"Die Zeit des Ornaments ist vorbei"

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Das Van-de-Velde-Jahr : Ein Apostel der Ästhetik
1907/08 baute Henry van de Velde das Haus für seine Familie.
1907/08 baute Henry van de Velde das Haus für seine Familie.Foto: Jens Hauspurg

Van de Velde, der im Jugendstil wurzelt, geht zugleich weit über ihn hinaus – „Die Zeit des Ornaments aus Blüten, Haaren und Weibern ist vorbei“, grenzte er sich deutlich von der Dekorationslust des Jugendstils ab. Als Beförderer des Übergangs erst vom Historismus in den Jugendstil und aus diesem gleich wieder hinaus und in die Moderne des 20. Jahrhunderts ist van de Velde, der in Berlin, Weimar, in den Niederlanden und schließlich im heimatlichen Belgien in Gent und Antwerpen wirkte, eine Figur von europäischer Bedeutung.

Im Neuen Museum Weimar – einem Neorenaissance-Bau von 1869 – sind die Möbel, Geschirre, Stoffdesigns van de Veldes versammelt, dazu in Fotografien die Architektur, die zum wichtigsten Betätigungsfeld des Autodidakten wurde. In Mitteldeutschland ist eine ganze Reihe seiner bis ins Detail durchdachten Villen erhalten, die er für wohlhabende, dem Neuen gegenüber aufgeschlossene Bauherren errichten konnte. Und Weimar besitzt mit dem Nietzsche-Archiv zudem eine öffentliche Einrichtung, deren Ausstattung unverändert erhalten ist und seit nun 110 Jahren unverändert ihre Gebrauchstüchtigkeit demonstriert.

Was van de Velde und seine wohlhabenden Auftraggeber unter einem Leben in Schönheit und Harmonie verstanden, zeigt am besten die herrliche Speisetafel, die im größten Saal des Museums aufgebaut ist, für zehn illustre Gäste mit elegantem, in blauen Linien abstrakt geschmücktem Geschirr und feinsten Silberwaren, alles von dem Belgier entworfen, der erst in Deutschland ein aufgeschlossenes Publikum fand.

Die Großherzogliche Kunstschule und ihr in der offiziellen Rangordnung minder angesehenes Schwesterinstitut, die Kunstgewerbeschule, verdanken van de Velde Gebäude, die bis auf den heutigen Tag wunderbar zu nutzen sind. Helle Ateliers mit in die Dachschräge übergehenden Metallrahmenfenstern, die der Selfmade-Architekt aus Belgien kannte und von dort importieren ließ, boten Malern und Bildhauern ideale Bedingungen. In dem ursprünglich fensterlosen, allein durch einen gläsernen Deckenspiegel belichteten Festsaal, in dessen Außenwand zu Lüftungszwecken alsbald ein Fenster gebrochen werden musste, versammeln sich bis heute die Angehörigen des Design-Fachbereichs der Bauhaus-Universität, zu deren in Weimar verteilten Standorten das um einen geradezu intimen Platz geordnete Kunstschul-Ensemble zählt.

Walter Gropius, 1915 in einer letzten Amtshandlung vom scheidenden Direktor van de Velde als Nachfolger vorgeschlagen und tatsächlich berufen wurde, brauchte hier mit seiner Neugründung des „Bauhaus“ genannten Instituts nur einzuziehen und fand ideale Bedingungen für die Frühphase das zunächst auf Handwerk und Künstlertum ausgerichteten Bauhauses vor.

Van de Velde musste im Ersten Weltkrieg Deutschland verlassen, er ging zunächst in die Schweiz, dann in die Niederlande und wurde erst 1925 wieder in Belgien tätig, als Professor in Gent. Die Luxusproduktion aus individuell gefertigten Einzelstücken überlebte sich mit dem Krieg und der Verarmung Europas. Niemand konnte und wollte Herrenzimmereinrichtungen bestellen, die so viel kosteten wie ein einfaches Einfamilienhaus. Van de Veldes Weimarer Wohnhaus, für seine mit fünf Kindern gesegnete Familie plus standesgemäßer Dienstmädchen errichtet, ging 1917 in den Verkauf.

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