Kultur : Das unerklärte Rollen des Steines

KNUT EBELING

Man kann Künstler verschiedentlich sortieren.Beliebt ist nach wie vor die Einteilung nach Geschlechtern.Geblieben sind auch die institutionellen Plattformen der Frauenförderung.Die renommierteste unter ihnen ist das Künstlerinnenprojekt Goldrausch, das seit Jahr und Tag Berliner Künstlerinnen aller Nationen und Haarfarben beim Erwachsenwerden hilft.Obwohl man nicht weiß, ob man der jungen Künstlerin jene "Strategien berufsbezogenen Selbstmanagements" wünschen sollte, die ihr in einem achtmonatigen "Professionalisierungskurs" geboten werden, gilt Goldrausch als Kaderschmiede hoffnungsvoller Talente.

Auch in der nunmehr neunten Ausgabe wird allseits auf einen gelungenen Start in die Künstlerkarriere gehofft.Mit von der Partie sind diesmal 15 Künstlerinnen, die aus 200 Bewerberinnen ausgewählt wurden.Wie in den vergangenen Jahren lassen sich die Goldrausch-Frauen von keinem Thema bei ihrem Tun stören.Das einzige Motto lautet: Jeder arbeitet für sich, aber helfen tun wir uns gemeinsam.So kann man die 15 schmucken Einzelpositionen nach der Reihe Revue passieren lassen und nach dem Rundgang durch den Marstall glauben, sich einen Überblick über das weibliche Kunstschaffen verschafft zu haben: Wobei wirklich "weiblich" nur die adretten Lesbenpornonachstellungen im Barbiepuppenformat von Kerstin Drechsel sind, ferner die Fotoserie von Mihyun Paek, die Kleiderträume Wirklichkeit werden läßt - und vielleicht noch die vegetativ-erotischen Zeichnungen von Beate Halbleib, die ihr beim Telefonieren oder auf dem Arbeitsamt entgleiten.

Ansonsten kann man das Weiblichkeits-Label getrost vergessen.Das angespannte Interesse an der weiblichen Differenz ist einem unverkrampften Umgang mit dem Eigenen gewichen.Anstatt die Sisyphusarbeit der Identitätsfindung zu leisten, rollen die Frauen, wohin ihr Stein sie auch führen mag.Wirklich interessieren sich die Goldrausch-Frauen nicht für ihren Unterschied.Statt dessen zeigen sie sich: verspielt wie Doris Kuwert und ihre laboriale Versuchsanordnung, die mit Kabeln, Flaschen und allerlei Alufolie Klänge und Bewegungen verschiebt; publikumsorientiert wie Yvonne Trapp, die neben den Ergebnissen ihres Forschungsprojektes zum Thema männliche Muse Äpfel gegen Bilder tauschen läßt; nachdenklich wie eine Fotoserie von Elke Zacher; versiert wie Juliane Duda mit ihrem "Transitraum"neugierig wie die Filmsequenzen einer Reise nach China von Anja Knecht; konzentriert wie Ingrid Bayer, die eine minimalistische Holzskulptur baute; berechnend wie Rosa Loy, die Körperertüchtigungsmaßnahmen zwischen neuer Sachlichkeit und Post-Pop malt; oder einfach hübsch wie die sich an den Wänden des Marstalls entlanghangelnden Raumkringel von Roswitha Peatel.

Anders als in jüngsten Überblicksausstellungen zu zeitgenössischer Kunst gibt es im Marstall auch wieder Malerei zu sehen.Den Schnee von morgen zeigt Daniela Pukropsky mit ihren pastosen, Schicht für Schicht aufgetragenen Farbfeldern; Nina Reese bringt großformatige Eitempera-Bilder in postminimalistischer Tradition; und Katrin Hoffert übermalt abgemalte Foto-Motive mit unterseeischen Tönen.Den abgelegensten Raum im Marstall hat Lena Ziese bekommen.Hinter eine wunderbare Verfremdung von Alltagsgegenständen hat sie an die Wand geschrieben: "Bis heute ist unklar, warum der Stein auf den Berg mußte."

Marstall, Schloßplatz 7, bis 13.Dezember.Künstlerinnengespräch am 13.12., 16 Uhr.

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