Kultur : Das Urteil von Zagreb

Der kroatische Autor Predrag Matvejevic soll ins Gefängnis, weil er Kollegen „beleidigt“ hat

Caroline Fetscher

Als die Mauer fiel, war Predrag Matvejevic mit seinem Schriftstellerfreund Claudio Magris in Berlin unterwegs, ein Chronist des Mittelmeers mit einem Chronisten der Donau. Zur selben Zeit, als die beiden Schriftsteller 1989 an diesem Ort zu Zeugen von Europas Euphorie wurden, braute sich in Matvejevics Herkunftsland Jugoslawien ein fataler Cocktail des Nationalismus zusammen. Er führte zum bewaffneten Konflikt. 1991 schrieb Matvejevic an Serbiens Kriegstreiber Milosevic: „Jetzt könnten Sie noch Ihre Würde und Ihr Gesicht wahren, indem Sie zurücktreten. Später wird Ihnen allein der Suizid bleiben.“

Milosevic brachte nicht sich um, sondern sein Land. Heute steht er in Den Haag vor den Richtern eines UN-Tribunals. Jetzt soll, Wahnwitz und Ironie, sein politischer Gegner von einst ebenfalls ins Gefängnis. Am 2. November verurteilte ein Zagreber Gericht Predrag Matvejevic „wegen Verleumdung und Beleidigung“ zu fünf Monaten Haft – ein für das moderne Kroatien nach Tudjman beispielloser Fall. Selbst Premierminister Ivo Sanader bezeichnet das Urteil gegen der Autor als „unannehmbar“. Er spreche dabei, sagt er, als Mitglied des Pen-Klubs, nicht als Politiker, dem solche Äußerungen nicht zustehen.

Matvejevic, geboren 1932 in Mostar als Sohn einer Kroatin und eines Ukrainers, Professor für Literaturwissenschaften, der an der Sorbonne wie in Zagreb gelehrt hat, der seit den siebziger Jahren engagiert für verfolgte Dissidenten eintrat und 1986 Vizepräsident des Internationalen Pen-Clubs wurde, beließ es im Fall Jugoslawien nicht bei dem einem Brief an Milosevic. Unermüdlich schrieb er gegen die „alte, balkanische Paranoia“ und deren aktuelles Aufflammen an. Sein Kollege Magris hat ihm damals dabei geholfen, einen italienischen Pass zu erhalten, und so lebt und lehrt Matvejevic nun in Rom, „zwischen Asyl und Exil“. In Deutschland wurde er bekannt durch sein mit Preisen überhäuftes Buch „Der Mediterran. Raum und Zeit des Mittelmeerraums“, das 1993 hier erschien. Erste Skizzen dieses mediterranen Logbuchs schrieb er übrigens als Schiffsjunge auf einem griechischen Segler. Viel beachtet wurde auch Matvejevics „Die Welt Ex“, Essays über den Konkurs der Utopie des Sozialismus, auf Deutsch erschienen 1997. Heute zieht der 73-Jährige an der Universität „Sapienzia“ weiterhin die Bilanz der jugoslawischen Katastrophe, ohne Scheu, Kollegen als Mitverursacher beim Namen zu nennen, Autoren, denen er ihre flammenwerfenden Schriften vorhält: als Taten, als „ethnische Säuberung“ in Wortform.

So polemisierte Matvejevic im November 2001 in der kroatischen Tageszeitung „Jutarnji List“ wider die Intellektuellen mehrerer Landesteile des zerfallenen Jugoslawien. Schreibende Täter wie Dobrica Cosic, Momo Kapor, Matija Beckovic und Mile Pesorda bezeichnete er metaphorisch als „unsere Taliban“, als fanatische Fundamentalisten unterwegs in der falschen Sache. Während sich andere, etwa der notorische serbische Nationalist Dobrica Cosic daraufhin mit Bedacht bedeckt hielten, begehrte einer der Attackierten auf. Mile Pesorda, geboren 1950 im kroatischen Grude, erhob Anzeige wegen „Beleidigung und Verleumdung“. Ihn hatte Matvejevic offenbar besonders bloßgestellt. Als bosnisch-herzegowinischer Kroate – und in dieser Eigenschaft erbitterter ethnischer Nationalist – hatte Pesorda während des Bürgerkrieges der Kroaten gegen ihre muslimischen Nachbarn einen Dichter und Drehbuchautor, Abdulah Siran, öffentlich in einem Artikel beschimpft und ihn als „serbisiert, schlimmer als die Serben selbst“ bezeichnet. „Vom sicheren Zagreb aus“, empört sich Matvejevic, „einen muslimischen Dichter, der im beschossenen Sarajevo festsitzt“ als „serbisiert“ zu bezeichnen, „das ist absolut eines Taliban würdig“. Dergleichen wollte Pesorda nicht auf sich sitzen lassen. Zwar hätte er schon damals im Krieg besser geschwiegen. Doch die Lektionen der Ereignisse kamen bei ihm nicht an. Umso mehr wuchs sein Zorn auf den berühmten Widersacher Matvejevic.

Weder Matvejevic noch seine Anwältin waren allerdings sonderlich in Sorge. Nach der Ära Tudjman schaffte man in der Justiz des modernen Kroatiens, auf dem Weg in die Europäische Union, jene Paragrafen ab, die es leicht gemacht hatten, Intellektuelle wegen ihrer Meinung zu inhaftieren. Niemand rechnete mit diesem Urteil vom 2. November. „Es war ein völliger Schock“, sagt die Anwältin des Autors, Vesna Alaburic, während ihr Mandant Matvejevic erklärt: „Da ich das Urteil nicht anerkenne, gehe ich auch nicht in die Berufung. Wenn es sein muss, trete ich diese Haftstrafe an.“ Matvejevic sieht sich in einer Reihe mit verfolgten Autoren „wie Solschenizyn, Sacharov, Brdski, Danilo Kis, Vaclav Havel, Milan Kundera, Czeslaw Milosz“ – und dem aktuellsten Fall, Orhan Pamuk, den man in Ankara wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ einsperren will. Sind auch die Vergleiche groß gewählt, so hat Matvejevic doch selbstverständlich Recht. Seine doppelte Staatsangehörigkeit schützt ihn vor Auslieferung. Betritt er aber kroatischen Boden, müsste er sofort festgenommen werden: ein unhaltbarer Umstand.

Kroatien wie die Türkei warten ungeduldig vor den Toren der Europäischen Union – und sorgen selbst dafür, dass diese nicht so schnell aufgehen. In der Türkei leugnet die Regierung den Völkermord an den Armeniern. In Kroatien tun sich die Politiker schwer, den gesuchten Kriegsverbrecher General Ante Gotovina aufzuspüren, der hunderte serbischer Zivilisten auf dem Gewissen haben soll. Wer Anspruch darauf erhebt, einer Kultur der Menschenrechte anzugehören, kann sich solche Haltungen so wenig erlauben wie dieses groteske Fehlurteil gegen jemanden, der vom Wort Gebrauch macht, um gegen Gewalt Einspruch zu erheben.

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