Kultur : Das unmögliche Tausend

Roman Halter erinnert sich an den Holocaust

Olga Martynova

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten die englischen Juden durch das Programm des „Jewish Refugee Committee“die Erlaubnis, eintausend jüdische Waisenkinder vom Kontinent nach England zu holen. Unter ihnen befand sich auch der 1927 in Westpolen geborene Roman Halter, der viele Jahre später darüber seine Erinnerungen schrieb. Allerdings war er nicht einer von tausend. „Später erfuhr ich, dass nur 735 gefunden werden konnten. Eineinhalb Millionen jüdische Kinder waren ermordet worden.“

Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatte Roman Halter, damals ein junger Mann von 18 Jahren, bereits schmerzvolle Erfahrungen gesammelt. Das Leiden beginnt für ihn 1939. Zunächst arbeitet er als Sklave bei einem deutschen Oberst in einem besetzten polnischen Dorf. Er erlebt, wie sein Spielkamerad, ein volksdeutscher Nachbar, ihn auf Anweisung des Obersts niederschlägt, wird zufällig Augenzeuge der Erschießung seiner Freunde im Wald – und bald darauf in in das Ghetto von Lodz deportiert.

Dort sieht er, wie sein Vater verhungert und seine Mutter zur Vernichtung abtransportiert wird. Dann folgen Auschwitz und zuletzt Zwangsarbeit in Dresden. Er überlebt als Einziger seiner Familie, teils durch Zufall, teils dank der Menschen, die ihm geholfen haben. Im Frühjahr 1945 gelingt ihm die Flucht aufs Land, wo er in einem deutschen Haushalt als vorgeblich polnischer Zwangsarbeiter aufgenommen wird. Der Mann, bei dem Halter arbeitet, wird von den Nazis Mitte Mai 1945 erschossen. Der Krieg ist eigentlich schon zu Ende.

„Romans Reise durch die Nacht“ ist ein erschütternder Bericht – auch da, wo es um das „friedliche und glückliche“ Leben im Vorkriegspolen geht. Denn einerseits trifft man hier auf Glück und Geborgenheit einer Kindheit. Andererseits erfährt man einiges über den privaten und staatlichen Antisemitismus. Beispielsweise, dass das unabhängige Vorkriegspolen in den Bildungseinrichtungen die Quoten für die Juden behielt, für die das zaristische Russland seinerzeit auf der ganzenWelt verurteilt worden war.

Man begreift, dass die nationalsozialistischen Verbrechen nicht in solchem Ausmaße möglich gewesen wären, wenn in den besetzten Gebieten nicht die Bereitschaft der Bevölkerung da gewesen wäre, daran mitzuwirken. Und man denkt unwillkürlich daran, dass in den neuen EU-Mitgliedsländern oft noch immer keine ernsthafte Auseinandersetzung damit stattgefunden hat.

Roman Halter: Romans Reise durch die Nacht. Bericht eines Überlebenden. Aus dem Englischen von Norbert Hoffman.

Edition Tiamat, Berlin 2007. 304 S., 18 €.

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