLO – wer immer das Wort „Freiheit“ auf seine Fahnen geschrieben hatte, galt der Jugend als sympathisch, auf die Details achtete man im Überschwang der freiheitlichen Gefühle nicht so genau. Die Schwachen hatten immer Recht, die Starken hatten immer Unrecht.

Wenn es bei all dem etwas spezifisch Deutsches gab, dann wahrscheinlich das Bedürfnis nach positiven, heldenhaften, männlichen Leitbildern, ein Bedürfnis, das von der Vätergeneration dieser Zeit begreiflicherweise nicht erfüllt werden konnte. Statt der moralisch bankrotten Väter verehrte man Che, Fidel Castro und, ein klein wenig, sogar ihre missratene Kopie Arafat.

In Wirklichkeit bedeutete Arafat das Gegenteil von Freiheit. Unter einem siegreichen Präsidenten Arafat hätten die Palästinenser einen Staat bekommen, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Freiheit, es sei denn, man hält Syrien oder Libyen für freie Länder. Das Che-Guevara-T-Shirt haben wir nicht gekauft, obwohl es sensationell billig gewesen ist.

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