Kultur : Das überlebende Gedächtnis

PETER BECKER

Vom "shoa business" bis zum "rituellen Gedenken" ist die historische Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit ins Gerede gekommen.Aber zuallererst ist die Erinnerung von ihrer eigenen Flüchtigkeit bedrohtVON PETER VON BECKER"50 Jahre Israel", "30 Jahre Achtundsechzig", gestern der 8.Mai, übermorgen der 9.November - Gedenktage und Jubiläen prägen, fast notorisch, einen Teil des öffentlichen Lebens.Nicht nur im Laufe der jahrelangen Diskussionen um das für Berlin geplante Holocaust-Denkmal ist immer wieder auch die Warnung vor einem sinnentlehrt "rituellen Gedenken" geäußert worden.Einen emphatischen Vorstoß, gedacht wohl in diese Richtung, hat diese Woche auch Ulrich Raulff in der FAZ unternommen.Der Feuilletonchef des Blatts sieht gar einen "obsessiven Zwang zur zeitgeschichtlichen Aufklärung" über "die europäische Zivilisation" gekommen.Mit Verweis auf ein neues Buch des französischen Historikers Henri Rousso ("La hantise du passé" - "Die Geister der Vergangenheit") polemisiert Raulff gegen einen "aktuellen Gedächtniskult", der nur emotionalisierend wirke und sich mit distanzierter historischer Forschung nicht vertrage.Statt "die Wahrheit über sich" wie zu Nietzsches Zeit bei "Griechen und Germanen" zu suchen, widme man sich heute "den Opfern einer kaum erkalteten Vergangenheit".Raulff behauptet pauschal nicht nur eine Verkürzung des "historischen Blicks", sondern warnt vor einer "Irrationalisierung der Vergangenheit" durch individuelle oder kollektive Erinnerung: "Denn die Geschichte kann man kontrollieren, die Erinnerung aber läßt sich nicht lenken."Dieses Fazit klingt grotesk.Denn weder "die Geschichte" noch die Geschichtsschreibung ist ein rational (völlig) steuerbarer Prozeß; und jede Erinnerung, die zur Quelle der Historie werden kann, ist auch subjektiv - und sehr wohl beeinflußbar: sie kann so gut trügen wie bezeugen.Ohne Erinnerung, ohne Gedächtnis aber existiert keine Kultur, keine Zivilisation.So ließe sich kulturkritisch auch ohne Kassandrarufe leicht beweisen, daß mit der ungeheuren Beschleunigung und quantitativen Vermehrung von Information und Kommunikation zugleich das Vergessen(müssen) grassiert.Der Mainstream, sagt der Kulturwissenschaftler Harald Weinrich, läßt auch den Fluß Lethe - für die Griechen das Gewässer des Vergessens - heute gewaltig anschwellen.Selbst in den Fluten des öffentlichen Gedenkens gibt es wie den Gezeitenwechsel auch ein Auf und Ab des Erinnerns, Vergessens, Verdrängens, und es entstehen alte und neue Legenden.So gehört zum Mythos der Achtundsechziger-Ära, daß sich heute Verfechter wie Kritiker auf das auratisch-ominöse Jahr "68" beziehen, als hätte fast alles, was gerade Gegenstand der Kulturkritik ist, erst damals so richtig begonnen.Beispielsweise suggerieren neuere Debatten über den Holocaust - angeregt durch Filme wie "Schindlers Liste", durch Goldhagens Buch über "Hitlers willige Vollstrecker" oder den Streit um das Berliner Denkmal -, es habe die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialimus und seinen Verbrechen, wenn nicht jetzt, so allenfalls erst mit der 68er-Revolte und einem Aufstand der Nachkriegsgeneration gegen ihre Väter ernstlich angefangen.Bis zur Mitte der 60er Jahre, heißt es, sei die alte Bundesrepublik im Kalten Krieg erstarrt gewesen, ein gleichsam versiegeltes Land, wirtschaftlich erfolgreich, aber politisch restaurativ.In Wahrheit aber hatte die Bundesrepublik auch vor Adenauers Regierungsende (1963) schon mehr als nur ein Gesicht.Sie war noch - was sie heute aus biologischen Gründen fast nicht mehr ist - ein "Land der Täter".Aber Konrad Adenauers Entscheidung, mit Hans Globke einen früheren Kommentator der Nürnberger Rassegesetze zu seinem Staatssekretär zu machen, galt längst als politischer und moralischer Sündenfall.Und: NS-belastete Minister mußten abtreten, Publizisten, Philosophen und Psychoanalytiker wie Ernst Kogon ("Der SS-Staat", zuerst 1947), Karl Jaspers mit seinen zeitkritischen Schriften oder Alexander Mitscherlisch ("Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft", 1963, "Die Unfähigkeit zu Trauern", 1967) hatten in der öffentlichen Diskussion weit größeren Einfluß als heute noch Enzensberger und Grass oder gar Botho Strauß.Ein anderes Beispiel: Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre zeigte das damals konkurrenzlose öffentlich-rechtliche Fernsehen zur besten Sendezeit, nach der "Tagesschau", in zehn Folgen seine Dokumentation "Das Dritte Reich", in dem wir Jüngeren erstmals die Filmaufnahmen von Deportationen, Erschießungen und von den Leichenbergen in den befreiten Konzentrationslagern sahen.Auch vom Eichmann-Prozeß in Jerusalem wurde 1961, ebenfalls im Anschluß an die "Tagesschau", Abend für Abend berichtet.In diesem Zeitklima schließlich wurde Rolf Hochhuths "Stellvertreter" 1963 - mit den nachfolgenden Debatten um die Mitverantwortung des noch amtierenden Papstes am Genozid - zum Weltereignis; und Peter Weiss schrieb die 1965 an sechzehn Bühnen der Bundesrepublik und der DDR gleichzeitig uraufgeführte "Ermittlung", basierend auf den Aussagen der Frankfurter Auschwitz-Prozesse, welche in der ersten Hälfte der sechziger Jahre den Rassenwahn und Völkermord zum täglichen Zeitungsthema gemacht hatten.Last not least auch Hannah Arendts Studie "Eichmann in Jerusalem" (1963 / 64): eine Studie, die mit ihrer These von der "Banalität des Bösen" kaum weniger diskutiert wurde als Goldhagen heute.Das alles gibt keinen Anlaß zur nachträglichen Selbstgerechtigkeit.Die Erinnerung daran verweist nur auf die Flüchtigkeit gerade auch des historischen Gedenkens.In Wahrheit gibt es heute in keiner der immerzu auf Jugend, Fortschritt, Zukunft setzenden Zivilisationen so etwas nachgerade archaisch Anmutendes wie einen: "Gedächtniskult".Vielmehr bedarf das Gedächtnis der Kultivierung, des stetigen Trainings - und mit jedem sich noch erinnernden Zeugen einer Zeit stirbt ein Stück jenes Selbst-Bewußtseins der Menschheit, das man (zumeist eine Spur idealisierend) ihr kollektives Gedächtnis nennt.Das oft fragende, streitende, anklagende Gespräch zwischen Zeitzeugen und Nachgeborenen hat in Deutschland vor allem in den sechziger Jahren begonnen oder sich, von der Kultur- und Generationsrevolte angeheizt, erregter fortgesetzt.In Israel war das ganz anders.Zwar gehörte die Shoa mit zur Grund-und Gründungsrealität des neuen Staats.Aber der Kampf um diesen Staat und sein weiteres Überleben ließ kaum Zeit für die (quälende) Selbsterforschung und Wiedererinnerung.Es gab eine psychologisch wie psychotherapeutisch notwendige Verdrängung, der Überlebenden und ihrer Kinder.Beide wollten nicht an die Zeit der Demütigung und des Grauens erinnert werden.Auch außerhalb Israels waren manche Schriftsteller und Holocaust-Überlebende erst nach jahrzehntelangem Abstand fähig, über Auschwitz zu schreiben: so Imre Kertész, Aleksandar Tisma, Cordelia Edvardson und Ruth Klüger.In Israel begann das große, generationsübergreifende Gespräch (und Aussprechen) über den Massenmord am jüdischen Volk in den achtziger Jahren, nach dem Krieg im Libanon 1982.Die Kinder des Staates Israel, die Sabres, waren als Nachgeborene der Opfer nunmehr von Kriegshelden (1967, 1973) auch zu Besatzern und tragisch in anderes, ungewolltes Unrecht verstrickten Tätern geworden.So brachen erste Selbstzweifel auf, wuchs bei den Linken und Liberalen der Wille zum Frieden, so fingen Diskussionen in den israelischen Familien und in der Gesellschaft an.Und plötzlich erlebte man auf allen privaten und publizistischen Ebenen eine Welle der oral history.Die Älteren fingen an, von jenem eigenen und zugleich ferngerückten Planeten in Europa zu erzählen, den der 1954 in Jerusalem geborene Schriftsteller David Grossman in seinem vor zwölf Jahren erschienenen großen Roman "Stichwort: Liebe" immer das "Land Dort" genannt hat.Aus jenem so undeutlichen, unheimlichen Land kommt der irrsinnig gewordene Großvater des Jerusalemer Kindes, das im Heranwachsen endlich erfahren will, was "Dort" war.Das Projekt des Berliner Holocaust-Mahnmals als monumentalster Akt einer - für sich notwendigen - Gedenkkultur wird nun von seinen letzten, ehrenwertesten Befürwortern damit begründet, daß es in einigen Jahren keinen einzigen lebenden Zeugen, kein Opfer und keinen Täter des Menschheitsverbrechens mehr geben wird.Darum sagt Ignatz Bubis: "Jetzt oder nie." Dieses Argument, das durchaus auch Gegenargumente weckt, ist die Hülle um einen tatsächlich unbestreitbaren, unspaltbaren Kern.Alle Diskussionen um die historische Erinnerung der jüngsten deutschen und europäischen Geschichte müssen die näherrückende Zeitmauer, hinter der dann niemand aus dem Land Dort mehr sein wird, bedenken.Die Perspektive des einst anwesenden Subjekts, der sich suggestiv einfühlend und manchmal fragwürdig simulierend auch Goldhagen bei seiner Art Geschichtsschreibung bedient, ist selbst für jede objektivierende Forschung ein Teil der Historie.Ein Teil der Wahrheit.Und mehr als nur shoa business bedeutet Steven Spielbergs in seinem Umfang einmaliges, unwiederholbares Projekt, möglichst alle noch auffindbaren Holocaust-Überlebenden bei etwa einstündigen Film-Interviews zu befragen.Diese aus den Millionenerträgen von "Schindlers Liste" finanzierte weltweite Feldforschung hat inzwischen zu rund 47.000 Interviews geführt, und am Ende sollen es 50.000 Dokumente sein.Bisher existiert außerhalb der USA nur in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem eine "Kopie" dieses digitalen elektronischen Archivs.Es auch nach Deutschland zu holen, wäre ein Stück (über-)lebender Gedächtniskultur.Wäre mehr als ein Denkmal nur aus Stahl und Beton.

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