Kultur : Das Unglück der anderen

Jeff Kanews „Babij Jar“ erinnert an ein vergessenes Massaker

Kerstin Decker

Die Welt ist ein Dorf – hier trifft es zu in einem ganz und gar unheimlichen Sinne. Es ist nichts in der Welt, was nicht vorher im Dorf war, oder anders gesagt: Man wird die großen Verbrechen nicht verstehen ohne die kleinen. Und das wollte Artur Brauner, Sohn eines jüdischen Holzhändlers aus Lódz, wohl, als er diesen Film produzierte: dass wir noch einmal ein Verbrechen verstehen. Dass wir verstehen, wie am 30. September 1941 in „Großmütterchens Schlucht“ (Babij Jar) vor Kiew 33 771 Männer, Frauen und Kinder ermordet werden konnten.

Mit der allerersten Szene von Jeff Kanews Film ist ein eigentümlicher Sog da. Zwei Jungen gehen baden im großen Fluss. Der eine dreht sich auf den Rücken, schwimmt und stößt irgendwo an. Es gibt keine Übergänge im Leben. Vielleicht gibt es nur ein Fallen von einer Wirklichkeit in die andere. Oder eben ein Sich-Umdrehen. Der Junge hält einen Toten umfasst. Er schreit, schwimmt weg von ihm und mitten hinein in eine Armada von Toten. Es gibt wirklich keine Übergänge im Leben. Denn man kann selbst nach einem solchen Totenbad einfach wieder nach Hause gehen. Auch wenn nach diesem Anblick jedes Zuhause eine Lüge ist, schon das Wort ist eine, aber das wird Stepan erst später wissen. Noch gibt es das für ihn – ein Zuhause. Im Grunde ist es ein Doppelzuhause. Denn solange der Junge denken kann, leben zwei Familien miteinander im selben Haus. Die Lerners und die Oufrienkos.

In der letzten Zeit denkt Stepans Mutter Lena Oufrienko noch ein anderes Wort, wenn sie an ihre Nachbarn denkt. Juden, denkt sie. Früher wäre ihr das nie eingefallen. Und noch einen Gedanken hat sie gedacht: Wie gut es doch wäre, man hätte statt eines halben Hauses ein ganzes. Nun gut, nicht für sich selbst, aber für ihre Tochter, die jetzt heiraten will. Darf man so etwas denken?

Auch hier der Ausgang vom privatesten Raum, von der kleinsten, monströsesten Frage. Von einer Erfahrung, die jeder kennt: die (un)heimliche Freude am Unglück anderer. Und wenn man sich im nächsten Augenblick dafür zu Tode schämt. Das Seltsame ist nur: Diese Lena Oufrienko schämt sich nicht. Sie stürzt sich geradezu hinein in den Abgrund der Idee, das Unglück der anderen könnte der Beginn des eigenen Glücks sein.

Katrin Saß hat ohne Zweifel die schwierigste Rolle in „Babij Jar“. Denn dass kein Verbrechen in der Welt ist, das nicht vorher im Dorf war – der Nachweis lastet auf ihren Schultern, auf ihrem Gesicht. Es ist sehr schwer, diese Frau zu verstehen, die plötzliche Verhärtung eines Menschen – einer Mutter – wider besseres Wissen. Freud hat einmal vom „physiologischen Schwachsinn des Weibes“ gesprochen. Vielleicht hilft das Wort hier weiter. Es meint, die Frau kann nur Nester denken. Sie ist die Hüterin und Verteidigerin ihres Nestes, und das ist die einzige Logik, die ihr zugänglich ist. Wenn die These auch vom physiologischen Schwachsinn der Psychoanalyse mitzeugt – für Lena Oufrienko trifft sie zu. Das (Un-)Recht der Nesterlogik gibt ihr, der Verräterin, diesen eigentümlichen Stolz: Warum soll ich, wenn die anderen in Gefahr sind, auch das Eigene in Gefahr bringen? Katrin Saß spielt keine Monstren. Nicht mal hier.

Privat – das Wort könnte ein Schlüssel sein zu diesem Film. Vielleicht sind die privatesten Blicke ohnehin die erschreckendsten. Wenn man beginnt, den Ärger des SS-Manns Oberst Blobel (Axel Milberg) über seine Vorgesetzten mitzudenken. 30 000 Juden soll er liquidieren. Typische Vorgesetztenidee. Wie soll er das denn machen? Das Unvergesslichste an „Babij Jar“ ist vielleicht dieses Oberst-Blobel-Porträt, das zeigt, was absolute Macht mit Menschen anrichtet. Und das Oberst-Blobel-Porträt weitet sich zu dem, was kein Film sonst zeigt: die Minuten nach dem Massaker. Denn es ist – Feierabend.

Adria, Colosseum, Cinemaxx Potsdamer Platz, UFA-Palast Alexanderplatz, Kant-Kinos

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