Kultur : Das Universum der Kunst als Mitte der Stadt

Peter Klaus Schuster

Was auf dem Gelände geschehen soll, das heute in die Liste des Weltkulturerbes der Unesco aufgenommen wirdPeter Klaus Schuster

Die Antike als unwiederholbare Vergangenheit, die es im Reich der Künste und der Museen wieder herzustellen galt, dies ist der Grundgedanke für Schinkels Gemälde "Griechenlands Blüte". Es ist geradezu das Programmbild für den neuen "Masterplan zur Berliner Museumsinsel" als einer geistigen Mitte nicht nur für Berlin. Unter dieser reflexiven Antiken-Perspektive ahnt man plötzlich, dass der jetzt in Angriff genommene Wiederaufbau der Museumsinsel überhaupt erstmals die Chance zu ihrer Vollendung bietet. Denn nichts weniger versucht unser Plan für die Berliner Museumsinsel als die Wiedergewinnung ihrer Gründungsidee und damit die Umsetzung ihres tatsächlich ersten "Masterplans"

Friedrich Wilhelm IV., der königliche Erfinder der Berliner Museumsinsel, hat diese Gründungsidee 1841 klar formuliert mit seinem Wunsch, "die ganze Spree-Insel hinter den Museen zu einer Freistätte für Kunst und Wissenschaft umzuschaffen". Dies war mehr als nur eine Erweiterung des Schinkelschen Museumsgebäudes. Als Freistätte für Kunst und Wissenschaften war die Museumsinsel im Rücken von Schinkels Kunsttempel vielmehr von Anfang an konzipiert als die höchst ehrgeizige Verwirklichung einer Bildungsidee, die in der Weimarer Klassik grundgelegt, durch die Brüder Humboldt nach Berlin transferiert und die in Schinkels Kunsttempel erstmals architektonische Gestalt erlangt hatte. Als gesellschaftliches Wesen politischen wie religiösen Normen unterworfen, ist der Mensch nach Überzeugung dieses Bildungsideals im Reich der Künste und der Wissenschaften ganz frei. Die Ausdehnung dieses Bildungsglaubens auf die Anschauung wie das Studium aller Künste und Kulturen der Welt, das macht die Einzigartigkeit der Berliner Museumsinsel aus.

Kennerschaft und Gelehrsamkeit

In der Mitte Berlins und mithin Preußens - und ohne die Rivalität zu Ludwig I. und seiner Kunsthauptstadt München gar nicht verständlich - sollten die Künste und Wissenschaften auf der Museumsinsel als einem entrückten Ort ihre Residenz beziehen. In Gestalt einer vielteiligen und hoch aufragenden Akropolis hat der Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler diese Vision einer "Freistätte für Kunst und Wissenschaften" auf der Museumsinsel 1862 in einer Lithographie festgehalten. Deutlich orientiert an Schinkels Idealplänen für die Residenz eines kunstliebenden Herrschers, verwandelt Stüler die Museumsinsel in eine Tempelstadt, deren Gebäude durch Kolonnaden und Verbindungsbauten vielfältig miteinander kommunizieren.

Weit weniger dieser idealen Bildungshumanität als vielmehr den Bedürfnissen eines prosperierenden Preußen und seit 1871 des Deutschen Reiches nach nationalstaatlicher Repräsentation verdankt sich tatsächlich der so rapide Ausbau der Berliner Museumsinsel. Es war die Zweckallianz aus Kennerschaft, Gelehrsamkeit, bürgerlichem Mäzenatentum und höchster staatlicher Gunst, die seit 1830 in hundert Jahren das Wunder der Berliner Museumsinsel als einem einzigartigen Universalmuseum hervorgebracht hat. Angesichts der ungeheuren Fülle der Berliner Sammlungen hat erstmals Wilhelm von Bode den Gedanken ins Spiel gebracht, mit der Gemälde- und Skulpturengalerie die Museumsinsel zu verlassen, um in der Nähe des damals im Martin Gropius-Bau errichteten Kunstgewerbemuseums ein neues Zentrum der europäischen Sammlungen zu bilden. Einer solchen Auflösung der Museumsinsel nach Spezialquartieren hat der Archäologe und damalige Generaldirektor Richard Schöne entschieden widersprochen. Nach seiner Vorstellung galt es, das Gesamtkunstwerk der Museumsinsel zu erhalten. Er verfügte deshalb 1882, dass "alle Sammlungen der großen Kunst" weiterhin ihren Platz auf der Insel haben sollten. Diese Konzeption machte sich schließlich auch Bode zu eigen, indem er 1897 das Kaiser Friedrich-Museum - das heutige Bodemuseum - für Gemälde und Skulpturen und 1912 das Pergamonmuseum zur Erweiterung der archäologischen Sammlungen durchsetzte.

In arkadischen Gefilden

Durch entsprechende Verbindungsbauten waren alle Sammlungsgebäude mit Schinkels Altem Museum als ihrem Ursprung verbunden. Eine Ausnahme bildete nur die Nationalgalerie. Von Stüler wie eine Stadtkrone über der Museumsinsel erhoben, ist dieser isolierte Museumstempel inmitten seines Gartenbereiches durch rundum laufende Kolonnaden dennoch in ein ausgesprochen verlockendes Kommunikationssystem einbezogen. Es wies die Museumsinsel bereits damals als ein arkadisches Gefilde aus, in dem man sich trockenen Fußes zwischen den einzelnen Gebäuden ergehen konnte.

Die Nationalgalerie als Sammlung für zeitgenössische Kunst hatte frühzeitig zudem mit Hugo von Tschudis so heftig diskutierten Erwerbungen der französischen Impressionisten deutlich werden lassen, dass es bei den Sammlungen der Museumsinsel gerade nicht um Vollständigkeit, sondern um höchste künstlerische Qualität geht. Das heißt, der begrenzte Platz auf der Museumsinsel regulierte den universalen Anspruch der Berliner Sammlungen. Im Versuch eines differenzierten Ganzen aus sehr Verschiedenem bestand das Faszinosum dieses Gesamtkunstwerkes Museumsinsel. Als in sich kommunizierende Palast- und Tempelstadt der Künste bildete sie auch geistig die absolute Mitte Berlins.

Nach den Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg besteht mit dem neuen Masterplan die einzigartige Chance zur Wiederherstellung der Berliner Museumsinsel, ihrer Gebäude sowie auch ihres universalen Museumsorganismus. Erstens geht dieser Masterplan von der denkmal- wie nutzergerechten Generalsanierung der Museumsgebäude binnen zehn Jahren aus. Zweitens sieht der Masterplan vor, dass die als Solitäre definierten Museumsgebäude eine gemeinsame Erschließung durch ein zentrales Eingangsgebäude und eine durchgehende unterirdische Passage haben werden.

Dieses zentrale Eingangsgebäude, für das der englische Architekt David Chipperfield gerade erste Entwurfs-Überlegungen begonnen hat, wird dem Neuen Museum Stülers am Kupfergraben vorgelagert sein. Stülers Neues Museum wird mithin als Museums- und Sammlungsgebäude zurückgewonnen: und zwar für die Bestände des Ägyptischen Museums, der Antikensammlung und der dem Mittelmeer-Raum und dem Imperium Romanum entstammenden Bestände des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Der Dialog dieser Sammlungen eröffnet sich dem Besucher im Neuen Museum ebenso wie in der archäologischen Promenade wie in den Ausstellungsräumen des vorgelagerten Eingangsgebäudes. Im architektonischen Dialog mit diesem neuen Eingangsgebäude wird das dahinter aufragende Neue Museum wieder in jenes Gebäudeensemble zurückintegriert, das einst das pittoresk Verwunschene der Museumsinsel signalisierte.

Die letzten Geheimnisse

Die vom zentralen Eingangsgebäude aus zu betretende Archäologische Promenade reicht mit klarer Achsialität durch die Sockelgeschosse und zahlreichen Innenhöfen von Schinkels Altem Museum bis zum Bodemuseum. Als direkteste Verbindung zwischen den verschiedenen Museumsgebäuden bietet diese Passage zugleich einen Anschauungsraum für die Kulturleistung der archäologischen Wissenschaften, das Freilegen der Menschheitsgeschichte unter der Erdoberfläche. In der weiträumigen Unterwelt werden Zentralthemen von der Schriftenentwicklung über die geradezu gigantische archäologische Bibliothek der Berliner Museen auf Papyri, Tontafeln und antiken Steininschriften bis hin zu den unterschiedlichsten Formen der Sepulkralkultur ausgebreitet. Was heute etwa im Museum für Vor- und Frühgeschichte im Schloss Charlottenburg durch abgedunkelte Fenster und Höhlenkulissen skurril inszeniert ist, die Entdeckung menschlicher Kunst und Zivilisation unter der Oberfläche gewinnt in dieser archäologischen Promenade erstmals anschauliche Evidenz.

Diese archäologische Promenade ist somit auch ein Anschauungsraum der ersten und letzten Geheimnisse, die alle Kulturen verbindet. Zugleich ermöglicht sie von einer zentralen Stelle aus eine problemlose und zudem sammlungsschonende Zirkulation für die zahlreichen Besucher wie für die technischen Dienste durch alle Häuser. Ungeachtet dessen werden die einzelnen Museumsgebäude ihren jeweils separaten Eingang behalten und auch oberirdisch durch das wiederhergestellte Kolonnadensystem wie durch die erstmals geöffneten Betriebshöfe und deren Verwandlung in Gartenanlagen eng miteinander kommunizieren. Mehr als je zuvor wird die Museumsinsel als durchlässiger Campus zu einer erlebbaren "Freistätte für Kunst und Wissenschaften".

Ihre Vollendung erfährt die Museumsinsel durch den Masterplan auch deshalb, weil die Insel nach diesen Vorgaben erstmals ausschließlich für die Sammlungen und ihre Besucher vorgehalten wird. Diese Sammlungen sollen in integrierter Aufstellung die Hauptwerke der archäologischen wie europäischen Sammlungen umfassen, wobei die Alte Nationalgalerie mit derKunst des 19. Jahrhunderts den Abschluss des Rundganges markiert. Um aber dem gesamten Spektrum der Berliner Museen gerecht zu werden, sollen auch die einst von der Insel wegverlagerten Sammlungen außereuropäischer Künste und Kulturen wie auch die Hoch- und Alltagskünste des 20. Jahrhunderts in temporärer Präsentation im Obergeschoss des Alten Museums anschaulich werden.

Diese Ausstellungen, ergänzt durch Leihgaben vor allem aus den reichen Sammlungen der Staatlichen Museen und komponiert als eine Art Bildatlas zur Weltkunst und Menschheitsgeschichte, diese Ausstellungen im Obergeschoss des Alten Museums sollen nach dessen Generalsanierung (voraussichtlich nach 2007) enden in einem von der Antike ausgreifenden Prolog zu allen Sammlungen auf der Museumsinsel: unter dem noch sehr vorläufigen Titel "Wege des Abendlandes".

Reize der Ruinenschönheit

Wenn dieses Konzept, lange nach der Amtszeit vieler heute Amtierender, zum Tragen kommt, bedeutet das möglicherweise auch ein Umdenken bei der Belegung des Neuen Museums. Denn wie auch immer man das Alte Museum saniert, es wird nach all den bereits vorgenommenen Renovierungen auch in den DDR-Zeiten in seinen Sammlungsräumen ein neues Museum sein. Die Aufstellung der Antiken kann dort kaum mehr so anmutungsreich wie noch in Schinkels Säulenhallen sein, sondern im besten Falle so neusachlich rein und nüchtern klar wie in den heutigen Sälen des Pergamonmuseums.

Das Neue Museum wird hingegen, wenn das Alte seines reichen Dekors nicht wieder komplett erneuert wird - wovor uns David Chipperfield im Verein mit einer nachdenkenden Denkmalpflege bewahren möge -, in seiner uns heute so beeindruckenden Ruinenschönheit verbleiben. Die reiche, geradezu hypotrophe antiquarische Gelehrsamkeit des 19. Jahrhunderts, bedeutsam fragmentiert durch die Zerstörungen des 20. Jahrhunderts, verwandelt sich wieder zurück in eine neue Kunstform aus erhabener Vereinfachung. Aus dem zierlich antiquarischen werden Erscheinungsorte wirklicher Archäologie, Architekturen mit merklichen Spuren bedeutsamer Vergangenheit.

Münchens Glyptothek hat nach dem Zweiten Weltkrieg eine solche Verwandlung erfahren. Döllgasts Wiederaufbau der zerstörten Alten Pinakothek spricht im neuen Treppenhaus die Sprache solch erhabener Vereinfachung. Von ähnlich eindrucksvoller Archaik profitierte auch die Inszenierung der ersten Documenta 1955 im Friedricianum und in der Orangerie in Kassel. Diese aus belassener Zerstörung gewonnene Archaik nobilitierte die Elementarformen der Moderne zu einem zeitlos Gültigen.

Ein der Zeit enthobener gültiger Kanon des Alten - Ägypten, Griechenland sowie die Vor- und Frühgeschichte -, hätte nach den Regeln dieses von David Chipperfield in seinen Entwürfen zum erneuerten Treppenhaus glänzend beherrschten archalisierenden Ruinen-Klassizismus seinen Ort im Neuen Museum. Jene Kunst hingegen, die bereits zu ihrer Entstehungszeit von sich weiß, dass sie vergangen ist (etwa die römische Skulptur nach griechischen Vorbildern), diese Kunst der antiken Renaissance hätte ihren idealen Platz im Alten Museum unter Schinkels Rotunde. Das Neue Museum indes erhält nun die Chance als eine Verfall thematisierende architecture parlante zu einem authentischen Ort des Alten zu werden. Das Alte Museum mit Schinkels Rotunde wird dem gegenüber zum ästhetisch gebrochenen Ort einer modernen Antikensehnsucht, wo ein Vergangenes als Bildungsideal abendländischer Kultur verehrt wird.

Einzigartige Bildungslandschaft

Wie auch immer die Entscheidung bei der Einrichtng der Sammlung zwischen Altem und Neuem Museum ausfallen wird, so ist doch mit dem jetzt vorgelegten Masterplan und einer öffentlichen Nutzung aller Sockelgeschosse auf der Museumsinsel bereits beschlossen, dass alle weiteren einst auf der Insel befindlichen Bereiche wie Depots, Werkstätten und Büros auf das einstige Kasernengelände am linken Ufer des Kupfergrabens gegenüber der Museumsinsel ausgelagert werden. Dabei ergibt sich aus der räumlichen Nähe zur Humboldt-Universität wie zur Staatsbibliothek eine ganz neue Konzentration von Bildungseinrichtungen, die einen Sog auch auf die anderen Universitäten und Museen ausüben werden und so die Möglichkeit zur Errichtung eines großen "Berliner Institutes für Kunst- und Kulturwissenschaften" eröffnen.

Mit dieser Perspektive lässt sich dann auf einer erweiterten Zeitschiene von "Zehn Jahren plus" durch eine wirkliche Neuordnung der Staatlichen Museen auch eine Neuordnung der Mitte Berlins zu einer einzigartigen Bildungslandschaft denken, in der Kunst und Wissenschaft ihre Freistätte in der Mitte der neuen und alten Hauptstadt des wieder vereinten Deutschlands einnehmen werden; und dies nicht als ein irgendwie nationalistisch gearteter Größenwahn, sondern mit den reichen Beständen eines Universalmuseums, das in Gestalt der Staatlichen Museen zu Berlin gerade das Flaggschiff des Kulturförderalismus dieser Bundesrepublik ist. Die Aufnahme der Berliner Museumsinsel in die Liste des Weltkulturerbes durch die UNESCO trägt dem singulären Rang dieser auch geistigen Museumsarchitektur Rechnung.Peter Klaus Schuster, Erfinder des Masterplans zur Restaurierung und Neugestaltung der Museumsinsel, ist Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin.

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