Kultur : Das unsichtbare Denkmal

Kunst des Beiläufigen: Venedig erinnert sich endlich an seinen Baumeister Carlo Scarpa

Bernhard Schulz

Vor den Giardini teilt ein Bauzaun ein Stück des Ufers ab. Der Blick durch die Bretterwand zeigt eine Anzahl von Steinblöcken, die unregelmäßig verteilt aus dem Wasser ragen. Ungewöhnlich, dass die allerorten von Schiffen anzusteuernde Uferlinie Venedigs unterbrochen wird. Doch hier geht es um ein Denkmal – zu Ehren der venezianischen Partisanen. Nein, der Partisaninnen.

Das Denkmal entstand 1969. Doch alsbald verschwand es aus dem Gesichtsfeld der Öffentlichkeit, wurde vernachlässigt und verunstaltet. Aus dem Denkort wurde ein Unort. Dabei war das Denkmal eigentlich die Antwort auf den Vandalismus, den sein Vorgänger ereilt hatte. Auf dem schmalen Streifen von Parkwegen, der zu den Giardini führt, erhob sich eine Skulptur aus Majolika. 1957 aufgestellt, wurde sie nur vier Jahre später zerschlagen. Übrig blieb der Betonsockel mit der Inschrift: „Der Veneto seinen Partisaninnen“.

Beide Denkmäler stammen in ihrem architektonischen Aufbau von Carlo Scarpa (1906 –1978). Der gebürtige Venezianer zählt in seiner Heimat zu den Größen der Architektur. Über den venetisch geprägten Teil Norditaliens hinaus ist er weniger bekannt, aber in und um Venedig wird er geradezu andächtig verehrt. Im Rahmen der diesjährigen Architekturbiennale ist ihm nun eine Ausstellung gewidmet, mit anspruchsvollem Titel: „Vom Ursprung der Dinge“. Die Erinnerung an den lange missverstandenen Baumeister vollzieht sich aber vor allem draußen, bei der überfälligen Restaurierungsarbeit am Partisanendenkmal.

Scarpa lernte an der Akademie Architekturzeichnen und lehrte Glasmalerei und -gestaltung – in Venedig ein ehrwürdiges Fach –, ehe er sich spät und weitgehend autodidaktisch dem Bauen zuwandte. Seine Verwurzelung im Handwerk ist all seinen Entwürfen anzumerken, in denen er insbesondere den Beton behandelte, als forme er ihn mit der Hand, nicht als Träger von Last, sondern als Material. Die Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen Bau und Dekoration, zwischen Architektur und Skulptur sind bei Scarpa fließend.

Seinem zurückhaltenden, stets jedoch anspruchsvollen, die Aufnahmebereitschaft des Betrachters beanspruchenden Werk ist ein „Architektur-Atlas“ gewidmet, den das Studienzentrum Andrea Palladio unter seinem Leiter Guido Beltramini erarbeitet hat. Ausstellung, „Atlas“ und der Besuch seiner Bauten in Venedig ergeben einen Eindruck, wie er so umfassend noch nie zu gewinnen war. Scarpa ist ein Meister des Beiläufigen. So hat er etwa für das Ausstellungsgelände der Biennale in den fünfziger Jahren kleine Ergänzungen geschaffen, die dem Besucher in aller Regel entgehen. Vor wenigen Jahren wurde stark beachtet, dass der kleine Skulpturengarten seitlich des Padiglione Italia, des Hauptgebäudes auf dem Giardini-Gelände, restauriert, ja überhaupt gesäubert wurde. Doch mittlerweile ist dieses Meisterwerk minimaler, ausdrucksstarker Intervention, das subtile Spiel von Beton und Backstein erneut in Vergessenheit geraten und wird als bloßer Durchgangsraum zwischen zwei Nebeneingängen des verwinkelten, dysfunktionalen Padiglione missachtet. Das subtile Spiel von Beton, Betonplatten und Backstein findet ersichtlich keine Beachtung.

Die Veränderung von Museen, das war Scarpas Spezialität. In Venedig ist es die Stiftung Querini Stampalia, die sein ganzes Vokabular vorführt: Bodenplatten auf leicht unterschiedlichen Höhen, offene Zu- und Abflüsse, die sogar Wasser des Kanals vor dem Haus einlassen, steinerne Kanten, dann die wechselseitige Durchdringung von Innenraum und Garten, dazu die elegante Eingangsbrücke in Holz und Naturstein. Im kleinen Ort Passagno weit im Norden des Veneto hat Scarpa 1957 das Museo Canoviano um einen spitz zulaufenden Seitentrakt erweitert, der die neoklassisch verstaubten Skulpturenarrangements des 1822 verstorbenen Antonio Canova zu lichter Autonomie befreit. Und in den Florentiner Uffizien hat Scarpa 1960 stählerne Gemäldehalterungen und Standvitrinen in die Ausstellungssäle integriert, die die Kunstwerke frei im Raum atmen lassen – heute Standard für die Präsentation mittelalterlicher Tafelbilder.

Eine der umfangreichsten Arbeiten Scarpas ist eine Grablege, ein Familiengrab. Bauwerk und Landschaft verschmelzen in der Anlage von San Vito d'Altivole bei Treviso, einem wahren Wallfahrtsort von Scarpa-Bewunderern. Höhlengleiche Kapellen, schmale Pfade durch geheimnisvolle Teiche, viel Dekor mit Anklängen an Japan und Wiener Werkstätten. Scarpa suchte eine neue Formensprache für die Monumentalität von Denk- und Grabmälern.

Sechs Jahre erst liegt die letzte Scarpa-Ausstellung in den Giardini zurück. Doch die Auseinandersetzung mit seinem Werk dauert unvermindert an, wovon die in den vergangenen Jahren stark angewachsene Literatur zeugt. Scarpas Werk ist sperrig. Schon gar nicht ist es schulbildend. Auch das macht seine Anziehungskraft aus, die Faszination eines großen Einzelgängers. Was sein Werk nötig hat, ist mehr Aufmerksamkeit ganz einfach für die Bewahrung der ausgeführten Bauten.

Venedig, Giardini, Padiglione Venezia, bis 23. November. Katalogheft 5 €. - Architecture Atlas (in englischer Sprache), Marsilio Editori, 318 S., 52 €.

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