Kultur : Das Überleben und nichts anderes

Silvia Hallensleben

James Moll drehte den ersten Kino-Dokumentarfilm der Shoah FoundationSilvia Hallensleben

825 000 Juden lebten 1941 in Ungarn. Als das Land im Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde, waren 620 000 von ihnen ermordet. Dabei hatten die Deutschen das seit 1940 mit ihnen verbündete Horthy-Ungarn lange Zeit relativ in Ruhe gelassen, obwohl sich die dortigen Regierungen der Verfolgung der ungarischen jüdischen Bevölkerung weitgehend verwehrt hatten.

Erst am 19. März 1944, als es so aussah, als könnte Ungarn unter dem Ansturm der Roten Armee vorzeitig kapitulieren, marschierten deutsche Truppen in Ungarn ein. In den folgenden neun Monaten zeigten die Nazis unter Adolf Eichmann und dem Reichsbevollmächtigten SS-General Vessenmayer, was sie in den letzten Jahren gelernt hatten. Das Tempo, die Brutalität und die Effizienz, mit der bis Sommer 1944 die Vernichtung der ungarischen Juden betrieben wurde, sieht aus wie eine verzweifelte letzte Kraftanstrengung des Regimes. Allein von Mai bis August wurden 440 000 ungarische Juden in 140 Zügen in Konzentrationslager deportiert. Die Kriegsniederlage zeichnete sich ab. Umso unverständlicher, findet der amerikanische Historiker Dr. Randolph Braham, dass die Nazis da noch so viel Energie auf die kräftezehrenden Einsätze zur Vernichtung der Juden verwandten.

Braham ist einer der wenigen "Experten", die in dem Film "Die letzten Tage" zu Wort kommen, dem ersten Kinofilm der von Steven Spielberg ins Leben gerufenen Survivors of the Shoah Visual History Foundation. Steven Spielberg selbst agiert als ausführender Produzent, für Regie und Schnitt zeichnet James Moll verantwortlich, Gründungsmitglied der Shoah Foundation.

Die Hauptpersonen von "Die letzten Tage" sind fünf ungarische Überlebende, drei Frauen und zwei Männer. Der heutige Kongressabgeordnete Tom Lantos. Die Künstlerin Alice Lok Cahana, deren Schwester Edith im Frühjahr 1945 kurz nach der Befreiung aus dem KZ Bergen-Belsen starb. Bill Basch, der in Budapest im zionistischen Untergrund kämpfte und 1945 auf einem der berüchtigten Todesmärsche einen kranken Freund nicht vor den Nazis schützen konnte. Renée Firestone, deren Schwester Klara Menschenversuchen zum Opfer fiel und die jetzt für die Simon-Wiesenthal-Stiftung arbeitet. Und Irene Zisblatt, die noch dachte, sie würde zur Weinlese fahren, als sie den Viehwaggon nach Auschwitz bestieg.

Alle fünf sind heute Amerikaner. Alle erzählen bereitwillig vom Sofa aus ihre Geschichten, alle reisen auch mit dem Filmteam in ihre Herkunftsorte und zu den Stätten des Schreckens zurück. Dabei vermischen sich die einzelnen Stimmen in der chronologischen Erzählung des Films zu einem Chor, der die Geschichte der Verfolgung der ungarischen Juden von ersten antisemitischen Vorfällen über die Deportationen bis zur Emigration erzählt.

"Die Ereignisse in Ungarn waren ein Mikrokosmos dessen, was allen europäischen Juden widerfahren ist", meint June Beallor, Ko-Produzentin des Films. Und so sollte wohl auch "Die letzten Tage" nicht ein weiterer Dokumentarfilm über den Holocaust werden, sondern der Film, der in fünf Schicksalen das Leiden des jüdischen Volkes spiegelt. Auch die Protagonisten sollten die verschiedenen Regionen und Stände Ungarns vertreten. Damit aber stellt der Film sich eine Falle. Denn so allumfassend er einerseits sein will, so sehr beschränkt er sich auf einen begrenzten Wahrnehmungswinkel: derer, die es im doppelten Sinne geschafft haben. Auf merkwürdige Weise scheint der Schrecken hier auf weiten Strecken ausgeblendet, ja, verbannt. Vielleicht auch, weil die Helden, allesamt erfolgreich und proper, an der Vergangenheit nur gewachsen, nicht zerbrochen zu sein scheinen. Dass Filme über Überlebende immer auch das Nicht-Überleben ausklammern, ist ein grundsätzliches Problem. Hier wird es verschärft durch die dezidiert idealistische Haltung der Filmemacher, die "ein Zeugnis vom geistigen Triumph des Menschen geben wollen".

Die Erzählweise des Films steht dazu in merkwürdigem Widerspruch. Seine Sequenzen sind im rasanten Ein-Satz-Pro-Statement-Beat geschnitten. Das Ergebnis wirkt zwar "rund", die einzelnen Elemente aber haben ihre Eigenständigkeit und die Kraft verloren, sich auch einmal aneinander zu reiben. So wird auch die Individualität der Helden zerstört - und sodann mit künstlicher Dramaturgie wiederhergestellt, etwa durch die pathetische Musik (Hans Zimmer) oder durch markante Bilder und Episoden, die so aalglatt aufbereitet werden, dass man sie für inszeniert halten möchte. Dabei geht es nicht darum, dass sich die Kids lieber Claude Lanzmanns "Shoah" ansehen sollen. Die Lehre aus "Die letzten Tage" scheint eher zu sein: wenn Spielberg, dann lieber Spielfilm. "Schindlers Liste", der Spielfilm mit dokumentarischem Gestus ist paradoxerweise eine wahrhaftigere Annäherung an die Geschichte als dieser mit Spielfilmmitteln aufgemotzte "Dokumentarfilm".Ab morgen in den Kinos Hackesche Höfe, Eiszeit (auch OmU) und Broadway (OmU)

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