• Das urbane Unbewusste: Sabine Hornigs "Rauhputz City" in der Berliner Galerie Barbara Thumm

Kultur : Das urbane Unbewusste: Sabine Hornigs "Rauhputz City" in der Berliner Galerie Barbara Thumm

Katrin Bettina Müller

Frauen und Männer, Kunst und Architektur: Zwei Begriffspaare, die von einer langen Geschichte der Hierarchisierung geprägt sind. Das große Geld und wirklichkeitsformende Macht liegen noch immer in den Händen der zweiten Kategorie. Deshalb ist es wohl kein Zufall, dass gerade Künstlerinnen den Blick auf das Unbewusste der Architektur lenken und nach ihrem Anteil an der geschlechtsspezifischen Zuschreibung von Handlungsräumen fragen.

Die Fotografien und Skulpturen der "Rauhputz City" von Sabine Hornig spielen mit der Umkehrung von Innen und Außen, Privatem und Öffentlichem. Den Skulpturen geht die fotografische Bestandsaufnahme voraus, die überall auf der Welt austauschbare Fassaden entdeckt: anonymisierende Massenware.

Ausgeklammert bleibt, wie sich dort im Innenraum die individuelle Einrichtung gegen die Uniformität der Außenhaut stemmt. Stattdessen entwickelt die Künstlerin in ihren Skulpturen merkwürdige Zwitterwesen. Eingänge mit Vordächern und Nischen werden als rundum gleich verputzte Kulissen nachgebaut. Einmal sieht man gleich neben der Haustür durch ein Fenster; doch statt eines Innenraums ist die Ansicht eines Gartens, in dem das gleiche Element noch einmal steht, als Foto auf der Scheibe aufgebracht. Diese Verschachtelung, die in der Skulptur "Rauhputz Forest" das Außen ins Innen verpackt, steigert die Verwirrung. So oft man auch den Eingang quert, nie kommt man hinein, nie kommt man hinaus.

Über Wände und ihre Forderungen an den Menschen schrieb der Philosoph Vilém Flusser in seinen phänomenologischen Skizzen: "Darum stellen sie mich in ihrer undurchsichtigen Ambivalenz vor die entsetzliche Wahl, die eine Entscheidung ausschließt: entweder aus ihnen herauszuschreiten, um die Welt zu erobern und mich dabei selbst zu verlieren, oder in ihnen zu verharren, um mich selbst zu finden und dabei die Welt zu verlieren." Entsetzlich und unentscheidbar ist diese Wahl, weil keine Möglichkeit der richtige Weg sein kann. Im Alltag löst man diesen Widerspruch mit Weggehen und Heimkommen. Die Bauelemente von Sabine Hornig aber sorgen für einen Moment des Beharrens auf dem Preis für die Trennung von Innen und Außen.

1993 wurde die englische Bildhauerin Rachel Whiteread mit ihrer Skulptur "House" bekannt, die das Innere eines dreistöckigen Reihenhauses wie einen Handschuh nach außen gestülpt hatte. Ihre Betonabgüsse der leeren Zimmer standen wie abholbare Container an der Straße, die auf die Vorstellung des Wohnens mit kalter Zugluft antworteten und von erzwungener Mobilität in Sanierungsvierteln erzählten.

Die Bildhauerin Sabine Hornig, die zurzeit Stipendiatin am PS1 in New York ist, verfolgt das Thema Wände bereits seit Anfang der 90er Jahre. Sie hat unzugängliche Räume entworfen, deren Existenz nur durch Oberlichter erahnbar ist: 1994 baute sie in die Berliner Sammlung Volkmann das unbetretbare "Nebenzimmer", das zwischen Innenraum und Außenfassade geschoben ist. In anderen Einbauten verlor man in den Gängen zwischen engen Wänden die Orientierung, da Innen- und Außenwahrnehmung immer wieder auseinander fielen. Man war auf Spekulationen über die andere Seite angewiesen. Architektur wurde in diesen Räumen zu etwas, das große Macht über unsere Erschließung der Welt besitzt. Hornigs "Rauhputz City" formuliert nicht mehr ganz so scharf.Galerie Barbara Thumm, Dircksenstr. 41

bis 4. März; Dienstag bis Freitag 13-19 Uhr, Sonnabend 13-18 Uhr.

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