Kultur : Das Urteil des Paris

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Hans Christoph Buch über Nigerias Misswahlen, Porno und Politik

Spätestens seit dem Fußballkrieg zwischen Honduras und El Salvador ist bekannt, wie aus sportlichem Spiel blutiger Ernst werden kann. Weniger bekannt ist, dass dies auch für Misswahlen gilt, deren erotisches Knistern hierzulande keinen Hund hinter dem Ofen hervorzulocken vermag. Aber die Harmlosigkeit täuscht, denn in der Dritten Welt sind Schönheitswettbewerbe ein Politikum, das, wie jetzt in Nigeria, auch einen Bürgerkrieg auslösen kann. Das beginnt schon bei der Haut und Haarfarbe der Kandidatinnen, die gerade in Regionen mit dunklem Bevölkerungsanteil vorzugsweise Blondinen sind – in Island oder Skandinavien ist es umgekehrt. So kam es einer Revolution gleich, als Kolumbien, ein afrikanisch geprägter Karibikstaat, kürzlich eine Schwarze zur Schönheitskönigin kürte, während die derzeitige Frau von Argentiniens Ex-Präsident Menem, selbst arabischer Abstammung, eine platinblonde Miss Universum ist. Je bankrotter das Land, desto glamouröser die Misswahlen.

Von hier aus ist es nicht mehr weit zum Einstieg eines Porno-Stars in die Politik, wie er sich beispielhaft in Italien vollzog – Stichwort Cicciolina. Seriöser war da schon die politische Karriere von Venezuelas Schönheitskönigin Irene Saenz, die im Präsidentschaftswahlkampf kandidierte und heute Bezirksbürgermeisterin von Caracas ist – die ehemalige Miss Universum gilt als ernsthafte Herausforderung für den Populisten Chavez.

Was jedoch in Nigeria geschah, sprengte die Show, denn hier traf die Misswahl auf eine zwischen islamischem Norden und christlich-animistischem Süden gespaltene Gesellschaft. Nigeria ist das bevölkerungsreichste, aber auch korrupteste Land Afrikas, mit explosivem Konfliktstoff: Eine durch Militärputsche verhinderte Demokratisierung paart sich mit ethnischem Hass, der sich im Biafra-Krieg mit einer Million Toten entlud, vor dem Hintergrund eines Öl-Booms, der das Niger-Delta in einen Chemiesumpf verwandelt hat: Seine Warnungen vor einer ökologischen Katastrophe musste der Schriftsteller Ken Saro-Wiwa mit dem Leben bezahlen. „Nur Masochisten mit einem perversen Hang zur Selbstbestrafung können in Nigeria ihre Ferien verbringen“, schreibt Chinua Achebe, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels.

Ausgerechnet dorthin reisten also die schönsten Frauen der Welt, ohne zu wissen, dass im Norden Nigerias die Scharia herrscht und Ehebrecherinnen gesteinigt werden. Kein Wunder, dass die Kombination von Misswahlen und Ramadan Tote gefordert hat. Schon der erste Schönheitswettbewerb der Geschichte, das Urteil des Paris, säte Zwietracht unter den Göttern und führte zum Trojanischen Krieg.

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